Zwanghaftes Haareausreißen stoppen – aber wie?

Das zwanghafte Haareausreißen ist ein komplexes Störungsbild. Effektive Behandlungsmöglichkeiten sind wenig bekannt. Hier ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Haare ausreißen, um Spannung abzubauen

Unter Trichotillomanie versteht man das wiederholte Ausreißen der eigenen Körperhaare. Hierbei werden vor allem Kopfhaare, aber auch Schamhaare, Augenbrauen und Wimpern, einzeln oder büschelweise entfernt. Folge ist ein in der Regel sichtbarer Haarverlust mit kleineren bis größeren kahlen Stellen. Vor dem Haareausreißen besteht eine hohe Spannung, gefolgt von einem Gefühl der Entspannung und Befriedigung danach. Die Betroffenen können dem Impuls, die Haare auszureißen, nicht widerstehen. Oft ist nicht das eigentliche Ausreißen des Haares, sondern die darauffolgende orale Beschäftigung damit, wie darauf herumkauen, zerteilen, etc. die „genussvolle“ Handlung. Das Verzehren der Haare wird als Trichophagie bezeichnet. Eine weitere Variante ist die Trichotemnomanie, bei der Haare zwanghaft abgeschnitten oder rasiert werden.

Besondere Merkmale der Zwangsstörung

Die Erkrankung zählt zu den Zwangsstörungen und verläuft häufig chronisch mit vielen Rückfällen. Sie ist mit niedrigem Selbstwertgefühl, hohem Stresslevel und bedeutsamen sozialen und beruflichen Einschränkungen verbunden. Komorbid treten häufig Depressionen, Angst- und andere Zwangsstörungen auf. Effektive und nachhaltig wirksame Behandlungsansätze sind daher besonders wichtig.
Beim zwanghaften Haareausreißen ist zwischen einer automatischen, gewohnheitsmäßigen und einer fokussierten Form zu unterscheiden. Letztere wird ausgeführt, um unangenehme innere Erfahrungen (Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen) zu regulieren. Das Haareausreißen ist in der Regel mit einer Verminderung von Langeweile, Traurigkeit und Angst und mit einer Zunahme von Ruhe verbunden. Der Großteil der Betroffenen leidet an der Kombination beider Formen, welche eine hohe Chronifizierungstendenz aufweist.

Welche Therapieform hilft nachhaltig?

Es liegen insgesamt wenige randomisierte, kontrollierte Studien (RCT) zur Behandlung der Trichotillomanie vor. Die besten empirischen Belege gibt es für die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie (Flessner et al. 2010). Das klassische symptomzentrierte Verfahren bei der Behandlung ist das „Habit reversal training“ (HRT) (Azrin et al. 1980). Diese wird hauptsächlich bei der automatischen Form des Haareausreißens eingesetzt. Die Kernbestandteile von HRT sind:

Aufmerksamkeitstraining und Selbstbeobachtung:  Verbesserung der bewussten Wahrnehmung des Haareausreißens, der vorausgehenden Bedingungen und der aufrechterhaltenden Faktoren

Stimuluskontrolle: Verhinderung des Haareausreißens, indem mit dem Haareausreißen verknüpfte Reize aus der Umgebung entfernt oder schwer zugänglich gemacht werden (bspw. Pinzetten)

Erlernen einer alternativen Verhaltensweise: Üben einer dem Haareausreißen widersprechenden Handlung (bspw. Faust machen, sich auf die flache Hand setzen, Knautschball in die Hand nehmen)

Um auch das bewusst durchgeführte, fokussierte Haareausreißen zu behandeln, wurde HRT in den letzten Jahren mit Techniken der Emotionsregulation und kognitiven Interventionen ergänzt. Im folgenden finden Sie die Elemente einer Kombinationsbehandlung aus HRT und Techniken aus der dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) (Keuthen et al. 2010).

  • Psychoedukation über Trichotillomanie, motivierende Gesprächsführung, HRT (Selbstbeobachtungs- und Aufmerksamkeits-Training)
  • HRT (Erlernen einer alternativen Verhaltensweise, Stimuluskontrolle)
  • Achtsamkeit
  • Emotionsregulationsfertigkeiten
  • Stresstoleranzfertigkeiten
  • Rückfallprophylaxe

Einen weiteren neuen Behandlungsansatz, der auf die dysfunktionale Emotionsregulation abzielt, stellt die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) dar. ACT geht davon aus, dass dysfunktionale Verhaltensweisen wie das Haareausreißen ausgeführt werden, um unangenehme innere Erfahrungen zu vermeiden. Achtsamkeit, Wertearbeit und „Defusion“ von Gedanken sind Kernbestandteile der Kombinationsbehandlung aus HRT und ACT bei Trichotillomanie (Woods et al. 2006):

  • Psychoedukation über Trichotillomanie
  • Werteklärung
  • Identifikation und Hinterfragen von Kontrollversuchen (bezogen auf den Drang zum Haareausreißen und auf unangenehme innere Erfahrungen)
  • Einführung in das Konzept der Akzeptanz
  • Defusion von Gedanken
  • Einführung von HRT (Simulation von Haareausreißen bzw. dem Drang danach) und Üben von Akzeptanzstrategien
  • HRT (Aufmerksamkeitstraining, Erlernen einer alternativen Verhaltensweise) und Einbindung sozialer Unterstützung
  • HRT (Stimuluskontrolle)
  • Rückfallprophylaxe

Diese Therapie-Kombination hilft am ehesten

Die Kombination von HRT mit emotionsfokussierten Techniken wie DBT und ACT zeigt größere Effektstärken in der Symptomreduktion als die Behandlung mit HRT alleine. Neben der symptomzentrierten Behandlung durch HRT, der Emotionsregulation und der Erlebnisvermeidung sind folgende weitere Therapiebausteine wichtig:

  • Biographische Arbeit, Erstellung eines Ursachen- und Bedingungsmodells
  • Kognitive Therapie (Bearbeitung von negativen Selbstüberzeugungen, Perfektionismus, hohem Kontrollbedürfnis)
  • Einbezug von Angehörigen, insbesondere bei hoher interaktioneller Funktionalität der Symptomatik
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Ggf. Behandlung komorbider Störungen wie Depression
  • Förderung der Entspannung- und Genussfähigkeit

Helfen auch Medikamenten zur Behandlung der Trichotillomanie?

Eine medikamentöse Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Clomipramin scheint wirksam, in einer Metaanalyse fanden sich moderate Effektstärken  (MacGuire et al. 2010). Insgesamt ist eine Behandlung der Trichotillomanie mit Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie wie HRT, kognitive Umstrukturierung sowie emotionsfokussierten Techniken zu empfehlen, welche durch eine medikamentöse Behandlung ergänzt werden kann.

Fazit

Das zwanghafte Haare ausreißen ist eine oft schambesetzte Erkrankung, die oft mit starken psychosozialen Auswirkungen verbunden ist. Kognitive Verhaltenstherapie ist die Therapie der Wahl und zeigt insgesamt sehr gute Effektstärken. Eine frühzeitige Therapie kann Chronifizierung vermeiden und psychosoziale Folgen mindern. Es empfiehlt sich, klassische KVT-Techniken mit Strategien zur Verbesserung der Emotionsregulation zu ergänzen.

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