Ziele einer Burnout-Reha

Teil 3 unserer Burnout-Reihe: Das kann Rehabilitation erreichen.

Renate Bartmuß

Mitarbeiterin der Sozialberatung der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Der folgende Artikel wurde im Team erstellt von
Renate Bartmuß und Dr. Gernot Langs

Kein „klarer“ ICD-Code für Burnout-Erleben? Macht nichts!

Die Diagnose eines Burnout Syndroms ist noch immer umstritten. Es gibt keine klaren, operationalisierten diagnostischen Kriterien im DSM-V oder der ICD-10. Trotzdem wird diese Diagnose häufig gestellt: Ärzte und Psychotherapeuten „behelfen“ sich mit einer „Z-Diagnose“: „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen“. Z73.= Erschöpfungssyndrom (Burn-out-Syndrom).
Aus dem Blickwinkel der Sozialmedizin ist eine ICD-Diagnose zwar wichtig für die Kostenübernahme durch den Rehaträger, nicht aber für die Planung der Rehabilitation. Denn Rehabilitation beschäftigt sich in erster Linie mit den Folgen einer Erkrankung, weniger dagegen mit kurativen Maßnahmen. Wobei im klinischen Alltag eine strikte Trennung nicht möglich ist. Deshalb werden auch in der Rehabilitation neben Rehabilitationszielen (sozialmedizinischer Aspekt) auch Therapieziele (kuratives Element) mit dem Reha-Patienten festgelegt.
Insgesamt ist der Sozialmediziner also fein raus: diagnostisches „Geplänkel“ entfällt, er hat sich um die Krankheitsfolgen zu kümmern.

Das bio-psycho-soziale Modell der Rehabilitation

Diesem theoretischen Modell liegt die Annahme zugrunde, dass „Krankheit“ Folgen hat und zwar sowohl individuelle als auch soziale.

Diagramm: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF

Quelle: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icf/

Lassen Sie uns dies anhand eines Beispiels erklären

Herr R., ein 48jähriger Sachbearbeiter in einem mittelständischen Unternehmen, konnte seine Akten aufgrund ausgeprägter Konzentrationsstörungen nicht mehr in der üblichen Zeit bearbeiten. Deswegen machte er häufig Überstunden, was ihn immer mehr erschöpfte. Nachts konnte er nicht mehr schlafen, er grübelte. Aufgrund der Konzentrationsstörungen konnte er nicht mehr Autofahren. Weil keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung standen, konnte er seinen Arbeitsplatz nicht erreichen. In der Anamnese zeigte sich, dass das der Depression zugrundeliegende Burn-out-Syndrom aufgrund massiver Probleme mit Kollegen und Vorgesetzen am Arbeitsplatz befördert wurde. Die erhöhte Reizbarkeit wirkte sich auf die Interaktion mit Familienangehörigen aus, sodass sich sekundär auch private Probleme ergaben.

Im Rahmen der Rehabilitation kristallisierte sich heraus, dass der Patient einen sehr hohen Leistungsanspruch an sich selbst und andere hatte. Er hielt auch mit Kritik an Vorgesetzten und Kollegen nicht zurück, die seiner Meinung nach ihre Arbeit nicht ordentlich genug verrichteten. Die Situation am Arbeitsplatz war so weit eskaliert, dass der Patient sich gemobbt fühlte. Er mochte zwar seine Tätigkeit als Sachbearbeiter sehr gerne, beim bloßen Gedanken an die Rückkehr in seine Firma bekam er Angstzustände und fühlte sich als Versager. Aufgeben kam für ihn nicht infrage. Eine Kündigung kam für ihn auch deswegen nicht in Frage, weil er eine Sperrfrist seines Arbeitslosengeldes bei der Agentur für Arbeit befürchtete.

Ziele der Rehabilitation

Im akutpsychosomatischen Kontext werden in erster Linie „personenbezogene Faktoren“ bearbeitet. Dies ist zwar als ein Aspekt auch in der Rehabilitation wichtig, aber es geht auch um die sozialen Aspekte. Da eine zentrale Aufgabe der Rehabilitation die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess und die Verhinderung von Erwerbsunfähigkeit ist, müssen sich Rehabilitationsmediziner intensiv mit der Situation am Arbeitsplatz beschäftigen.

