Option Tagesklinik – mehr als Krankenhaus light

Die Tagesklinik als Alternative zur ambulanten und vollstationären Behandlung

Martin Greetfeld

Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Stationär heißt nicht automatisch vollstationär

Ambulante und stationäre Behandlungsangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen prägen die Versorgungslandschaft in unserem Fachgebiet. Stationär bedeutet aber nicht zwingend vollstationär – auch tagesklinische Angebote sind Teil dieser Landschaft. In der Somatik sind Tageskliniken in Bereichen wie Onkologie, Chirurgie oder Neurologie weit verbreitet, ebenso betreiben viele psychiatrische Kliniken Tageskliniken. Auch in unserem Fachgebiet der Psychsomatischen Medizin und Psychotherapie kann eine Behandlung in einer Tagesklinik sehr hilfreich sein, z.B. wenn eine ambulante Behandlung nicht ausreicht, eine vollstationäre Behandlung aber nicht möglich oder indiziert ist. Auch im Anschluss an eine stationäre Behandlung kann eine Therapie in der Tagesklinik eine gute Wahl sein.

Welches Behandlungssetting soll ich meinem Patienten nun empfehlen, wenn eine ambulante Psychotherapie nicht ausreicht?

Vorteile einer vollstationären Behandlung

Häufig gehen die Empfehlungen in Richtung einer vollstationären Behandlung in einer psychosomatischen Schwerpunktklinik. Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Stationär gibt es eine höhere Dosis an Psychotherapie.
  • Gruppentherapien – im ambulanten Setting häufig schwer zu realisieren – sind ein weiterer Wirkfaktor.
  • Ein multimodaler Ansatz mit Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Gestaltungstherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren etc. ist möglich.
  • Der Patient kann sein Alltagsumfeld, welches vielleicht sogar die Erkrankung aufrecht erhält, für eine Zeit verlassen.

Tagesklinik ist mehr als stationär „light“

All dies ist aber nicht nur dem vollstationären Bereich vorbehalten, sondern kann auch von Tageskliniken geleistet werden. In manchen Fällen bietet diese Behandlungsform zudem auch Vorteile. In der Tagesklinik ist es explizit erwünscht, dass der Patient in seinem „echten“ Umfeld verbleibt. Dies ist keine Light-Version wie „eine Krankenhausbehandlung ohne Bett“, sondern ein möglicher Wirkfaktor einer Psychotherapie. Strategien und Fertigkeiten können sofort im „Echtbetrieb“ erprobt werden, Erfolge und Misserfolge unmittelbar am Folgetag in der Therapie besprochen werden.

Auch die wissenschaftliche Evidenz unterstreicht den Stellenwert von teilstationären Behandlungen. Die „S3-Leitlinie/Nationale Versorgungs Leitlinie Unipolare Depression“ (Quelle 1) empfiehlt Tageskliniken neben vollstationären Angeboten, wenn multimodale Behandlungsansätze indiziert sind. Die derzeit in Überarbeitung befindliche S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ (Quelle 2) benennt sogar Kriterien, bei denen eine teilstationäre Behandlung erfolgen soll, wie beispielsweise bei Anorexia nervosa das Therapieziel „Soziale Integration“ bei chronischen Verläufen oder das Therapieziel „Transfersicherung“ bei Step-Down-Behandlungen.

Somit haben Tageskliniken auch ihren Platz im Kontext der Transfersicherung und Nachsorgeplanung nach einem stationären Aufenthalt. Hier kann – ganz im Sinne von stepped care – ein Behandlungsabschnitt zwischengeschaltet werden, bevor die Weiterbehandlung im ambulanten Setting erfolgt.

Wie finde ich tagesklinische Behandlungsangebote?

Häufig sind sich unsere Patienten gar nicht bewusst, dass es die Alternative Tagesklinik auch im Bereich der Psychosomatik gibt. Von einer flächendeckenden Versorgung mit spezialisierten psychosomatischen Tageskliniken sind wir jedoch weit entfernt. Privilegiert sind hier größere Ballungszentren, in denen sich Tagesklinken – meist als Ableger großer, etwas außerhalb gelegener psychosomatischer Kliniken – finden.  Noch schwieriger wird die Suche, wenn es um ganz bestimmte spezialisierte Behandlungskonzepte für Krankheitsbilder wie Essstörungen, Zwangsstörungen oder beispielsweise Traumafolgestörungen geht.
Ein Blick auf die Homepage der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft Tageskliniken e.V. Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik“ kann hier weiterhelfen.

Welche Faktoren sollten Therapeuten und Patienten bedenken?

Die Entscheidung für oder gegen eine Tagesklinik ist keine, die weder Therapeut noch Patient allein treffen sollten. Hier ist ein gemeinsames Verständnis über die Vor- und Nachteile nötig. Folgende Aspekte sind zu beachten:

  • Krankheitsimmanente Aspekte wie eine schwere Antriebsstörung bei Depression oder ein ausgeprägtes Untergewicht bei Anorexia nervosa können klar in Richtung einer vollstationären Therapie weisen. Diese Bewertung liegt häufig mehr beim Therapeuten als beim Patienten.
  • Soziale Umstände wie die Fürsorge für ein Kind oder einen pflegebedürftigen Angehörigen sollten realistisch bewertet werden: Einer depressiven alleinerziehenden Mutter kann es einerseits helfen, sich für eine Zeit nicht um ihr Kind kümmern zu müssen. Andererseits kann eine fehlende Betreuungsalternative oder auch die Belastung durch die Trennung vom Kind für eine intensive Therapie in einer Tagesklinik sprechen.

Welchen Stellenwert der „Herausnahme aus dem aktuellen Lebensumfeld“ zukommen soll, ist mit jedem Patienten individuell zu diskutieren. In manchen Situationen ist eine komplette Herausnahme ein erster wichtiger Schritt, der überhaupt erst die Therapiefähigkeit ermöglicht. In anderen Fällen ist gerade der Bezug zur tatsächlichen Lebensrealität der Schlüssel, der Therapiefortschritte zulässt. Und manchmal ist ein gestuftes Modell mit Therapiebeginn im vollstationären und Therapieende im teilstationären Setting der beste Weg.

Fazit

Ich  bin sowohl im voll- als auch im teilstationären Setting tätig und erlebe täglich, dass es hier keine pauschale Empfehlung für oder gegen die Tagesklinik gibt: Ich empfehle daher, mit jedem Patienten die oben genannten Aspekte konkret und individuell abzuwägen:

  • Schweregrad der Erkrankung
  • soziale Aspekte
  • mögliche Wirkfaktoren und
  • Therapieziele

Bei allen Überlegungen, wie dem Patienten am besten zu helfen ist: Die Option Tagesklinik verdient mehr Aufmerksamkeit als sie derzeit bekommt. Gerade Patienten sind sich über dieses Therapieangebot nicht im Klaren – umso besser, wenn ihr Therapeut sich auskennt und hier kompetent beraten kann.

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