Wie weiblich ist die Depression?

Sind Frauen wirklich häufiger depressiv als Männer? Oder suchen sie nur einfach eher Hilfe?

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Dies ist der dritte Teil unserer Serie „Depression und das Leben“ – Depressionen betreffen einfach alle Bereiche unseres Lebens. Dabei ist es schon bemerkenswert, dass immer noch Frauen mit einer Depression diagnostiziert werden als Männer. Woran liegt das?

Zur ersten Frage scheint es eine eindeutige Antwort zu geben: Durchgängig finden sich in epidemiologischen Studien in Europa und den USA höhere Prävalenzraten von unipolaren Depressionen bei Frauen gegenüber Männern im Verhältnis 2:1. Über die Lebenszeit erkranken ca. 21 bis 23 Prozent der Frauen, aber nur 11 bis 13 Prozent der Männer daran.
Im klinischen Setting spiegelt sich das wider: Auf Depressionsstationen finden sich mehr weibliche als männliche Patienten mit dieser Diagnose.

Resilienz: Eine männlicher Wesenszug?

In der Wissenschaft  und im klinischen Alltag findet dieser Geschlechterunterschied vermehrt Beachtung. Denn die Frage ist, ob dies als unabänderliches Fakt hinzunehmen ist, oder ob es Gründe dafür gibt, auf die reagiert werden kann. Und zwar in beide Richtungen:
Haben Männer eine höhere Resilienz gegenüber der Entwicklung von Depressionen, könnten deren Strategien auf Frauen übertragen werden und in Präventionsprogrammen ihren Niederschlag finden? Oder ist die geringere Zahl an Männern ein Artefakt – und die tatsächliche Prävalenz wäre höher? Das würde konsequenterweise eine Korrektur der Diagnosekriterien und an „männliche Depressionen“ angepasste Behandlungsangebote bedeuten.

Erklärungsansatz Genetik, Hormone und Erziehung

Das bio-psycho-soziale Modell  geht davon aus, dass genetische und hormonelle Faktoren für die Vulnerabilität eine Rolle spielen. Tatsache ist, dass die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken höher ist, wenn ein Elternteil davon betroffen ist. „Depression runs in families“ heißt es deshalb nicht ohne Grund. Da aber nicht alle Kinder von betroffenen Eltern erkranken, muss es auch protektive Faktoren geben. Ob diese nun epigenetisch oder durch Erfahrungen im Kindesalter zu erklären sind, ist offen. Dieser Aspekt ist bisher nur in Ansätzen erforscht.
Kommen zur Vulnerabilität Stressoren, entweder in Gestalt von einschneidenden Ereignissen oder alltägliche Belastungen hinzu, kann die „Depressionsspirale“ ausgelöst werden. Muss aber nicht.
Geht man davon aus, dass Frauen und Männer in der Kindheit und Jugend unterschiedlich sozialisiert werden, könnte der „psycho-soziale Aspekt“ eine Rolle spielen. Dies ist aber nicht nur von Nachteil. Denn der Umgang mit körperlichen Beschwerden und das „Hilfesuchverhalten“ wird unterschiedlich erlernt.

Erklärungsansatz Hilfesuchverhalten und Wahrnehmung von Gefühlen

Frauen gehen geschlechtsbedingt  ab der Pubertät zu Vorsorgeuntersuchungen. Für sie mag der Arztbesuch zwar eine lästige Pflicht sein, wird aber zur Routine. Nicht so bei Jungs. Diese gehen nur zum Arzt, wenn sie krank sind. Und dann meist nicht freiwillig. In der Tat unterscheidet sich bei Erwachsenen die Frequenz von Arztbesuchen zwischen den Geschlechtern. Auch wenn die Vorsorgeuntersuchungen bei Frauen „herausgerechnet“ werden, bleibt dieser Unterschied bestehen. Ob der Witz vom „TMS“ („Tödlicher Männerschnupfen“) eine Realität ist, soll offen bleiben.
Von daher kann durchaus überlegt werden, ob die niedrigere Prävalenz an diagnostizierten Depressionen auch mit dem unterschiedlichen Hilfesuchverhalten zu erklären ist.
Auch die Wahrnehmung von Gefühlen wird bei Jungs nicht so gefördert wie bei Mädchen. Den Satz „Ein Indianer weint nicht“ bekommen traditionell Jungs zu hören, Mädchen nicht. Ob das sich auch auf die Wahrnehmung von Depressionssymptomen auswirkt, darüber kann vorerst nur spekuliert werden. Das Alexithymie Konzept legt es nahe. Und in der Praxis gibt es viele Beispiele dafür.

