Teil 3: Somatische Komorbiditäten und ihr Einfluss auf die Lebensdauer.

Typische ADHS-Symptome bergen auch Risiken für die körperliche Gesundheit. Das wirkt sich auf die Sterblichkeitsrate aus.

Thomas Middendorf

Chefarzt an der Schön Klinik Bad Arolsen

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DHS und Geschlechtskrankheiten

Hinsichtlich sexuell übertragbarer Infektionen weisen Menschen mit vs. ohne ADHS ein signifikant höheres Risiko mit 1.2% vs. 0.4%; z. B. bezüglich HIV, Syphilis, Gonorrhöe, Chlamydien-Infektionen und Trichomonaden auf. Impulsivität und der erhöhte Drang nach unmittelbarer Bedürfniserfüllung (aversion of delay) führen dazu, dass es viel häufiger zu ungeschütztem Sexualverkehr kommt. Konsequenterweise war unter kontinuierlicher Einnahme einer ADHS-bezogenen Medikation das Risiko wieder reduziert (Chen M, et al. , 2018).

ADHS und Adipositas

In einer großen britischen Metaanalyse mit 42 Studien mit insgesamt 728.136 Menschen, davon 48.161 mit ADHS, trat eine Adipositas signifikant häufiger bei Erwachsenen und Kindern mit ADHS mit 28,2 % vs. 16,4 %  und 10,4 % vs. 7,4 % auf, wobei die einzelnen Ursachen vielschichtig, bzw noch nicht gut untersucht sind.  Wurde allerdings eine medikamentöse Therapie der ADHS durchgeführt, normalisierte sich das erhöhte Risiko für eine Adipositas, was wahrscheinlich nicht nur an der Nebenwirkung des Appetitmangels liegt (Cortese S et al., 2016).

ADHS und Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Typ 2

Eine andere schwedische Studie zeigte nicht nur ein deutlich (mehrfachen) erhöhtes Risiko hinsichtlich einer oder mehreren psychischen Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ADHS. Die Studie stellte auch ein erhöhtes Risiko für das Vorliegen von metabolischen Erkrankungen heraus: ein fast zweifach erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, und über zweifach erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus Typ. Interessant: Während bei den psychischen Begleiterkrankungen keine Unterschiede in den Geschlechtern festzustellen war, überwogen die Männer bei den genannten somatischen Erkrankungen. Erwachsene über 50 Jahre waren im Schnitt deutlich geringer von ADHS betroffen, als der Durchschnitt aller Erwachsenen zusammen. Gerade deshalb war aber im internen Vergleich dieser Altersgruppe das Risiko von ADHSler an psychischen Komorbiditäten erkrankt zu sein noch um ein Vielfaches ausgeprägter, z. B. bis zum 23-fachen so wahrscheinlich an einer bipolaren Störung erkrankt zu sein. Die Risiko-Zuspitzung in dieser Altersgruppe gilt auch für Bluthochdruck (63%) und Diabetes mellitus Typ 2 (72%) (Chen, Q. et al. 2018).

ADHS verringert Disziplin in der Behandlung

Für ADHSler ist es typisch, weniger aufmerksam und desorganisierter zu sein. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Medikamente nicht so konsequent eingenommen werden wie es nötig wäre, um z. B. Bluthochdruck oder Asthma effektiv zu behandeln.
Die eingesetzten Stimulanzien können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Hier spielt das Risiko von relevanter, nicht erkannter, bzw. unbehandelter Erhöhung des Blutdrucks eher eine untergeordnete Rolle. Denn diese Nebenwirkung steht mittlerweile ausreichend im Fokus der Behandler. Dagegen finden die potentiell negativen Einflüsse von Stimulantien auf das Ess- und Schlafverhalten bei Kindern häufig noch zu wenig Beachtung.

Das ist noch längst nicht alles

Dies ist nur ein kleiner Auszug aus der großen Anzahl von Studien, die sich mit dem erhöhten Risikoprofil von ADHS befasst haben. Viele Aspekte wurden hier nur marginal oder noch gar nicht angesprochen, wie z. B. die Zusammenhänge zwischen ADHS und Essstörungen, bzw. die verschlechterten Genesungschancen von Essstörungspatienten mit ADHS vs. ohne. Auch die oft störungsauslösende-, -verstärkende und -aufrechterhaltende Dynamik innerhalb (mehrfach) betroffener ADHS-Familien mit dem erhöhten Risiko von Komorbiditäten ist ein viel zu weites Feld, um dies in einem Beitrag wie diesem angemessen zu würdigen.

Was ist nun aus all diesen Studien und Informationen abzuleiten?

