Sammelst du noch oder hortest du schon?

Über die Frage, ab wann Sammeln und Horten zu einer psychischen Erkrankung werden und was man dagegen tun kann.

Tabea Bauman

Oberärztin an der Schön Klinik Roseneck

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Viele Menschen haben Freude am Sammeln von Gegenständen. Doch was ist noch harmlose Sammelleidenschaft und ab wann leidet ein Mensch unter pathologischem Horten?

Studien weisen darauf hin, dass in Deutschland möglicherweise knapp jeder zwanzigste von pathologischem Horten betroffen ist. Dabei leiden deutlich mehr ältere als jüngere Menschen und mehr Männer als Frauen unter dieser Erkrankung. Genetische Faktoren spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Der erbliche Faktor wird auf 50 Prozent geschätzt.

Die Betroffenen leiden darunter, sich nicht von Gegenständen trennen zu können. Dadurch wird es erst unordentlich, später vermüllt die Wohnung. Der Wert des Gegenstandes spielt dabei keine Rolle. Die Symptomatik stellt eine hohe Belastung für die Betroffenen und deren soziales Umfeld dar. Sich von Gegenständen zu trennen führt zu großem Unbehagen, Angst oder Anspannung, oft verbunden mit Gedanken, etwas Wertvolles oder Wichtiges auf immer verloren zu haben.

Auch der umgangssprachlich häufig verwendete Begriff des „Messie Syndroms“ zeigt zwar Überlappungen zum pathologischen Horten. Er grenzt sich aber durch eine Desorganisation aller Lebensbereiche ab. Die Mehrheit der Patienten mit pathologischem Horten zeigt jedoch keine Symptome von Vernachlässigung des körperlichen Erscheinungsbildes.

Warum horten Menschen? Mögliche Ursachen

Warum es den Betroffenen so schwer fällt, sich von Gegenständen zu trennen, kann nach dem allgemeinen biopsychosozialen Entstehungsmodell psychischer Erkrankungen vielfache Ursachen haben. Chen et al. beschrieben in einer aktuellen Arbeit einen neuropsychologischen Zusammenhang zwischen pathologischem Horten und der Bindung zwischen Kindern und Eltern. Die Ergebnisse weisen auf eine mögliche Funktionalität von Horten im Sinne einer Kompensation von Verlustängsten hin.
Für die Betroffenen haben die angesammelten Gegenstände im Allgemeinen eine wichtige Funktion und einen starken emotionalen sowie auch ästhetischen Wert. Sie dienen der Selbstwertstärkung: Sie können wie ein Teil von sich selbst und in Teilen als besonders kostbar wahrgenommen werden. Das pathologische Horten wird dann einerseits durch die Vermeidung unangenehmer Gefühle beim Wegwerfen negativ verstärkt oder kann auch durch freudvolles Erleben beim Ansammeln eine positive Verstärkung erfahren. Durch diese Verstärkungsprozesse wird das Wegwerfen immer weiter vermieden.

Krankheitsbilder als Auslöser

Pathologisches Horten ist nicht immer die alleinige Ursache für eine Vermüllung. Mögliche Ursachen sind:

  • eine schwere Antriebsstörung, etwa aufgrund einer schweren Depression oder chronischen Psychose,
  • Suchterkrankungen, bei denen es zu einer Vernachlässigung verschiedener Lebensbereiche kommt oder auch
  • hirnorganische Störungen wie Demenzen.

Weiterhin leidet mehr als ein Viertel aller Patienten mit pathologischem Horten gleichzeitig unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Das häufige gemeinsame Auftreten dieser zwei Krankheitsbilder wird unter anderem damit erklärt, dass die bei ADHS zu beobachtenden Organisationsdefizite auch zu einem desorganisierten Umgang mit Gegenständen und demzufolge einer Unordnung führen (Frost et al., 2011).

