S-ketamin: Nasenspray gegen Depressionen?

In den USA ist seit einigen Monaten kürzlich ein Ketamin-haltiges Nasenspray zur Behandlung Depressiver zugelassen. Wie effektiv ist es wirklich?

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Der Wirkstoff S-Ketamin wurde für die Behandlung therapieresistenter Depressionen getestet und von der FDA (Federal Drug Administration) im März 2019 als Nasenspray zugelassen; für die Anwendung (2 x pro Woche) gelten strenge Auflagen. Die Zulassung erfolgte auf der Grundlage von drei Studien, von denen allerdings nur eine die Wirksamkeit nachweisen konnte, sowie einer Studie, bei S-Ketamin über einen längeren Zeitraum gegeben wurde (offene Studie ohne Kontrollgruppe).
Laut FDA besteht die Indikation bei unipolare Depression dann, wenn bei einer aktuellen depressiven Episode mindestens zwei Versuche mit einem Antidepressivum in ausreichender Dosis und auch über einen ausreichend langen Zeitraum erfolglos waren. Der Substanz wird auch eine akute antisuizidale Wirkung zugeschrieben. Die häufigsten Nebenwirkungen in den Studien waren eine vorübergehende Blutdruckerhöhung, Übelkeit, Benommenheit, Kopfschmerzen, Schwindel und auch Dissoziationen.

Der Stoff Ketamin ist eine Mischung aus S-Ketamin und L-Ketamin, wobei aber nur S-Ketamin wirksam ist. Als Ketanest wird es schon lange in der Anästhesie verwendet. S-Ketamin wurde als Mittel gegen Depressionen entwickelt.

Diese Zulassung hat viel Aufmerksamkeit erhalten, weil es schon seit vielen Jahren kaum mehr neue Entwicklungen bei Psychopharmaka gibt. Zudem werden auch diverse kritische Aspekte bei Antidepressiva immer häufiger diskutiert, wie z.B. eine fehlende Überlegenheit gegenüber einer Placebobehandlung bei leichter und mittelschwerer Depression sowie größere Schwierigkeiten beim Absetzen der Substanzen, als man früher angenommen hatte. S-Ketamin wird daher als Innovation in der Pharmakotherapie der Depression, insbesondere bei Therapieresistenz, gerade extrem viel in der Fachpresse diskutiert.

Was genau beweisen die Studien, auf denen die Zulassung basiert?

Ein genauer Blick auf die Ergebnisse der Studienlage zeigt folgendes:

  • Die Responderrate bei therapieresistenter Depression liegt nur bei einem Drittel.
  • Die rasche Wirkung nach einer Woche kontrastiert mit weniger überzeugenden Effekten nach ein paar Wochen.
  • Die Wirkung von S-Ketamin kann mit Naltrexon, einem Opiat-Antagonisten, blockiert werden, d.h. es handelt sich möglicherweise um eine Art drogenähnlichen Effekt (!). Auch von anderen Drogen sind im Übrigen kurzfristige antidepressive Wirkungen beschrieben.

Details zur Studie lesen Sie bei JAMA

Inzwischen ist eine weitere Studie erschienen, in der eine Kombination aus dem Nasenspray mit S-Ketamin in Kombination mit einem Antidepressivum wirksamer in der Rückfallprophylaxe war als nur ein Antidepressivum alleine (Daly et al. 2019, JAMA Psychiatry).

Fazit für die Praxis

  • S-Ketamin ist sicher kein neues Wundermittel bei therapieresistenten Depressionen, nur ein Drittel der Probanden spricht an.
  • Ob es eine Wirkung über einen kurzfristigen Effekt hinaus gibt, d.h. eine auch nach Wochen anhaltende Wirkung, ist noch nicht ausreichend gut belegt, wenngleich Hinweise aus Studien dafür sprechen, dass möglicherweise auch eine länger anhaltende Wirkung bestehen könnte.
  • Es ist dennoch kritisch zu sehen, Menschen mit chronischen Depressionen zu suggerieren, dass sie durch das neue Wundermittel Ketamin geheilt werden können.
  • Es muss bedacht werden, dass die Substanz einen drogenähnlichen Effekt hat, in entsprechenden Kreisen bekannt ist und ein gewisses Suchtpotenzial besteht.
  • Medikamentöse Behandlung ist nur ein Aspekt in der Therapie der Depression. Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist für Depression gut belegt. Anhaltende Wirkungen, d.h. über das Ende einer Therapie hinaus sind für Psychotherapie, nicht aber für Pharmakotherapie belegt.

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