Dazu möchte ich noch zwei letzte Untersuchungen vorstellen, die mit dieser Frage im engen Zusammenhang stehen.
Eine neue amerikanische Untersuchung befasst sich mit verschiedenen Aspekten in Bezug auf Lebensstandard,-qualität und Funktionsgrad. Sie vergleicht dazu Erwachsene mit und ohne ADHS und nutzt dafür Daten aus dem National Health and Wellness Survey. Durch weitere Fragebögen-Untersuchungen filterten sie aus einer ursprünglichen Anzahl von fast 70.000 US-Bürgern schließlich jeweils eine Gruppe von mehreren Hundert diagnostizierten vs. nicht diagnostizierten Erwachsenen mit ADHS heraus, die sich in Alter, Bildung, Einkommen, und Krankenversicherungsstatus nicht sehr unterschieden. Insgesamt ergaben sich in dieser als statistisch robust eingestuften Studie deutliche Hinweise darauf, dass Menschen mit diagnostizierter ADHS einen besseren allgemeinen beruflichen und privaten Funktionsgrad, einen allgemein besseren Gesundheitsstatus und besseres Selbstwertgefühl besaßen, als die Menschen mit einer symptomatisch relevanten, aber nicht diagnostizierten (unbehandelten) ADHS (Pawaskar, M. et al. 2019).
Eine Gruppe um M. Paucke von der Universität Leipzig ging der Frage nach, inwieweit die etablierten ADHS-spezifischen Befragungsinstrumente zwischen ADHS-Symptomen und Symptomen im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen differenzieren können. Im Ergebnis fanden sie heraus, dass allein der Einsatz von zwei ADHS-spezifische Skalen (WURS-K und ADHS-SB) ausreichend waren, um die Diagnose bei 83 % der untersuchten Patienten mit Verdacht auf eine komorbid zusätzlich vorliegende ADHS im Erwachsenenalter mit einer Sensitivität von 94 % und einer Spezifität von 56 % korrekt zu bestimmen (Paucke, M. et al.;2018).

Fazit

Man muss nicht alle o. g. Studien gelesen haben, um zu erkennen, dass im Leben der Betroffenen extrem viel schief gehen kann. Das gilt vor allem, wenn sie nicht diagnostiziert und damit nicht behandelt sind. Ihr Leben ist oft geprägt von hohem Leidensdruck, Kosten sowie verpassten Chancen. Die Untersuchungen zeigen auch auf, wie sehr Betroffene von einer Behandlung profitieren und dass damit buchstäblich Leben gerettet werden können. Trotz medialen Unkenrufen mit Überbehandlung von ADHS im Kindesalter („Koks für Kinder“) besteht insgesamt eindeutig ein Versorgungsdefizit. Und das beginnt beim Erkennen der Störung.
Zwar bin ich grundsätzlich der Auffassung, dass Patienten mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und Komorbiditäten am besten von Pharmakotherapie plus Psychotherapie profitieren. Ich möchte aber auch festhalten, dass schon viel Gewinn durch eine sorgfältige medikamentöse Einstellung und Psychoedukation, oder Anbindung an Selbsthilfegruppen etc. erzielt werden kann.
Die zuletzt zitierte Untersuchung zeigt auch, dass mit „Daran-denken“ und einem kleinen, auch zeitlich überschaubarem Einsatz von Diagnostika zuverlässig die Verdachtsdiagnose einer ADHS verifiziert oder ausgeschlossen werden kann.
Die hohe Anzahl von psychischen Komorbiditäten führt zwangsläufig dazu, dass Betroffene überdurchschnittlich oft in Praxen, Sucht- und Institutsambulanzen und Akut- oder Rehakliniken anzutreffen sind.
Somit knüpft mein Resümee, bzw, die Botschaft dieses Beitrag an dem an, was ich schon in meinem letzten Beitrag zum Thema ADHS in diesem Blog formuliert habe: Bleiben Sie im Kontakt mit Ihren Patienten, ggf. über Ihr persönliches Spezialgebiet hinaus diagnostisch offen und sensibel für die Möglichkeit einer komorbiden ADHS und machen Sie sich dafür rudimentär mit der Störung und ihren Kernsymptomen vertraut.

Tipp:

  • Die deutsche Fassung der Adult-ADHD-Self-Report-Scale, (ASRS) (PDF) bietet die Möglichkeit eines ersten Abklopfens, ebenso wie der ADHS-Selbsttest über lediglich sechs Fragen der WHO. Zu beachten ist dabei aber, dass es sich nicht um vollwertige Diagnostik-Werkzeuge, sondern um Screening-Skalen handelt.
  • Schließlich ist oft ein Blick in Grundschulzeugnisse hilfreich, auch wenn das diagnostische Kriteriums eines Auftretens der Symptome vor dem 7. Lebensjahr wohl zukünftig nicht mehr zu halten ist. Im Internet existieren schon viele durchaus wertige Screening-Selbsttests auf die Betroffene aufmerksam gemacht werden können. Sehr viele und gute Informationen und Hilfen zur Diagnostik gibt es auch auf ADHSpedia.

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Teil 2: Psychische Begleiterkrankungen erhöhen bei ADHS das Risiko.

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