Antidepressiva: Wie viel ist zu viel?

Antidepressiva zählen zu den Psychopharmaka, die weltweit am häufigsten verschrieben werden. Warum? Ein Blick auf die Gründe, die Vorteile und ungeahnte Nachteile.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Antidepressiva treten vor knapp 60 Jahren ihren Siegeszug an

Als 1957 das erste Antidepressivum in den Handel kam, revolutionierte es die damaligen Therapiemöglichkeiten bei depressiven Erkrankungen, für die es zum damaligen Zeitpunkt keine spezifisch wirksamen Medikamente gab. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 40 verschiedene Antidepressiva. Die Wirkungsweise bei Depression besteht in einer Stimmungsaufhellung und Antriebssteigerung, die allerdings erst mit einer zeitlichen Latenz von etwa ein bis drei Wochen eintritt. Diese Wirkung tritt auch nicht bei allen Patienten ein. Circa 60 bis 70 Prozent der depressiven Personen sprechen auf eine Therapie an.

Verschreibungen nehmen rasant zu – warum?

In den vergangenen 20 Jahren ist die Verordnungshäufigkeit von Antidepressiva um 500 Prozent in Deutschland angestiegen! Auch in den USA zeigt sich eine sehr hohe Verordnungshäufigkeit über alle Altersklassen.
Angesichts der dramatisch gestiegenen Anwendung dieser Substanzen stellen sich einige Fragen: Ist die hohe Anwendungshäufigkeit gerechtfertigt? Sind die betroffenen Personen über Nebenwirkungen und eventuelle Risiken auch ausreichend informiert?

Grund 1: Betroffene suchen eher Hilfe

Depressive Erkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheitsbildern in unserer Gesellschaft. Sie haben eine Punktprävalenz von 5,6 Prozent der Gesamtbevölkerung und sind nach den Angsterkrankungen die häufigsten psychischen Erkrankungen. Das hat natürlich Folgen für Beruf und soziale Funktionsfähigkeit. Die positive Nachricht ist hier, dass offensichtlich die Erkennung und Behandlung depressiver Erkrankungen deutlich zugenommen zu haben scheint. Das gilt sowohl innerhalb des Gesundheitssystems wie auch in der Bereitschaft der Betroffenen, sich überhaupt behandeln zu lassen. Denn anders kann dieser dramatische Anstieg der Verordnungshäufigkeit von Antidepressiva gar nicht erklärt werden. Wissenschaftliche Studien zu Häufigkeit der Depression in der Bevölkerung können insgesamt nicht belegen, dass es eine deutliche Zunahme dieses Krankheitsbildes gibt.

Grund 2: Erweiterte Einsatzgebiete für Antidepressiva

Ein weiterer Grund für die enorm gestiegene Verbreitung der Antidepressiva ist auch die Ausweitung der Indikationen. So werden Antidepressiva heute nicht nur bei depressiven Erkrankungen verordnet. Sie werden auch verschrieben bei Angststörungen, Zwangsstörungen, Schlafstörungen, chronischen Schmerzstörungen und bulimischen Essstörungen. Diese und andere psychische Erkrankungen überlappen sich natürlich auch untereinander oder treten in Verbindung mit Depressionen auf.

Kritikpunkt 1: Leitlinien nicht korrekt angewendet

Angesichts der enormen Verordnungshäufigkeit sind allerdings auch kritische Töne angebracht. Natürlich ist es positiv, wenn heutzutage Menschen sich behandeln lassen, die früher jede Behandlung abgelehnt haben. Auf der anderen Seite zeigen Analysen der Versorgung, dass Leitlinien nicht angewendet werden.

Beispielsweise besagt die in 2015 in überarbeitete Version der S-3 Leitlinie Depression, dass bei einer leichten Depression, die sich nicht von alleine bessert, so wie bei einer mittelschwerem Depression, Psychotherapie oder Antidepressiva angeboten werden sollen. Bei schwerer Depression werden nach Leitlinien beide Therapieformen, das heißt ein Antidepressivum und Psychotherapie, empfohlen. Die Versorgungsrealität zeigt allerdings, dass dies in der Praxis gar nicht so umgesetzt wird. Das belegt eine wissenschaftliche Analyse der Versorgungssituation von Professor Härter und Mitarbeitern aus Hamburg (1). Beispielsweise sind Menschen mit schwerer Depression oft gar nicht in Behandlung oder sie erhalten primär nur ein Antidepressivum. Grund dafür mag auch sein, dass ein Antidepressivum meist schneller wirkt als eine Psychotherapie. Außerdem ist ein Antidepressivum jederzeit und schnell verfügbar, was man leider von einer ambulanten Psychotherapie vor dem Hintergrund der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz nicht behaupten kann.

