Tinnitus – der hartnäckige Begleiter im Ohr

Wie umgehen mit Tinnitus? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was genau ist ein Tinnitus und wodurch entsteht er?

Als Tinnitus bezeichnet man Ohrgeräusche unterschiedlichster Qualität und Intensität. Sie werden in der Regel nur von dem Betroffenen selbst wahrgenommen und können sich als Rauschen, Pfeifen, Brummen in den Ohren oder auch im Kopf äußern.

Die Ursachen des Tinnitus können vielfältig sein. Auf dem gesamten Weg des Hörsystems ist der Entstehungsmechanismus als Folge einer Störung denkbar. Deshalb sollte immer eine HNO-ärztliche Abklärung erfolgen. Aber auch andere Organstrukturen, die im muskulären Zusammenspiel mit dem Ohr verbunden sind, können an der Tinnitusentstehung beteiligt sein. Grundsätzlich kann jeder Mensch einen Tinnitus erleiden. Durch zentrale Prozesse in unserem Gehirn werden Geräusche unterdrückt und herausgefiltert. Wenn dieser hemmende Mechanismus nicht mehr funktioniert, kann der Tinnitus hörbar werden. Es handelt sich dann um eine zentrale Verarbeitungsstörung unserer Höreindrücke. Es sind oft Stresssituationen, oft getriggert durch belastende Akutsituationen, die das Fass zum Überlaufen bringen, so dass der Druck sprichwörtlich aus den Ohren herauskommt. Man darf den Tinnitus als ein Signal des Körpers verstehen, als Ausdruck einer Überlastung. Wenn quälende Geräusche plötzlich da sind, spielen die Gefühle eine entscheidende Rolle. Je negativer die Emotionen, je gravierender und katastrophisierender die Ängste, umso mehr verstärken sich Tinnituswahrnehmung und Tinnitusleidensdruck.

Warum sind Ohrgeräusche für manche Menschen überhaupt kein Problem und für andere dagegen so sehr belastend?

In Deutschland sind circa vier Millionen Menschen von einem chronischen Tinnitus betroffen, etwa 10 bis 20 Prozent von ihnen leiden extrem unter ihren Ohrgeräuschen. Man spricht dann von einem dekompensierten Tinnitus, wenn die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt ist. Dann kommen in der Regel auch begleitende Symptome wie Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen. hinzu. Kompensiert nennt man einen Tinnitus, der zwar wahrgenommen wird, aber keinerlei Leidensdruck verursacht.

Zwischen kompensiertem und dekompensiertem Tinnitus gibt es viele Abstufungen. Die Wahrnehmung des Tinnitus allein führt nicht in jedem Fall zu einem Leiden am Tinnitus.

Ohrgeräusche sind organisch erlebte Symptome, für die die Betroffenen verständlicherweise einen handfesten, sicht- und spürbaren Erklärungsansatz suchen. Dass die Psyche dabei ein auslösender Faktor sein kann, wird meist erst in einem intensiven aufklärenden Gespräch als mögliche Ursache erkannt und zugelassen. Gerade beim Tinnitus ist oft der Kampf gegen das Geräusch und der Anspruch, auch einen chronischen Tinnitus ganz und gar zum Verschwinden bringen zu wollen für die Behandlung kontraproduktiv. Denn negative Gefühle und die fehlende Akzeptanz verstärken den Leidensdruck. Weitere Faktoren, die den Leidensdruck erhöhen, sind:

  • angstbelastete Aufmerksamkeit auf die Ohrgeräusche,
  • negative, oft sogar katastrophisierende Bewertungen,
  • mangelnde Selbstwirksamkeitserfahrungen, die Sorgen und Ängste triggern und intensivieren.

Menschen, die unter Depressionen und Angststörungen leiden, neigen erfahrungsgemäß eher dazu, einen dekompensierten Tinnitus zu erleiden als nur ein kompensiertes oder abgeschwächtes Stadium. Das bedeutet, dass auch die primäre Persönlichkeitsstruktur und Begleiterkrankungen wichtige, mitentscheidende Faktoren für die Belastungsgrade des Tinnitus sind.

Wie wird ein schwer belastender Tinnitus behandelt und was ist das Behandlungsziel?

Ein dekompensierter Tinnitus mit psychischen und physischen Begleiterkrankungen wie Schlafstörungen und Depressionen ist für die Betroffenen extrem belastend. Hilflosigkeit, Verzweiflung und existentielle Ängste führen oft dazu, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ein normales Leben zu führen.

In der Therapie geht es darum, den Teufelskreis aus Ohrgeräuschen, Stress und seelischer Belastung zu durchbrechen und die gestörte Filterfunktion des Hörsystems wiederherzustellen. Dabei ist die intensive und vor allem verständnisvolle Zuwendung des Arztes besonders gefordert. Die Patienten lernen, ihre Aufmerksamkeit gezielt zu lenken und dem zermürbenden Geräusch immer weniger Beachtung zu schenken. Schritt für Schritt verliert es so an Bedeutung und rückt in den Hintergrund der Wahrnehmung.

Exkurs: Tinnitus und Hörminderung

Die meisten Menschen, die einen Tinnitus wahrnehmen, leiden an einer vorbestehenden Hörminderung. Diese Hörstörung wird aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse ebenfalls für die Tinnitusentstehung mitverantwortlich gemacht. Deshalb sollte die Hörstörung mit Hörgeräten korrigiert werden, um die akustische Ablenkung zu fördern. Menschen ohne Hörgeräte werden aus gleichem Grund Rauschgeräte angeboten.

Als weitere Therapiemaßnahmen spielen umfangreiche Beratungen und Informationsvermittlungen sowie Entspannungsverfahren zum Stressabbau und Stressregulierung eine große Rolle. Hervorzuheben ist darüber hinaus die umfangreiche, individuell angepasste Hörtherapie zur Bewältigung des Tinnitus. Intensive psychologische Gespräche ergänzen das Behandlungskonzept. Ziel sind neben Ursachenklärung , die Erarbeitung neuer Lebensbewältigungsstrategien, Angstreduktion und vieles mehr, um den Belastungsdruck zu senken. In der Regel gelingt es nicht, den Tinnitus ganz aus der Wahrnehmung zu verbannen. Aber es ist realistisch, einen sehr belastenden, dekompensierten Tinnitus in einen gut kompensierten nicht mehr belastenden Tinnitus zu verwandeln.

Fazit

Patienten, die unter einem chronischen Tinnitus leiden, müssen zwei Dinge akzeptieren:

  • Es gibt keine Medikamente, die ihre Ohrgeräusche beseitigen.
  • Es liegt in der Macht ihrer Psyche, auf die Symptome Einfluss zu nehmen.

Zu Beginn der Behandlung ist es meist ein Ringen um die Akzeptanz. Hier erfolgen meist intensive, aufklärende Beratungsgespräche. Ziel der Therapie sollte sein, die Eigenkompetenz bzw. Selbstverantwortung des Betroffenen zu aktivieren. Das Erleben positiver Selbstwirksamkeit, berechtigter Hoffnung auf die Rückkehr von Lebensfreude und Lebensqualität, der Wiedergewinn von Musikgenuss u.v. mehr sind realistische Ziele. In der Therapie sollte es auch darum gehen, diese Ziele glaubhaft erfahrbar  zu vermitteln.

Sowohl für den Patienten wie auch für den Arzt oder Therapeuten ein gutes Stück Arbeit. Intensive, empathische ärztliche Zuwendung ist gerade für Tinnitus-Patienten essentiell und sollte nicht aus Zeitgründen vernachlässigt werden.

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