Hilft Yoga dabei, eine erkrankte Psyche zu behandeln?

Gesucht: Ein Zustand wacher Ruhe und neue Perspektiven zur Lösung von Problemen. Hilfreich: Ein Therapeut mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Alexander Heimbeck

Leiter Sport- und Bewegungstherapie & Physikalische Abteilung (ROS) Schön Klinik Roseneck

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Wie kann Yoga in der Therapie helfen?

Patienten kommen in die Therapie, auch in die Bewegungstherapie, weil sie Abhilfe für ein bestimmtes Problem suchen. Dafür haben sie selbst oft ambulant oder auf sich alleine gestellt, schon vieles versucht. Meist ohne den gewünschten Erfolg. So schwingt im  Aufnahmegespräch oft Frustration, sogar Verzweiflung mit. Es ist klar, dass die Erwartungshaltung an einen stationären Aufenthalt groß ist. Mit Yoga kann man dieser Erwartungshaltung gut begegnen und dem Patienten eine oft gewünschte und Erfolg versprechende Therapieform bieten. Damit besteht die Chance, dem Patienten entgegenkommen zu können, aber auch sehr schnell zu motivieren, doch selbst aktiv zu werden.

Yoga kann und ist mehr als gedacht

Die meisten Menschen in Deutschland praktizieren Yoga, um Stress abzubauen, Abstand vom Alltag zu finden oder einfach, um sich besser zu fühlen (siehe auch Focus online Artikel, Link in den Quellen). Yoga jedoch bedeutet mehr, als einfach Entspannung vom Alltag durch körperliche Übungen. Das Wort Yoga bedeutet wörtlich „anjochen, vereinigen“: Die Vereinigung von Körper-Geist-Seele. Yoga ist in diesem Sinne zum einen der Zustand der Harmonie und der Einheit. Zum anderen bezeichnet es auch jede Praxis, die zu dieser Einheit und zu dieser Harmonie führt.

Wenn ich mich mit einem Problem konfrontiert sehe und längere Zeit vergeblich nach einer Lösung Ausschau halte, ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln und die Situation mit einer anderen Sichtweise zu betrachten. Dadurch erschaffe ich die Möglichkeit, dass sich Lösungsansätze auftun, die ich aus der vorherigen Perspektive niemals hätte sehen können. (Sukumar/Eberhardt Bärr, 30).

Die Entwicklung einer Einheit von Körper-Geist-Seele ermöglicht es, die eigene Perspektive zu wechseln, um neue Lösungsansätze für bestehende Probleme, aufzutun. Dazu ist es notwendig, den Blick nach innen zu richten. Wenn das Außen nicht verändert werden kann, so kann die innere Einstellung den Dingen gegenüber verändert werden. Um die Abkehr von der äußeren Wahrnehmung (Pratyahara) und den Zustand von Meditation zu erreichen, bietet Yoga viele verschiedene Übungen. Grob eingeteilt gibt es die Atemübungen (Pranayama) und die körperliche Übungen (Asana).
Pratyahara oder die Stufe der Meditation erreichen zu wollen ist eine Lebensaufgabe. Dies kann nicht Behandlungsziel in der Bewegungstherapie sein. Aber als weite und vage Zielformulierung verstanden, geben sie den Weg für Yoga mit Patienten vor.

Mein Ziel im Yoga mit Patienten: Eine wache Ruhe entstehen lassen

Konkretes Behandlungsziel im Yoga mit Patienten ist, eine wache Ruhe zu entwickeln. Aus dieser gelassenen Position heraus lassen sich Umstände, Handlungen und Probleme  beobachten, ohne sie sofort ändern zu müssen. Hilfreich dabei ist, sich vom Denken hin zum Spüren umzuorientieren. Der Weg über die Körper- und Atemübungen hilft, eine günstige psychophysische Ausgangslage hierfür zu schaffen.
Häufige Patientenrückmeldungen sind: „Ich bin durch die Übungen ruhiger geworden, gelassener, ich bin intensiv bei meinem Gefühl, aber es wiegt nicht so schwer wie üblich…“.
Diese verbalen Rückmeldungen finden zum Beispiel Ausdruck in einer messbaren Vergrößerung der Alphawellen im Gehirn, was für einen wachen, aber entspannten Geisteszustand spricht (Ott, 2010, 170).  Achtsamkeitsbasierte Therapieformen wie zum Beispiel MBSR oder Akzeptanz und Commitmenttherapie (ACT), die sich aus diesem Ansatz entwickelten,  wurden in der Vergangenheit erforscht, ihre Effektivität ist bestätigt. Ebenso zeigen bildgebende Verfahren, dass die Hirnregionen, welche für Stressbewältigung und Körperwahrnehmung verantwortlich sind, trainierbar sind. Gerade diese Hirnareale weisen aber bei Patienten mit entsprechenden psychischen Erkrankungen oft wenig ausgeprägte Vernetzungen auf Ott (2010).