Kritikpunkt 2: Geschönte Wirksamkeitsstudien

Auch zeigen neuere Analysen über die Wirksamkeit von Antidepressiva, dass zwar die Wirksamkeit belegt ist, aber in der Gesamtschau etwas überschätzt wurde und dass insbesondere die Wirkung zu einem großen Teil auch auf Placebowirkungen beruht. Das etwas geschönte Bild der Wirksamkeit ist auch dadurch entstanden, dass Studienergebnisse mit Wirknachweis für Antidepressiva mehr Chancen auf Veröffentlichungen hatten als negative Studienergebnisse. In der Zwischenzeit gibt es bei der Durchführung wissenschaftlicher Studien viel strengere Regeln, die mehr Transparenz bezüglich der Ergebnisse schaffen.

Kritikpunkt 3: Der Patient entscheidet nicht mit

In der Leitlinie Depression wird auch betont, dass die Entscheidung für ein Therapieverfahren gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden muss. Man spricht von „Partizipativer Entscheidungsfindung“. Dies erscheint im ersten Moment als eine Selbstverständlichkeit. De facto ist es jedoch meist eine Entscheidung des Behandlers, dem der Patient vertrauen wird. Um wirklich gemeinsam eine Entscheidung treffen zu können, bedarf es nämlich ausführlicher Informationen des Patienten, die schon allein aufgrund der begrenzten Gesprächszeit, insbesondere beim Hausarzt, gar nicht möglich ist.

Auf die Bedeutung der gemeinsamen Entscheidungsfindung in der Praxis weist eindrucksvoll eine Befragung unter Ärzten zur Untersuchung zum Verordnungsverhalten von Antidepressiva hin. Die Ärzte wurden befragt, wie sie bei einem typischen Depressionsfall handeln würden und wie sie handeln würden, wenn sie selbst betroffen wären. Während bei einem typischen Depressionsfall 80 Prozent ein Antidepressivum verordnen würden, wollten nur weniger als 40 Prozent selbst ein Antidepressivum einnehmen, wenn sie betroffen wären (2). Dabei ist es ja eine Maxime ärztlichen Handelns, dem Patienten die Behandlung zu empfehlen, die man auch bei sich selbst anwenden würde. Hier deutet sich schon an, dass Antidepressiva häufiger verordnet werden, als es der Überzeugung der Behandler entspricht.

Die Betroffenen sind nicht ausreichend aufgeklärt!

Viele Nebenwirkungen der häufig verordneten Antidepressiva, wie zum Beispiel Übelkeit, sind vergleichsweise harmlos und klingen meist nach einigen Wochen ab. Bei längerfristiger Einnahme über Monate und Jahre sind oft Nebenwirkungen relevant. Dazu gehören eine Verminderung des sexuellen Interesses oder sexuelle Funktionsstörungen, häufiges, insbesondere nächtliches Schwitzen und auch Gewichtszunahme, die manchmal auch ein erhebliches Ausmaß annehmen kann. Auch eine Einschränkung des emotionalen Erlebens kann auftreten („emotional blunting“). Die Erfahrung zeigt, dass vielen der betroffenen Patienten der Zusammenhang zwischen der Einnahme des Medikamentes und diesen Wirkungen gar nicht bekannt oder bewusst ist und auch nicht besprochen wurde, als über die Einnahme des Medikamentes entschieden wurde.

Dies ist insofern kritisch, als Antidepressiva nach längerer Einnahme nicht problemlos abgesetzt werden können, sondern Absetzerscheinungen verursachen (3). Nach jahrelanger Einnahme kann es sogar sehr schwierig werden, Antidepressiva wieder abzusetzen. Diese Absetz-Phänomene wurden erst in den letzten Jahren intensiver in das Blickfeld der Forscher genommen. Hier fehlen aber noch wissenschaftliche Untersuchungen. Es ist zu prüfen, inwieweit nach jahrelanger Antidepressivatherapie Anpassungsvorgänge im zentralen Nervensystem erfolgen. Denn diese könnten das Absetzen besonders schwierig gestalten. Und sie könnten eventuell sogar das Risiko erhöhen, erneut zu erkranken. Diese Unsicherheit über eventuell ungünstige Langzeitwirkungen soll auf jeden Fall ermahnen, auch alternative Möglichkeiten der Therapie, insbesondere Psychotherapie, noch stärker in der Erstbehandlung psychischer Erkrankungen anzuwenden.

