Warum sterben Menschen mit ADHS oft früher?

Dieser Frage gehen wir in drei Beiträgen auf den Grund. Denn die Antworten sind komplex. Teil 1: Die Kardinalsymptome.

Thomas Middendorf

Chefarzt an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Warum haben Menschen mit ADHS ein deutlich erhöhtes Sterberisiko? Und zwar vor allem dann, wenn sie undiagnostiziert und unbehandelt sind?  Die Gründe liegen in ADHS-typischen (störungsrelevanten) Symptomen und Verhaltensweisen, aber auch in Kobmorbiditäten wie Depression oder Suchtanfälligkeit.
Der Zusammenhang zwischen ADHS und erhöhter Sterblichkeit ist schon gut untersucht worden. Die Studien geben vielfältige, interessante Aufschlüsse zu den komplexen Gründen. In drei Beiträgen gebe ich Ihnen einen Überblick zu den Erkenntnissen und was wir daraus schließen können.

Grundsätzlich können wir die Ursachen für eine erhöhte Sterblichkeitsrate in drei Gruppen gliedern:

  1. ADHS und ihre Kardinalsymptomen
  2. typische psychische Komorbiditäten
  3. somatischen Komorbiditäten, die vermehrt mit der ADHS auftreten

Dabei lässt sich allerdings vor allem die Grenze zwischen den o. g. Punkten 1 und 2 oft nur sehr schwer oder gar nicht genau ziehen. Das liegt auch daran, dass sich die Symptome der ADHS und der psychischen Komorbiditäten häufig gegenseitig verstärken. 

Teil 1: Das Sterberisiko, das sich direkt aus der ADHS ergibt: Die Kardinalsymptome

Menschen mit ADHS haben störungsimmanente Risikofaktoren, die oft auch als Kardinalsymptome bezeichnet werden. Typisch sind:

  • Unaufmerksamkeit und Impulsivität,
  • Stimmungsschwankungen und
  • unkontrollierte Hyperaktivität.

Vor allem im Kindesalter führt die Hyperaktivität zu vielen gefährlichen Situationen im Alltag. Bei männlichen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen führt eine grundsätzlich erhöhte Risikobereitschaft und das sogenannte „Sensation-seeking“ eine große Rolle. Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sie im Straßenverkehr häufiger in Unfälle zum Beispiel wegen überhöhter Geschwindigkeit verwickelt sind. Oft ist auch ein Substanzkonsum beteiligt. Unüberlegte Reaktionen können dann zu riskanten Verhaltensweisen führen.
Menschen mit ADHS leiden zudem häufig unter einer häufig erheblichen, aber hintergründigen Selbstwertproblematik und einer ungewollten Außenseiterrolle.
Die Kombination der Kardinalsymptome mit diesen Faktoren lässt das Suizidrisiko deutlich ansteigen.

Weitere typische Symptome der AHDS, die zu gefährliche Situationen führen können

Auch Unachtsamkeit, Desorganisation und Leichtsinn sorgen für gefährliche Situationen im Alltag und Verkehr: Das passiert auf direktem Weg, weil jemand mit Blick auf Handy über eine rote Ampel zu gehen, aber auch indirekt, weil z. B. das Fahrradlicht oder ein Belüftungsrohr im heizungsraum etc. nicht repariert wurde. Was im Alltag alles schief gehen und gefährlich werden kann, kann man sich – minutiös und anschaulich auf die Spitze getrieben – in der Spielfilmserie Final Destination ansehen. Ohne dass hier belastbare große Studien vorliegen, gibt es dennoch Hinweise, dass sowohl die Schlafqualität als auch der Schlaf-Wach-Rhythmus bei vielen ADHSlern beeinträchtigt ist. Das hat entsprechende Folgen bezüglich Konzentrations- und Fokussierungsfähigkeit am Tage.

Studien belegen Zusammenhang zwischen ADHS und Risiko für Unfälle und Sterblichkeit

Schon 2015 offenbarte eine Studie eine im Vergleich zur Normalbevölkerung doppelt so hohe Mortalität bei ADHS-Betroffenen und unbeabsichtigte Verletzungen als häufigste Todesursache im jüngeren Lebensalter (Dalsgaard et al., 2015).

