Resilienz: glückliche Fügung oder Lernprozess?

Resilienz ist (wie auch Burnout) ein Begriff, der zur Zeit in aller Munde ist. Die beiden Termini teilen ein gemeinsames Schicksal: Was ist das genau?

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

0

„Resilienz“ ist ursprünglich ein Begriff aus der Werkstoffkunde. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Materials oder Gegenstandes nach mechanischer Verformung wieder in den Ursprungszustand zurückzukehren. Die Übertragung dieses Terminus´ in die Psychologie ist aus meiner Sicht irreführend: Es impliziert, dass Resilienz etwas Statisches ist („0 oder 1“). Entweder man ist resilient oder nicht. Resilienz ist, aber, wie ich aufzeigen werde, durchaus erlernbar. Wir müssen uns nur überlegen, wogegen wir resilient sein wollen. Und wir sollten uns die Frage stellen, ob wir nach einer Krise wieder in den „Ursprungszustand“ zurückkehren wollen – oder ob wir aus einer Krise lernen wollen und einen „neuen“ Zustand erreichen wollen.

Definition und Kernelemente

Aburn, Gott & Hoare verfassten 2016 einen Review zu Definitionen und Kernelementen von Resilienz (Quelle 1). Dafür starteten sie eine Schlagwortsuche in wissenschaftlichen Suchmaschinen und identifizierten 2.429 Studien. Nach Ausschluss von Übersichtsarbeiten, Duplizitäten etc. blieben letztendlich 100 Papers übrig, die wissenschaftlichen Standards entsprachen. Dies waren Untersuchungen zu Resilienz bei chronischen Erkrankungen, Homosexualität, in Pflegeberufen, in der Präventiven Medizin… Und genauso bunt und heterogen wie die Studienpopulationen waren die Definitionen von Resilienz.
Aber sie zeigten auf, dass Resilienz ein dynamischer Prozess (!) ist und identifizierten fünf Kernelemente über die Studien hinweg:

  1. Rising above to overcome adversity
    („sich über/außerhalb die Probleme stellen; Fähigkeit, einen anderen Blickwinkel einzunehmen“)
  2. Adaption and adjustment
    („Adaption und Anpassung“; kurz- und langfristige Anpassungsmechanismen)
  3. Ordinary Magic
    („Magie des Alltags“)
  4. Good mental health as proxy for resilience
    (Psychische Gesundheit als Marker/Näherungswert für Resilienz)
  5. Ability to bounce back
    (“Stehaufmännchen“)

(Anmerkung: Übersetzung durch den Verfasser)

Unabhängig von den fünf Kernelementen, die in Untersuchungen mit definierten Studienpopulationen identifiziert wurden, definierte Leppert 2013 die „Trait-Resilienz“. Dies ist eine Definition, die auf die Metaebene abzielt, nämlich  …. über den Lebenslauf gesehen,  von nicht mehr adaptiven Bewältigungsmustern abzulassen und sich im Zusammenspiel von Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen „umzustrukturieren“. (Quelle 2)
Es geht also um die „stabile Fähigkeit“, die eigene Befindlichkeit zu modulieren und zu kontrollieren, sowie sich in ausgewogener und angemessener Weise an Belastungen anzupassen.
 Leppert spricht demnach von einem Resilienzkern, welcher folgende Faktoren umfasst:

  •  Entschlossenheit
  •  Beharrlichkeit
  •  Gelassenheit
  •  Selbstvertrauen
  •  „bei sich selbst sein“

Die Resilienz wird entdeckt

Als Pionierin und Pionier der Resilienzforschung kann man mit Fug und Recht Emmy Werner und Aaron Antonovsky bezeichnen.
Emmy Werner führte über mehr als 20 Jahre (1970-1991) eine Längsschnittuntersuchung an Kindern aus sozial schwachen Familien durch und fand heraus, dass circa ein Drittel der Kinder trotz ungünstiger sozialer Startbedingungen erfolgreiche (junge) Erwachsene wurden (Quelle 3). Bedeutendster Faktor für die positive Entwicklung war mindestens eine vertrauensvolle Bezugsperson im Kindesalter. Nota bene: Dies musste nicht zwangsläufig ein Elternteil sein, sondern es konnte zum Beispiel auch eine Lehrerin sein.

Antonovsky identifizierte bei Frauen, die das KZ überlebt hatten, als Wirkfaktor für psychische Stabilität trotz der traumatischen Erlebnisse das Kohärenzgefühl („Sense of coherence: the sense, that life is comprehensable, manageable and meaningful“). Dieses in den frühen 1970er Jahren von ihm aus diesen Forschungsergebnissen entwickelte Salutogenesemodell kann auch heute noch als wegweisend angesehen werden (Quelle 4).

Wann brauchen wir Resilienz?

In erster Linie in Lebenskrisen, seien es Belastungskrisen oder Entwicklungskrisen. Und hier gilt in der Tat: Aus Krisen können wir gestärkt hervorgehen, sofern wir bereit sind, daraus zu lernen. Die „Ordinary magic“ (Magie des Alltags) ist dabei gar nicht genug zu betonen: Wir „wachsen“ primär nicht an den großen Dingen, sondern an der Lösung alltäglicher Problemen. Dabei können wir Lerneffekte erzielen, die uns bei der Bewältigung größerer Probleme helfen. Wir können also tagtäglich resilienter, also widerstandsfähiger werden – aber nicht unbedingt gegen „Alles und Jedes“ . Klar ist aber auch, dass es Abstufungen der Möglichkeiten der Resilienzentwicklung gibt. Dies hängt in der Tat von der Persönlichkeitsstruktur und Vulnerabilität ab. Je selbstbewusster wir ins Erwachsenenleben „hineinwachsen“ und je „geschmeidiger“ wir in der Problemlösung sind, desto eher sind wir fähig, Probleme aktiv zu lösen und daraus zu lernen.

Fazit

Auch für Resilienz gilt der Claim „Nature and nurture“. Auf die Voraussetzungen haben wir keinen Einfluss, auf das, was wir daraus machen, jedoch sehr wohl. Damit unsere Patienten  auch künftige Krisen erfolgreich (selbst) meistern, lohnt es sich, während der Therapie an der Resilienz/psychischen Widerstandsfähigkeit zu arbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nächster Artikel

Fibromyalgiesyndrom schickt Patienten auf Ärzte-Odyssee.

Anmelden und kommentieren

Wir möchten uns auch in der virtuellen Welt mit wirklichen Menschen austauschen. Daher bitten wir Sie, sich anzumelden beziehungsweise zu registrieren. Bitte beachten Sie, dass wir Ihre Kommentare mit Ihrem realen Namen veröffentlichen.

Registrieren

zurück

*Pflichtfeld

Passwort vergessen?

zurück

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an und Sie erhalten eine E-Mail, mit der Sie Ihr Passwort zurücksetzen können.

Sind Sie noch nicht bei uns registriert?
Das geht ganz einfach! Jetzt registrieren.

Newsletter

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.

*Pflichtfeld