Antidepressiva in der Schwangerschaft

Immer mehr Frauen im gebärfähigen Alter nehmen Antidepressiva ein. Bei Kinderwunsch wollen viele dieser Frauen ihre Antidepressivatherapie beenden. Da das Absetzen nicht immer gelingt, stellt sich Frage, ob die Substanzen trotz Schwangerschaft weiter genommen werden können oder ein Risiko für das Kind besteht. Mittlerweile gibt es Erfahrungen an Tausenden von Frauen, die während einer Schwangerschaft ein Antidepressivum eingenommen haben (4). Einerseits zeigt sich, dass es kein erhöhtes Risiko für Missbildungen gibt. Andererseits gibt es doch ein geringes Risiko für Anpassungsschwierigkeiten des Säuglings nach der Geburt oder auch ein geringes Risiko für seltene schwerwiegende Komplikationen. Auch dies sollte bei den Überlegungen eine Antidepressivabehandlung berücksichtigt werden.

Fazit für die Praxis

  • Es werden viele Antidepressiva verschrieben, ja. Aber ein pauschales „Das ist zu viel“ ist auch nicht korrekt: Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen sind noch gar nicht in Behandlung, weil sie eine Behandlung ablehnen oder die Erkrankung nicht erkannt wird;
  • Dennoch: Die Möglichkeiten der Psychotherapie, die bei depressiven Phasen und Angststörungen sehr gut und vergleichbar wirksam ist wie Antidepressiva, werden zu wenig genutzt. Im Gegensatz zu Antidepressiva ist Psychotherapie zudem nachhaltig wirksam;
  • Viele Betroffene sind über Nebenwirkungen und andere Nachteile von Antidepressiva nicht ausreichend aufgeklärt. Hier sind Ärzte und Therapeuten gefragt, sich trotz eines vollen Wartezimmers ausreichend Zeit für die Aufklärung zu nehmen.

7 Antworten zu “Antidepressiva: Wie viel ist zu viel?”

  1. Iris Heffmann sagt:

    Sehr geehrter Prof. Voderholzer,

    ich möchte mich für Ihre Rückmeldung herzlich bedanken und auch dafür, dass Sie für das Thema in Fachkreisen und bei öffentlichen Vorträgen weiter sensibilisieren wollen.

    Ich stimme Ihnen zu, dass psychotrope, ZNS-aktive Substanzen, die als Antidepressiva klassifiziert werden, im allgemeinen nicht zu mißbräuchlicher Dosissteigerung und Suchtverhaltem/süchtigem Verlangen führen.

    Meiner Meinung sollte man den Begriff Entzugserscheinungen dennoch nutzen und dabei, wie Herr Kauffmann in einem weiteren Kommentar dargelegt hat, klar kommuniziert, dass es sich um Entzugserscheinungen im Rahmen eines körperlichen Abhängigkeitspotenzials handelt, und suchtspezifische Aspekte bei dieser Form der Abhängigkeit nicht das relevante Definitionskriterium sind.

    In einer ähnlichen Situation sind Betroffene, die Benzodiazepine über einen längeren Zeitraum im niedrigen Dosisbereich verschrieben bekommen haben / einnehmen (Low-Dose-Dependence). Auch hier liegt überwiegend kein Kontrollverlust, oft keine Dosissteigerung und kein Craving (psychisches Verlangen) vor. Dennoch erleben viele Betroffene beim Absetzen des Medikaments die gleichen, individuell sehr schwerwiegenden Entzugssymptome wie Menschen, die diese Substanzen missbräuchlich verwenden. An diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig es ist den Abhängigkeitsbegriff zu differenzieren. Eine körperliche Abhängigkeit kann durchaus ohne psychische Abhängigkeit, ohne Dosissteigerung und ohne Kontrollverlust bestehen.