Suizide und Suizidversuche

Einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern findet man, wenn man sich die Zahlen für Suizide und Suizidversuche ansieht. In Deutschland nehmen sich ca. 9000 Menschen pro Jahr das Leben, wobei der größte Teil die Folge einer depressiven Störung sind. Bei Männern finden sich deutlich häufiger vollzogene Suizide, während bei Frauen sich häufiger Suizidversuche finden.

Die Gotland Studie

Im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Diagnosestellung von Depressionen und Suizidverhütung auf der Insel Gotland konnte die Suizidrate signifikant gesenkt werden. Bei genauerer Analyse der Daten zeigte sich, dass dies fast nur auf den Rückgang bei Frauen zurückzuführen war. Männer, die Suizid begangen hatten, waren entweder den Ärzten nicht bekannt oder nicht als depressiv eingestuft worden. Auf der Verhaltensebene, dies wurde im Rahmen einer psychologischen Autopsie ermittelt, waren die Männer aggressiver, unruhiger und hatten häufiger zu Alkohol gegriffen als Frauen. Und suchten keine Hilfe. Von daher stellt sich die Frage, ob die aktuellen diagnostischen Kriterien (und Fragebögen) ausreichend valide sind, um Männer mit Depressionen zu erkennen.

Eigene Beobachtung im stationären Alltag

In einer eigenen Arbeit haben wir untersucht, ob bei stationären Patienten Unterschiede in der Symptomatik zu finden sind. Obwohl einzelne Items sich in der Ausprägung unterschieden, ließ sich keine klinische Signifikanz eruieren. Die Aussagekraft ist jedoch limitiert, da nur für den klinischen Bereich relevant: Denn diese Männer waren diagnostiziert und in Behandlung („Hilfesuchverhalten“)

Exkurs: Gender und Sex

„Genderstudies“ finden in erster Linie in den Fächern Psychologie und Soziologie statt und beschäftigen sich mit den soziokulturellen Aspekt von „Geschlecht“ („Gender“). In der medizinischen Forschung liegen meines Wissens bisher keine Daten zu affektiven Störungen und Gender vor. Daher beziehen sich alle epidemiologischen und klinischen Studien auf das biologische Geschlecht („Sex“). Wahr ist aber auch, dass Menschen mit nicht heteronormativer sexueller Orientierung und Transgender Personen häufiger an Depressionen erkranken als eine Vergleichsstichprobe.  Doch sexuelle Orientierung und Identität sind Confounder: Die psychosoziale Belastungen (Stichwort: Homo- und Transnegativität) sind der Auslöser.

Fazit

Nach aktueller Studienlage werden bei Frauen häufiger als bei Männern Depressionen diagnostiziert, dies zeigt sich sowohl in bevölkerungs- als auch in klinisch-epidemiologischen Studien. Der Grund dafür ist nicht bekannt, es gibt dazu mehrere Theorien. Eine aus meiner Sicht wichtige Rolle spielt dabei die Sozialisation von Jungs. Denn daraus resultiert das divergierende Gesundheits- und Hilfesuchverhalten sowie die Validität der diagnostischen Depressionskriterien für Männer. Änderten sich diese Aspekte, würde vielleicht die Zahl an (diagnostizierten) Depressionen bei Männern steigen, die Suizidrate aber zurückgehen. Stellt sich aber unabhängig davon heraus, dass Männer aufgrund bisher nicht erforschter Strategien eine höhere Resilienz haben, könnte dies in Präventionsprogrammen Frauen zugutekommen. Beides zusammen könnte – rein theoretisch – eine „Annäherung“ der Prävalenzdaten nach sich ziehen.

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