Studie zu Todesursachen

In einer großen Langzeitstudie aus Schweden bezüglich Menschen mit ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter wurden Daten von 86.670 Menschen der Geburtsjahrgänge 1993 bis 2009 mit einer ADHS ausgewertet. Von diesen waren bisher 424 gestorben, davon 346 an nicht natürlichen Ursachen wie 133 Suizide, 152 Unfälle und 61 andere nicht näher spezifizierte Ursachen. Demzufolge sind Suizide fast 9-mal, Todesfälle durch Unfälle 4-mal und andere unnatürliche Todesursachen 6-mal häufiger so häufig wie bei den übrigen Schweden gleichen Alters (Sun S et al., 2019).

Studie zu Suiziden

Erneut in einer großen schwedischen Studie wurde bei 37,936 Patienten mit ADHS, 7019 versuchte oder vollendete Suizide in einem Zeitraum von 150,721 Menschenjahren gezählt, was umgerechnet heißt, dass das Risiko eines Suizidversuches unter ADHS-Betroffenen bei ca. 5 Prozent lag. (Chen, Q. et al., 2014).
Solch große Studien können übrigens deswegen in einem kleinen Land wie Schweden so gut durchgeführt werden, da dort alle gesundheits- bzw. patientenbezogenen Informationen inklusive Diagnosen und Behandlungen in einer zentralen medizinischen Datenbank erfasst werden.

In einer ganz neuen Metaanalyse, die mit sehr großen Zahlen vor allem aus Europa und Amerika und strengen Einschlusskriterien bezüglich der Diagnose ADHS und Suizid bzw. Suizidversuch über alle Altersgruppen hinweg arbeitete, fand sich bezüglich des Risikos des vollendeten Suizids sogar eine odds ratio (OR) von 6.69! Zur Orientierung: Eine OR von 1.5 einem kleinen, eine OR von 2.5 einem mittleren und eine OR von 4.3 einem großen Effekt entspricht (Septier M., et al., 2019).

Studie zu genetischen Einflüssen

Eine letzte hochinteressante prospektive – wenn auch recht kleine – Longitudinal-Studie sei in diesem Abschnitt noch aufgeführt. Sie beschäftigte sich mit dem Risiko der verkürzten Lebenserwartung bei ADHS in Abhängigkeit von Dopamin-Rezeptordichte (DRD4) und –Transporter (DAT1) als auch Dopamin Beta-Hydroxylase (DBH) bezogenen Primer-Genen. Die Studie schloss 131 ADHS-Kinder und eine Kontrollgruppe von 71 Kindern – alle zwischen 4 und 12 Jahre alt – zu Beginn ein. In drei Messzeitpunkten über ca. 20 bis 25 Jahre bis ins junge Erwachsenenalter hinein wurde untersucht, welche erworbenen körperlichen oder psychischen Risikofaktoren potentiell die Lebenserwartung verkürzten.
Die Aussagekraft der Studie ist durch die kleine Probandengruppe limitiert. Gleichwohl bietet sie zusammengefasst folgende Hinweise:

  • Insbesondere die beiden ADHS bezogenen Risiko-Gene, die für DAT1 und DBH codieren, trugen zu einer Reduktion der sogenannten ELE (estimated life expectancy) bei.
  • Des Weiteren wurden mit verkürzter Lebensdauer assoziierte klinische Marker/Variablen beschrieben. Beispiele: mangelnde Fähigkeit zur Verhaltenshemmung und nonverbalen Kommunikation (lesen und senden), ein niedriger IQ, oder eine Haltung von Feindseligkeit.
  • Die mit ADHS einhergehenden Genpolymorphismen scheinen hinsichtlich der ELE dabei auf zwei Arten zu wirken. Nämlich sowohl direkt über ihre Einwirkung auf dopaminerge Schaltkreise im ZNS, als auch über indirekte negative Einflüsse in der Ausbildung sekundärer Risikofaktoren, wie z. B. Neigung zu Substanzmissbrauch (Russell A. et al. 2019).

 

Und so geht´s weiter

Im zweiten Teil unserer Reihe zu ADHS und einer erhöhten Sterblichkeit betrachten wir die psychischen Begleiterkrankungen. Welchen Einfluss haben sie auf die Lebensdauer der Betroffenen?

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