    Sie kennen sicher die Studie von Margrethe Nielsen (What is the difference between dependence and withdrawal reactions? A comparison of benzodiazepines and selective serotonin re-uptake inhibitors. (2012) (Link ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21992148) Sie macht in diesem Artikel sehr deutlich, dass in früheren Versionen von DSM und ICD ein Entzugssyndrom ein ausreichendes Kriterium war, um eine Abhängigkeit von einer Substanz zu definieren. Da sich zudem die beschriebenen Entzugssymptome bei SSRI von denen bei Benzodiazepinen kaum unterscheiden würden, sei es nicht gerechtfertigt, diese Symptome bei Benzodiazepinen mit dem Begriff (körperliche) Abhängigkeit (dependence syndrome) in Verbindung zu bringen, und bei SSRI-Antidepressiva nicht. Dieser Meinung schließe ich mich an. Reaktionen aufgrund körperlicher Gewöhnungsprozesse sind bei beiden Substanzen der kleinste gemeinsamer Nenner für Entzugssymptome.

    Wenn Sie schreiben, in diesem Bereich müsste mehr geforscht werden, können Sie mir auch sagen, wer das bereits tut oder wer solche Forschungen durchführen wird? Etwas provokativ gefragt, ist es nicht eher so, wie Ihr Kollegen Prof. Klaus Lieb es formuliert: „Es liegt nahe anzunehmen, dass an der Untersuchung von Schwierigkeiten beim Absetzen von Antidepressiva niemand wirklich Interesse hat – weder die Industrie noch wir Psychiater, die froh sind, wenn die Patienten ihre Medikamente überhaupt einnehmen“. (Link thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0041-107587.pdf)

    Mir ist in Deutschland aktuell nur die Charité Universitätsmedizin, Campus Charité Mitte bekannt, die eine Absetzstudie durchführt, mit dem Ziel, anhand von Messungen von Gehirnfunktionen vorauszusagen, ob ein sicheres Absetzen der Antidepressiva möglich sei, oder ob ein hohes Rückfallrisiko vorherliegt. Die Berücksichtigung der Thematik Entzugssyndrome als eigenständiger/begleitender Aspekt der Studie kann ich zumindest auf der Webseite nicht erkennen: (Link absetzstudie.de/index.html)

    In den UK dagegen gibt es ein großangelegtes Forschungsprojekt, bei dem auch psychische Entzugssymptome vom Studienleiter klar benannt werden:
    „We appreciate that stopping antidepressants is not easy,“ he said. „Withdrawal symptoms, including anxiety and low mood, are usually temporary but feel similar to the reason why patients were first put on antidepressants. Therefore people are understandably reluctant to come off the medication – they feel like they’ve slipped back again.“
    (Link medicalxpress.com/news/2016-07-people-inappropriate-long-term-antidepressant-treatment.html#jCp)

    Hier ein lesenswertes Interview mit dem Studienleiter Tony Kendrick, der sich basierend auf authentische Betroffenenberichte zudem bewusst ist, dass Symtome schwerwiegend und auch langwierig sein können: „In the literature, researchers have suggested that antidepressant withdrawal symptoms are temporary, that they’re transient, that they should be over in a matter of days or weeks, but there is actually quite a lot of testimony from people who have been on antidepressants for a long time that they’re getting symptoms that persist for months and sometimes even years. This has mainly come from survivor groups, like Surviving Antidepressants and the UK lobbying group the Council for Evidence Based Psychiatry (CEP). These groups have been quite helpful in bringing together case histories of people who have had a hard time getting of antidepressants.“
    (Link madinamerica.com/2016/08/interview-researcher-runs-trial-antidepressant-withdrawal/)

    Er sieht semantische Probleme bei der Anwendung des Begriffes Abhängigkeit bei Antidepressiva, weil Kriterien für Sucht nicht gegeben seien. Formal sei es nach aktuellen Kriterien daher nicht möglich, zu sagen, das Antidepressiva abhängig machen würden. (Danke dass Sie auch zustimmen, dass es nach den neuesten Erkenntnissen nicht gerechtfertigt ist, einfach zu sagen: Antidepressiva machen nicht abhängig). Dies sei jedoch eine rein formale, nicht ganz ehrliche Antwort und es sei präziser, den Terminus „Entzugssymptome“ zu gebrauchen als den Begriff „Absetzerscheinungen“.