Folgende Fragen müssen am Ende der Reha daher beantwortet werden:

  1. Kann der Rehabilitand seine letzte Tätigkeit wieder ausüben?
  2. Wenn ja: auch an diesem Arbeitsplatz?
  3. Ist er zum Zeitpunkt der Entlassung arbeitsfähig?
  4. Wenn nein: Ist eine stufenweisen Wiedereingliederung an den Arbeitsplatz sinnvoll und machbar?
  5. Ist zu erwarten, dass der Rehabilitand innerhalb der nächsten 6 Monate wieder leistungsfähig ist?
  6. Wenn er die letzte Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, kann er für irgendeine leichte Tätigkeit auf dem sog. Allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?

Das bedeutet, dass die genaue Analyse der letzten Tätigkeit und eine Beschreibung der dortigen Anforderungen eine zentrale Rolle spielen. Die Mitarbeit von Sozialarbeitern und Ergotherapeuten ist hier unumgänglich. Diese beiden Berufsgruppen haben sich unter anderem auf Arbeitsdiagnostik (zum Beispiel Leistungsfähigkeit, Arbeiten im Team, Organisation von Arbeitsabläufen) und Arbeitsplatzanalyse spezialisiert. Indem wir die Ergebnisse zusammenführen und abgleichen, können wir dem Rehabilitanden eine Rückmeldung zur aktuellen Belastbarkeit und zu Veränderungsmöglichkeiten geben.

Wie sah das Ergebnis in unserem Beispiel aus?

Sowohl nach der Einschätzung des Psychotherapeuten als auch der Ergotherapeutin und der Sozialarbeiterin stand der Tätigkeit als Sachbearbeiter nichts im Weg. Beim Gedanken an die Rückkehr an diesen Arbeitsplatz bekam der Patient am Ende der Reha aber weiterhin Angstzustände. Er befürchtete, bald wieder krank zu werden, wenn er wieder zu arbeiten beginne. Das war nachvollziehbar: Er hatte gemeinsam mit der Sozialarbeiterin ein Gespräch mit dem Vorgesetzten geführt. Dieser hatte betont, dass er die Arbeit von Herrn R. sehr schätze, er die Arbeitsbedingungen aber seinetwegen nicht verändern könne. Das würden die Abläufe nicht hergeben. Aus seiner Sicht müsse sich Herr R. „stark ändern“, bevor die Kollegen ihn wieder „integrieren“ würden.

Was tun? Eine Rückkehr an den letzten Arbeitsplatz wäre unter diesen Bedingungen nicht möglich. Das würde zu einer raschen Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen. Die Tätigkeit an sich konnte er ausführen, war also leistungsfähig, nur nicht an seinem letzten Arbeitsplatz. Eine Anfrage bei der Agentur für Arbeit  ergab, dass es für Sachbearbeiter keine Vermittlungsprobleme gäbe. Herr R. kündigte daraufhin. Aufgrund der sozialmedizinischen Stellungnahme der Klinik waren die Chancen gut, dass er keine Sperrzeit zu erwarten hatte.

Ergebnis der Rehabilitationsbehandlung:

1. Die Arbeitsunfähigkeitszeit konnte verkürzt werden.
2. Die Erwerbsunfähigkeit konnte abgewendet werden.
3. Unter diesen Bedingungen fühlte Herr R. sich in der Lage, in einer ambulanten Therapie „seine persönlichen Anteile“ zu bearbeiten.

Fazit

  • Die Veränderungsmotivation sollte möglichst frühzeitig geklärt werden: Gibt es Faktoren zum Beispiel am Arbeitsplatz, die eine Rückkehr unmöglich machen?
  • Für eine erfolgreiche Rehabilitation ist daher – neben den persönlichen Faktoren –  die Berücksichtigung der Kontextfaktoren entsprechend dem biopsychosozialen Modell eminent wichtig für die Krankheitsbewältigung (oder Gesundung).
  • Der Kontakt zu „Akteuren“ im Berufsumfeld des Rehabilitanden (z.B. Betriebsarzt, Arbeitgeber) kann für eine erfolgreiche Rehabilitation unumgänglich sein
  • Eine kompetente Sozialberatung ist von daher ein „Muss“ in der Rehabilitation.

 

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