Teil 2: Psychische Begleiterkrankungen erhöhen bei ADHS das Risiko.

Nicht nur ADHS allein sorgt für ein größeres Risiko, früh zu sterben. Fatal: Die psychischen Störungen verstärken einander oft.

Thomas Middendorf

Chefarzt an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Psychische Komorbiditäten beeinflussen das Sterblichkeitsrisiko

Ein großer Teil von Todesfällen bei ADHS hängt mit psychischen Störungen zusammen, die zusammen oder erst wegen des Störungsbildes auftreten. Jeder zweite Betroffene ist mit einer weiteren oder sogar mehreren psychiatrischen Diagnosen betroffen. Das Sterberisiko wird durch Komorbiditäten wie Depressionen, vor allem aber Substanzmissbrauch und Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen (emotional-instabil, dissozial) massiv gesteigert und verhält sich proportional zur Diagnosenanzahl.

Je mehr psychische Störungen vorliegen, umso höher ist das Sterberisiko.

Von einem durchschnittlichen Sterberisiko bei Menschen „nur“ mit einer ADHS geht es von anderthalbfach bis hoch bis auf das 25-fach erhöhte Risiko bei zusätzlichen vier Diagnosen und mehr. Interessanterweise wies diese Studie sogar nach, dass das überproportionale Sterberisiko mit steigendem Lebensalter sogar noch zunahm. Erwachsene haben demnach im Durchschnitt ein ca. dreimal so hohes Sterblichkeitsrisiko wie Kinder. Das kann auch daran liegen, dass ein Missbrauch von Alkohol oder Drogen natürlich erst im Erwachsenenalter einsetzt. Viele, zum Teil schon ältere Studien haben eindrücklich eine erhöhte Prävalenz von Substanzabhängigkeit bei Erwachsenen mit ADHS im Vergleich zu gesunden Kontrollen (u. a. Sobanski et al., 2007) nachgewiesen.

Risiken durch Unfälle und Straßenverkehr

Verschiedene Störungsbilder gehen mit einer zum Teil massiven Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit einher. Typisch sind:

  • aggressives Verhalten bei Störungen des Sozialverhaltens,
  • Depression,
  • Substanzmissbrauch.

Alle treten wiederum in höherem Ausmaß bei Betroffenen auf. Wobei die ADHS ihrerseits schon allein ein durch zum Beispiel Impulsivität ein höheres Risiko darstellt (Witthöft, Hofmann & Petermann, 2011).
Eine Arbeitsgruppe um Sören Schmidt von der Universität Bremen zeigte 2013 in einer kleineren Studie, dass bei Verkehrsteilnehmern mit Substanzmitteldelikten ADHS-Betroffene signifikant überrepräsentiert (bis zu 2,5 Mal) waren. Ebenso stellten sie fest, dass mit dem Ausmaß des Alkoholkonsums die Ausprägung von ADHS-Symptomen signifikant anstieg (Schmidt et al., 2013).
Eine Reihe von Studien hat nachgewiesen, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS im Vergleich zu Gleichaltrigen insgesamt mehr als doppelt so häufig Verkehrsunfälle verursachen. Diese sind neben Suiziden die häufigste Todesursache in der Altersgruppe der Adoleszenten und jungen Erwachsenen (Ludolph et al., 2009).
Für die erhöhte Risikobereitschaft im Fahrverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS inklusive Alkohol- oder Drogenkonsum bestehen auch neurobiologisch-anatomische Konstrukte. Diese beziehen sich auf verzögerte oder ausbleibende zerebrale Reifungsprozesse, insbesondere der Strukturen, die für Aufmerksamkeitsleistung im präfrontalen Kortex und einer deutlich höheren Aktivität im limbischen System mit der Folge einer potentiell gesteigerten Impulsivität beziehen (Galvan et al., 2006; Ludolph et al., 2008). (Shaw et al., 2007)  (Makris et al., 2007).
Eine große, wiederum schwedische Untersuchung wies neben der deutlich positiven Korrelation zwischen des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms und der Häufigkeit von Verkehrsunfällen auf der anderen Seite auch nach, dass eine medikamentöse Behandlung des Syndroms die Zahl der Unfälle durchschnittlich um ca. ein Drittel, bei jungen männlichen ADHS-Betroffenen sogar um fast zwei Drittel reduzierte (Chang Z et al.,2014).

ADHS und Nikotin

In Studien hat sich ein signifikanter Unterschied im Nikotinkonsum zwischen ADHS- Betroffenen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung gezeigt. Das gilt sowohl für Erwachsene, als auch für Jugendlichen (u. a. Wilens et al., 2008). ADHSler Patienten rauchen mehr und haben ein doppelt so großes Risiko für die Entstehung einer Nikotinabhängigkeit. Sie beginnen in der Jugend früher und im Erwachsenenalter ist es für sie schwieriger aufzuhören. Nikotinkonsum ist auch als eine defizitäre Selbstmedikation zu verstehen, die mehr noch die ADHS vom unaufmerksamen Typ betrifft. Der Grund: Durch Nikotin kommt es zu einer Down-Regulation von DAT im Striatum, damit zu einer größeren Verfügbarkeit von Dopamin. Das führt zu einer verbesserten Aufmerksamkeit und Konzentration. Auch hier entstehen wieder erhebliche Gesundheitskrisen, die das erhöhte Sterberisiko in der Lebensspanne erklären. Hinzu kommt der negative Einfluss von rauchenden schwangeren ADHS- betroffenen Frauen auf das ungeborene Kind.
Hier kommt auch ein sich potenzierender Effekt hinzu. So scheinen ADHS-Betroffene mit dissozialen Persönlichkeitsstörungen ein nochmal höheres Risiko für einem zusätzliche Substanzabhängigkeit zu besitzen. Risikofaktoren sind hier besonders eine ADHS vom kombinierten Typ und männliches Geschlecht. Letztes steht wieder in einem engen Verhältnis zu Delinquenz und Inhaftierung mit entsprechend gefährlichem Milieu.

ADHS und Borderline

Hinsichtlich der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter scheint ADHS in der Kindheit auch einen potentiellen Risikofaktor darzustellen und möglicherweise hier ähnliche neurobiologische Dysfunktionen zu bestehen. Die Überlappung der Symptomatik ist bekanntlich hoch. Eine Studie aus 2008 zeigt bei Borderline-Patienten eine Prävalenz von ADHS in der Kindheit von 41,5% und im Erwachsenenalter von 16,1% (Philipsen et al., 2008). Die Borderline-Persönlichkeitsstörung birgt ihrerseits aber wieder spezielle Risiken, z. B. hinsichtlich gesunder Lebensführung, Drogen, Selbstverletzung, komorbiden Essstörungen und impulsiver Suizidalität aufgrund von massiven Stimmungsschwankungen und oft belasteter Beziehungsgestaltung.

Anfang verpasst? Hier finden Sie den ersten Teil unserer Reihe „ADHS und das Sterblichkeitsrisiko“.

Und wie geht´s weiter? Im dritten und letzten Teil unserer Reihe geht es um den Einfluss des Aufmerksamkeit-Defizit-Syndroms auf die körperliche Gesundheit.

 

 

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