Wie sieht nun die Praxis aus?

Als hilfreich hat sich vor jeder Therapiestunde eine kurze Einführung zum Thema erwiesen. Dabei treffe ich eine klare Abgrenzung zu „Yoga als Sport“ und thematisiere individuelle emotionale wie körperliche Grenzen. Desweiteren ist es mir wichtig, immer wieder die Bedeutung von Achtsamkeit zu erläutern und auf die Punkte Freiwilligkeit der Teilnahme, die Konzentration auf das „Hier und Jetzt“, sowie das Thema von Akzeptanz der Dinge, die passieren und passiert sind, hinzuweisen.
Viele Patienten kommen mit einer gesteigerten inneren Spannung in die Stunde. Dann bietet es sich an, die Einheit mit aktiveren Elementen zu beginnen. Mobilisieren, Strecken, leichte Yogaübungen im Flow sind oft ein guter Stundenbeginn, um den Fokus langsam und vorsichtig nach innen zu richten.
Hierauf folgt ein Teilmöglichst individueller Asanapraxis. Oft ist es möglich, verschiedene Schwerpunkte zu setzen. Körperlich intensivere Stunden bieten sich beispielsweise an, wenn viel Spannung im Raum ist. Wenn individuell die Bereitschaft dazu gegeben ist, fließen verschiedene Themen ein, wie Loslassen körperlicher Spannung, Akzeptanz und andere.
Zum Ende der Einheit gelingt es oft leichter, den Fokus in Ruhe noch weiter nach innen zu lenken.. Atemübungen, ein Bodyscan oder andere sanfte Entspannungsmethoden runden die Stunde ab.
Das geschilderte Vorgehen aus der Praxis besitzt natürlich keine Allgemeingültigkeit. In jeder Stunde ist Fingerspitzengefühl gefragt, um die Patienten dort abzuholen, wo sie stehen, sie zu fördern und fordern, aber nicht zu überfordern.

Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen

Die Wirksamkeit von körperorientiertem Yoga bei psychischen Störungen ist gut belegt, Überblick gibt zum Beispiel eine aktuelle Metaanalyse, in der 25 Studien mit insgesamt 1339 Patienten ausgewertet wurden (Klatte, R. et al. 2016).  Es zeigt sich ein hochsignifikanter Effekt von Yoga hinsichtlich der Symptombelastung im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen. Außerdem lässt sich eine ähnliche Wirksamkeit wie psychotherapeutische Standardbehandlung nachweisen.

Fazit

Yoga ist eine ganzheitliche Methode zur persönlichen Weiterentwicklung. Die Wirksamkeit des Einsatzes von Yoga bei psychischen Erkrankungen ist gut nachgewiesen. Es ist jedoch, wie jede andere Methode auch, kein Allheilmittel und braucht gut ausgebildete, erfahrene Therapeuten mit Fingerspitzengefühl. Denn es bleibt immer eine Herausforderung, die Schwelle zu finden, an der eine persönliche Weiterentwicklung möglich ist. Gerade für Patienten mit psychischer Erkrankung ist diese Schwelle auf jeder Ebene, körperliche, kognitive sowie emotionale oft schwer erkennbar und variiert sehr stark. Dennoch lohnt es sich z.B. in einem stationären Aufenthalt genau die Schwellen zu erkunden und kennenzulernen, an denen es möglich ist, Kognitionen und Emotionen zu halten und zu beobachten, ohne darauf Einfluss nehmen zu müssen. Damit bekommt der Patient ein Werkzeug in die Hand, sich nach seinem Aufenthalt selbständig auf die weitere Reise zu einem besseren Zusammenspiel der Einheit Körper-Geist-Seele zu machen.

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