    Dem Argument von Tony Kendrick, dass für den Terminus „Abhängigkeit“ auch Nachweise für z.B. Toleranzentwicklung bei ADs fehlen würden, lassen sich übrigens Studien entgegenstellen, die dies diskutieren: Tachyphylaxis/tolerance to antidepressants in treatment of dysthymia: Results of a retrospective naturalistic chart review study (Link onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1440-1819.2011.02231.x/full) und The mechanisms of tolerance in antidepressant action (Link researchgate.net/publication/45798960_The_mechanisms_of_tolerance_in_antidepressant_action)

    Ein weiteres Projekt ist mir aus Neuseeland bekannt, auch hier werden Entzugysymptome berücksichtigt (und so benannt!): (Dee) „Mangin says withdrawal symptoms are common when stopping antidepressants, particularly selective serotonin re-uptake inhibitors (SSRIs) such as Fluoxetine. These withdrawal symptoms are often very similar to the recurrence of depression and patients often, mistakenly, think stopping their medication has caused a relapse.“
    (Link otago.ac.nz/profiles/otago015766.html)

    Sie spricht einen wichtigen Punkt an: dass beim Absetzen in einer signifikanten Anzahl von Fällen nicht das Risiko eines Rückfalls das Problem sein kann, sondern die Fehlinterpretation von Symptomen als „Grunderkrankung“ und nicht als Entzugsephänomen. Hierauf haben die Kollegen vom Arzneimittelbrief in ihrem Artikel Entzugserscheinungen beim Absetzen von Antidepressiva Typ SSRI und SNRI Ende 2015 ebenfalls hingewiesen. (Link der-arzneimittelbrief.de/nachrichten/entzugserscheinungen-beim-absetzen-von-antidepressiva-typ-ssri-und-snri/)

    Die Autoren erklären zudem: „Die Psychiatrie sehen wir in der Pflicht, praktikable Strategien für das Absetzen von SSRI und SNRI zu entwickeln und in der ärztlichen Fortbildung flächendeckend zu propagieren.“

    Unspezifische Entzugssymptome wie Übelkeit, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schwindel, aber auch Symptome, die eher spezifisch beim Absetzen von SSRI oder SNRI auftreten wie Tachykardien, Myoklonien, Ataxie, Gleichgewichtsstörungen sowie grippeähnliche Symptome und psychopathologische Symptome wie Panikattacken, Depersonalisation, Verwirrtheitszustände u.ä. werden meiner Meinung nach viel zu häufig als psychiatrische/psychosomatische Symptome klassifiziert. Dies führt nicht selten zur Argumentation seitens des Behandlers, die Medikation müsse zur weiteren dauerhaften Behandlung der „psychischen Störung“ wieder aufgenommen werden.

    Ganz abgesehen davon entspricht es nicht dem Erleben von Betroffenen, die beim oder nach dem Absetzen mit Entzugsproblematiken kämpfen. Wer seine Medikation wieder aufnehmen muss, weil er erstmalig neue, typische Absetzproblematiken erlebt oder wer nur in kleinen Schritten absetzen kann, und trotzdem bei jedem Absetzschritt Entzugssymptomen ausgesetzt ist, der empfindet es sehr wohl, dass er von diesem Medikament abhängig ist, denn er kann die Einnahme nicht dann beenden, wenn er es wünscht.

    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Beste Grüße, Iris Heffmann

    • Ulrich Voderholzer sagt:

      Sehr geehrte Frau Heffmann,
      ich gebe Ihnen prinzipiell recht, dass man den Begriff Entzugserscheinungen mit einer gewissen Berechtigung nutzen könnte, auch wenn es, wie Sie schreiben, im allgemeinen nicht zu einer missbräuchlichen Dosissteigerung und einem süchtigen Verhalten mit Antidepressiva kommt. Auch Herr Fava hat ja in seiner Analyse der bisherigen Studien zu Absetzeffekten von Antidepressiva vorgeschlagen, künftig von Withdrawal reaction zu sprechen.
      Es ist richtig, den Abhängigkeitsbegriff künftig differenzierter zu betrachten. In die gleiche Richtung geht auch die Studie von Margarethe Nielsen.
      Ich gebe Ihnen auch recht, dass vermutlich Herr Lieb recht hat, dass bisher ein geringes Interesse an dieser Thematik besteht, was sich allerdings im Moment derzeit ändert. Ich bin sowohl mit Herrn Prof. Lieb, als auch mit dem von Ihnen erwähnten Prof. Henrik Walter an der Charité in engem Kontakt. Auch das Forschungsprojekt aus England ist mir bekannt. Danke auch für den Hinweis zu dem Projekt in Neuseeland, das mir nicht bekannt war.