Die Frage der Klassifizierung

In der ICD 10, dem international gebräuchlichen Klassifikationssystem von Krankheiten, wird pathologisches Horten bislang nicht abgebildet. Soll die Diagnose gestellt werden, so muss die Diagnose einer Zwangsstörung vergeben werden. Im DSM-5, dem amerikanischen Klassifikationssystem psychischer Erkrankungen, wurde pathologisches Horten nun als eigenständige Kategorie in die Gruppe der „Zwangsstörung und verwandte Störungen“ aufgenommen (siehe Exkurs). Das bekannteste diagnostische Verfahren zur Erfassung der Symptomatik ist der Fragebogen zum zwanghaften Horten (FZH; Müller et al., 2009).

Exkurs: Diagnostische Kriterien für pathologisches Horten

  1. Anhaltende Schwierigkeit, Gegenstände wegzuwerfen oder sich von ihnen zu trennen, unabhängig von deren tatsächlichem Wert.
  2. Diese Schwierigkeit ist zurückzuführen auf das empfundene Bedürfnis, die Gegenstände aufheben zu müssen und auf ein mit dem Wegwerfen verbundenes Unbehagen.
  3. Die Schwierigkeit, Gegenstände auszusondern, führt zu einer Anhäufung von Dingen, die aktive Wohnbereiche überfüllen und vermüllen und deren eigentliche, zweckmäßige Nutzung erheblich beeinträchtigen. Falls einzelne Wohnbereiche in ordentlichem Zustand sind, ist dies meist auf das Einwirken Dritter (z.B. Familienmitglieder, Reinigungskräfte, Autoritäten) zurückzuführen.
  4. Das Horten verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen (inklusive der Aufrechterhaltung eines Umfelds, das für sich und andere sicher ist).
  5. Das Horten ist nicht auf eine andere medizinische Erkrankung zurückzuführen (z.B. Gehirnverletzungen, zerebrovaskuläre Erkrankungen, Prader-Willi-Syndrom).
  6. Das Horten kann nicht besser durch die Symptome einer anderen psychischen Erkrankung erklärt werden (z.B. Zwangsgedanken im Rahmen einer Zwangsstörung, verminderter Antrieb einer Major Depression, Wahnvorstellungen einer Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung, kognitive Defizite einer neurokognitiven Störung, eingeschränkte Interessen einer Autismus-Spektrum-Störung).

Bestes Mittel gegen pathologisches Horten: eine Psychotherapie

Ein Ziel in der Therapie ist es, dass es die Betroffenen erreichen, selbst Ordnung zu schaffen und zu halten. Eine professionelle Entrümpelung und Reinigung kann ggf. dann zusätzlich notwendig sein, wenn das Ausmaß so groß ist, dass es auch mit therapeutischer Unterstützung durch das Wegwerftraining nicht selbst bewältigt werden könnte.

Die psychotherapeutische Behandlung kann in eine Anfangsphase, eine Interventionsphase und eine Abschlussphase eingeteilt werden.

Die Anfangsphase

In der Anfangsphase der Therapie ist es wichtig, Scham- und Schuldgefühle der Betroffenen zu berücksichtigen. Das gilt sowohl in Bezug auf ihre Symptome als auch gegenüber anderen Personen, die durch die Symptomatik in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein frühzeitiger Hausbesuch kann in dieser Phase nicht nur hilfreich für die genaue Diagnostik sein. Er kann auch die therapeutische Beziehung sehr fördern. Generell gilt, dass pathologisches Horten ein hartnäckiges Störungsbild ist, dessen Behandlung von den Betroffenen und Therapeuten viel Geduld und Mut erfordert. Ein wesentlicher Teil der ersten Therapiephase ist die Erarbeitung von Kompetenzen, um die Gefühle besser zu kontrollieren. Anschließend geht die Behandlung in die Interventionsphase über.