      Alles in allem finde ich alle Ihre Ausführungen treffend und wichtig und sehe es auch als meine Aufgabe zur Verbreitung dieser Erkenntnisse mit beizutragen. Sind Sie damit einverstanden, dass ich Ihre ausführliche Mail Herrn Prof. Lieb und Herrn Prof. Walter weiterleite?

      Ich habe mir auch vorgenommen, mich an entsprechenden Studien in Deutschland zu beteiligen.

      Mit herzlichen Grüßen

      U. Voderholzer

    • Iris Heffmann sagt:

      Sehr geehrter Prof. Voderholzer,

      gerne können Sie meine Kommentare weiterleiten.

      Mit Prof. Lieb hatte ich bereits Kontakt, er erinnert sich hoffentlich an mich. Ich habe ihn auf die Studie aus England aufmerksam gemacht und er schrieb mir zurück, dass dies eine wertvolle Informationen sei und er mit Kollegen darüber sprechen wolle, um sich nach Möglichkeit für ein ähnliches Projekt inspirieren zu lassen.

      So schließen sich Kreise!

      Beste Grüße, Iris Heffmann

  2. Markus Kaufmann sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Voderholzer,
    ich arbeite im gemeindepsychiatrischen Bereich und würde gerne noch etwas zum Punkt der Abhängigkeit sagen: Dieser Begriff sollte endlich in der Fachöffentlichkeit differenzierter betrachtet und benannt werden, nämlich in der Weise, dass man unterscheidet zwischen körperlicher Abhängigkeit und psychischer Abhängigkeit (Sucht), anstatt bei den Antidepressiva nach wie vor zu behaupten, dass diese pauschal keine Abhängigkeit erzeugen würden. Antidepressiva erzeugen, wie Sie selbst mit anderen Worten beschrieben haben, sehr wohl eine körperliche Abhängigkeit. Dass Patienten immer noch erzählt wird, dass Antidepressiva nicht (körperlich) abhängig machen, wiegt die Patienten in eine Sicherheit und ein Vertrauen, welches nicht passend ist. Siehe auch hierzu eine Beschreibung von der WHO-Seite: Dependence or physical dependence is also used in the psychopharmacological context in a still narrower sense, referring solely to the development of withdrawal symptoms on cessation of drug use. In this restricted sense, cross-dependence is seen as complementary to cross-tolerance, with both referring only to physical symptomatology (neuroadaptation). (Link who.int/substance_abuse/terminology/definition1/en/)

    Das ist der Punkt, den ich meine, dass die Fachöffentlichkeit dies endlich differenzierter äußern sollte, sonst gibt es bei Patienten verheerende Missverständnisse.

    Mit freundlichen Grüßen
    Markus Kaufmann

    • Ulrich Voderholzer sagt:

      Sehr geehrter Herr Kaufmann,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich gebe Ihnen recht, dass mit dem Thema differenzierter und ehrlicher umgegangen werden muss. Es ist aus heutiger Sicht in Frage zu stellen, dass Antidepressiva keine Abhängigkeit erzeugen, da es eben Adaptationsprozesse im ZNS gibt, die Absetzerscheinungen hervorrufen und evtl. sogar das Risiko, wieder an einer Depression zu erkranken, erhöhen könnten. Aber es gibt noch zu wenig Forschung dazu. Antidepressiva gehören unterschiedlichen chemischen Klassen an und man weiß heute nicht, ob die problematischen Absetzeffekte besonders bei bestimmten Antidepressiva auftreten und ob bestimmte Menschen dafür besonders sensibel sind.

      Es ist dringend erforderlich, dass dazu künftig mehr geforscht wird. Ich gebe Ihnen aber absolut recht, dass es nach den neuesten Erkenntnissen nicht gerechtfertigt ist, einfach zu sagen: Antidepressiva machen nicht abhängig.

      Mit freundlichen Grüßen
      Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer

  3. Iris Heffmann sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Voderholzer,

    vielen Dank für den interessanten Artikel.

    Mir fehlt leider der Aspekt, dass zunehmend diskutiert wird, die „Absetzerscheinungen“ mit einem anderen Begriff zu beschreiben, nämlich Entzugssymptome. Die Symptome unterscheiden sich größenteils nicht von Symptomen, wie sie im Entzug von z.B. Benzodiazepinen und anderen ZNS-aktiven Substanzen auftreten können und entstehen durch körperliche Gewöhnungsprozesse. Entzugssymptome sollten als ein Merkmal körperlicher Abhängigkeit verstanden werden.

    Das österreichische Serviceportal Medizin-Transparent.at (Service des Departments für evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems sowie von Cochrane Österreich) hat dazu erst einen Artikel veröffentlicht. Link: medizin-transparent.at/antidepressiva-absetzen

    Die Autoren der erste Metaanalyse von Studien zu Entzugsphänomenen Withdrawal Symptoms after Selective Serotonin Reuptake Inhibitor Discontinuation: A Systematic Review (Link karger.com/Article/FullText/370338) erklären nach der Auswertung von 15 Studien man solle zukünftig von Entzugssymptomen und nicht länger von „Entwöhnungsproblematiken/Absetzerscheinungen“ sprechen, da dieser Begriff die potenziell auftretenden Symptome verharmlose. So sehen es auch die Autoren des Artikel New Classification of Selective Serotonin Reuptake Inhibitor Withdrawal (Link karger.com/Article/Pdf/371865), die u.a. langandauernde postakute psychische Störungen als potenzielle Entzugsfolge beschreiben.

    Die British Medical Association nahm Antidepressiva 2015 in ihren Analyse Report auf, der sich mit (körperlicher) Abhängigkeit und Entzugsproblematik von verschreibungspflichtigen Medikamenten auseinandersetzt und zur Handlung durch Regierung, Ärztefachschaft und Forschungsgemeinschaft aufruft (Link: bmaopac.hosted.exlibrisgroup.com/exlibris/aleph/a21_1/apache_media/H6IB5G1BL8SX1KJ7VY4MCRCXVG6EV7.pdf) Es zeigt sich bei diesem Thema eine Diskrepanz zwischen der Einschätzung der Ärzteschaft und den authentischen Patientenerfahrungen.

    Menschen, die ihre Antidepressiva nur sehr schwer absetzen können, selbst bei kleinsten Dosisreduktionen alltagsbeeinträchtigen Symptome erleiden oder nach Null mit anhaltenden Symptomatiken kämpfen, bekommen oft nicht das Verständnis und die Unterstützung, die sie benötigen. Für viele Verschrieber scheint es diese Problematiken nicht zu geben. Der Diskurs sollte dringend verbessert werden.

    Beste Grüße, Iris Heffmann

    • Ulrich Voderholzer sagt:

      Sehr geehrte Frau Heffmann,

      ich freue mich über Ihren Kommentar. Wie Sie richtig schreiben, muss zu recht diskutiert werden, anstelle des etwas beschönigenden Begriffs „Absetzerscheinungen“ den Begriff „Entzugserscheinungen“ zu verwenden, wie es Herr Fava in seinem Artikel Ende 2015 auch vorgeschlagen hat. Allerdings gibt es noch zu wenig Forschung auf diesem Gebiet. Von Entzugserscheinungen spricht man bei Alkohol und Benzodiazepinen, bei denen Sucht und Abhängigkeit wohl bekannt sind. Zu den Merkmalen von Sucht und Abhängigkeit zählen aber auch die Dosissteigerung und das süchtige Verlangen, welches man im Falle der Anwendung von Antidepressiva sicher nicht in der Weise findet, wie bei Alkohol und Benzodiazepinen. Von daher würde der Begriff Entzugserscheinungen ein bisschen implizieren, dass es eine Antidepressiva Sucht gibt. Soweit kann man heute noch nicht gehen, dennoch gebe ich Ihnen absolut recht, dass die Absetzphänomene aufgrund körperlicher Gewöhnungsprozesse hervorgerufen werden, d.h., dass sich der Körper, insbesondere das ZNS an die Substanzen anpasst und gegenreguliert und diese Gegenregulation nach Wegfall der Wirkung der Antidepressiva vermutlich die Symptome verursacht.

      Ich gebe Ihnen auch völlig recht, dass Menschen die Antidepressiva – vor allem nach jahrelanger Anwendung – nur sehr schwer absetzen können und oft nicht das Verständnis und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Auf die Problematik ist bisher zu wenig Aufmerksamkeit gerichtet worden, aber derzeit ändert sich das ganz rapide und ich sichere Ihnen zu, in meinen Vorträgen die Zuhörer für das Thema zu sensibilisieren!

      Mit besten Grüßen

      Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer

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