Die Interventionsphase

Der Behandlungsansatz in der Interventionsphase folgt dem Prinzip der Exposition: Die Betroffenen sollen sich in Versuchungssituationen dem Ansammeln von Gegenständen konfrontieren. Es wird zunächst eine Expositionshierarchie von Situationen erstellt, in denen der Betroffene seinem Kauf- und Sammeldrang nicht nachgeben möchte. Die einfachsten Situationen auf unterer Hierarchieebene können leichte Versuchungssituationen sein, die der Patient als noch gut bewältigbar erlebt, z.B. das Schlendern durch eine Fußgängerzone ohne dabei Schaufenster zu betrachten. Andere Situationen können sich schwieriger gestalten, z.B. der Besuch eines Flohmarktes, und können jedoch mithilfe einer unterstützenden Vertrauensperson ebenfalls noch gut gemeistert werden. Mit steigender Anspannung beim Wiedersetzen gegen den Kaufdrang wird die Situation immer herausfordernder; hier sollte die Therapeutin bzw. der Therapeut begleiten. Während der Exposition sollten die Betroffenen immer wieder nach ihrem Grad der Anspannung gefragt werden, um ein Nachlassen über die Zeit festzustellen. Die Expositionen erfolgen so lange, bis das unangenehme Gefühl beim Verzicht auf den begehrten Gegenstand nachlässt.

Ebenso verläuft das Phänomen der Habituation beim Wegwerfen von Gegenständen: Je öfter man sich in die Situation wagt, die zunächst als unangenehm empfunden wurde, desto mehr wird man sich mit der Zeit an diese gewöhnen und nicht mehr als unangenehm empfinden. Im Ergebnis wird das Wegwerfen immer leichter fallen.

Exkurs: Entscheidungsübung zum Wegwerfen von Gegenständen

Der Betroffene bringt einen Gegenstand mit, den er nur unter einiger Anspannung wegwerfen würde. Er weiß, dass er den Gegenstand am Ende nicht zwangsläufig weggeben muss. Im ersten Schritt schätzt der Patient die voraussichtliche Anspannung beim Wegwerfen des Gegenstandes und deren angenommene Dauer ein (z. B. 80 Prozent bis zum Ende der Woche). Anschließend wird er gebeten, einige Minuten lang alle Gedanken auszusprechen, die ihm bei der Vorstellung in den Sinn kommen, den Gegenstand wegzuwerfen. Schließlich bittet der Therapeut / die Therapeutin den Betroffenen, sich für oder gegen das Wegwerfen des Gegenstandes zu entscheiden. Entscheidet er sich für das Wegwerfen, wirft er ihn tatsächlich auch weg. Anschließend schätzt er seine Anspannung ein.

Die Übung sollte möglichst erst beendet werden, nachdem zumindest ein Gegenstand weggeworfen wurde.

Die Abschlussphase

In der Abschlussphase wird der Therapieverlauf rekapituliert und eine Rückfallprophylaxe erstellt. Die Rückfallprophylaxe besteht darin, mögliche zukünftig schwierige Situationen zu überlegen und dafür bereits Lösungsmöglichkeiten vorzubereiten. Diese können dann helfen, einen Rückfall zu verhindern. Außerdem sind Nachsorgetermine wichtig.

Gibt es auch medikamentöse Therapiemöglichkeiten? 

Es liegt bislang keine ausreichende Anzahl von wissenschaftlichen Studien zu einer Pharmakotherapie von pathologischem Horten vor. In einem gewissen Maße kann man jedoch davon ausgehen, dass sich die Erkenntnisse zur Pharmakotherapie von Zwangsstörungen auch auf das pathologische Horten anwenden lassen. Insofern ist die Gabe eines Serotonin Wiederaufnahmehemmers der ersten Wahl. Allerdings zeigen die Ergebnisse aus Studien und die klinische Erfahrung ein eher schlechteres Ansprechen im Vergleich zu anderen Zwängen. Eine Pharmakotherapie ist somit aus Expertensicht nur dann indiziert, wenn die Möglichkeiten der Psychotherapie ausgeschöpft sind, ein starker Leidensdruck besteht beziehungsweise das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigt ist. Darüber hinaus sind Nebenwirkungen wie insbesondere nächtliches Schwitzen, sexuelle Funktionsstörungen und Gewichtszunahme sowie Schwierigkeiten des Absetzens nach jahrelanger Einnahme zu berücksichtigen.

Fazit für die Praxis 

Pathologisches Horten ist für die Betroffenen eine psychische Erkrankung, die gesellschaftlich sehr stigmatisiert und deshalb häufig mit Schuld- und Schamgefühlen behaftete ist. Die Behandlung sollte primär psychotherapeutisch durch Expositionen erfolgen und das häusliche Umfeld mit einbeziehen.

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