Psychohygiene: Wein predigen, Wasser trinken?

Wie gelingt es, die Probleme der Patienten nicht mit ins Privatleben zu nehmen? Ein Dialog zwischen jungem Diplom-Psychologen und erfahrenem Chefarzt.

Jörg-Tobias Hof

Stationspsychologe an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Psychohygiene: Von der Theorie in die Praxis.

Egal ob Psychohygiene, Resilienz oder Salutogenese, wir „Professionellen“ sollten doch eigentlich wissen, wie wichtig die Selbstfürsorge ist, sich psychisch von der Arbeit abzugrenzen. Schließlich beraten und predigen wir doch nicht selten zum Thema Ressourcenaufbau. Dass man sich abgrenzen können muss oder man das innere Kind füttern soll. Und dann denke ich doch darüber nach, wie geht es mir damit eigentlich? Wie versorge ich meine Bedürfnisse? Predige ich Wein und trinke Wasser?
Ich glaube, manch ein junger Kollege findet sich in so einer Situation wieder: Ambitioniert gestartet, möchte man seinen Job möglichst gut machen. Es gibt viel zu lernen und nicht selten auch viel zu leisten. Wenn man es schafft, die Fragen seiner Patienten nicht mit nach Hause zu nehmen, warten da Ausbildung, Anträge, Berichte oder gar Nebenjobs, um sich über Wasser zu halten.
Dabei schreibt nicht zuletzt die American Psychological Association (APA) in ihrem Ethics Code, dass sich der körperliche und mentale Gesundheitszustand auf die Fähigkeit auswirkt, anderen zu helfen. Gleichzeitig scheint der Umgang mit Stress durchaus kontrovers zu sein und viele unterschiedliche Punkte spielen auf Seiten der Hilfeerbringer eine wichtige Rolle.
Hier lohnt ein Austausch mit einem erfahrenen Kollegen: Wie halten es „die alten Hasen“ mit der Psychohygiene? Ein Gespräch mit Dr. Gernot Langs, Chefarzt seit mehr als 10 Jahren.

Die Gestaltung des Arbeitsumfelds

Jörg-Tobias Hof:

Neben ganz grundsätzlichen Fragen wie „sind ausreichend Mitarbeiter für die anfallende Arbeit da?“ und „kann ich durch meinen Lohn mein Leben finanzieren?“ scheint mir auch die Möglichkeit wichtig zu sein, ob ich innerhalb meines Arbeitsalltags ausreichend Kontrolle ausüben kann. Wie groß sind meine Freiheitsgrade im Arbeitsprozess? Darf ich meine Termine selbst vergeben oder übernimmt das eine Zentrale oder schlimmer, ein Computer?! Wenn es unterschiedliche Schwerpunkte gibt, habe ich ein Mitspracherecht, in welchem ich arbeite? Nicht zu unterschätzen ist auch die Wertschätzung und Anerkennung der Vorgesetzten.

Dr. Gernot Langs:

Du sprichst da gleich mehrere Punkte an, auf die ich eingehen möchte, vor allem, was den Klinikalltag und die Ausbildung angeht. Ich sehe mich als Vorgesetzter sehr wohl in der Verantwortung, für eine ausreichende Anzahl an Mitarbeitern. Bei Urlaub und zusätzlich Krankheit kann es eng werden. Unsere Patienten sollen das aber nicht merken. Dann geht es wohl darum, Prioritäten zu setzen und die oberste Devise lautet für mich: „Patientenversorgung geht vor“. Die Freiheitsgrade sind insofern eingeschränkt, als wir als Team zusammenarbeiten. Und da müssen wir uns mit den Terminen untereinander abstimmen. Hier sind eben pragmatische Grenzen gesetzt. Ausbildung bedeutet, dass „man“ möglichst viel lernen soll. Da kann es schon sein, dass auch Schwerpunkte dabei sind, die nicht ganz so „prickelnd“ sind. Ich bin der Meinung, dass man als junger Psychologe oder Arzt auf jeden Fall für  all jene  „Krankheitsbilder“ , die häufig vorkommen, gute und ausreichende Behandlungsstrategien erlernen sollte. Die Pflicht sozusagen. Und dann gibt es noch die Kür: Da dürfen dann durchaus persönliche Vorlieben und Interessen eine Rolle spielen.Wertschätzung durch Vorgesetzte? Na klar ist das wichtig! Und wir als Vorgesetzte sollten alles daran setzen, um die auch zu geben und zu leben.

 

Arbeit mit Aus- und Fortbildung unter einen Hut bekommen

Jörg-Tobias Hof:

Eine besondere Schwierigkeit im Umgang mit der eigenen Psychohygiene ist für jüngere Kollegen die Vereinbarung von Arbeit in stationären oder ambulanten Settings innerhalb der Woche und dem Absolvieren weiterführender Aus- und Fortbildungen. Sind diese doch meist am Wochenende, nicht selten sogar zusätzlich an einzelnen Werktagen. Da bleibt wenig Zeit, um für sich zu sorgen, ehe die neue Woche beginnt und man erneut zurück zur Arbeit geht. Natürlich kommt es auch vor, dass Seminare nach einem Arbeitstag stattfinden. Habe ich mir die Fortbildung bewusst gewählt, bin ich vielleicht bereitwilliger und aufnahmefähiger für weiteren Input, nach einem acht stündigen Arbeitstag und entsprechender Anreise zum Vortrag. Im Rahmen der Therapieausbildung gab es jedoch die ein oder andere Pflichtveranstaltung, die ich mir zu dieser Uhrzeit sicher gerne erspart hätte. In diesen Fällen lernte ich höchstens meine Dissoziationsfähigkeit zu stärken.

 Dr. Gernot Langs:

Du hast recht, die Ausbildung ist sehr zeitintensiv. Ich sehe auch die Verschulung mit einer gewissen Skepsis. Aber das ist ein Trend der Zeit und ich wüsste da auch kein Rezept dagegen. Mit Schaudern höre ich junge Kolleginnen und Kollegen zu, wenn sie von der Uni erzählen. Da kann ich keine „Kriegsgeschichten“ liefern, wie schwierig es seinerzeit war. Ich habe in Österreich studiert (kann daher über deutsche Verhältnisse an den Unis in den 80ern nichts sagen): Aber wir hatten damals viel mehr Spielraum als Ihr es jetzt habt. Das ist einer der wenigen Aspekte, bei denen ich mit ruhigem Gewissen sagen kann „früher war es besser“. Obwohl ich niemandem die spießigen 70er und 80er wünsche, in denen wir noch um soziale Freiräume streiten mussten.

Die eigene Arbeitsstruktur

Jörg-Tobias Hof:

Aber natürlich sind nicht nur die Anderen verantwortlich. Ich kann durchaus die Grundlage schaffen, weniger negativen Stress durch meine Arbeit zu empfinden. Dazu gehören u.a. auch:

  • Ich kann zwischen wichtigen und weniger zeitkritischen Dingen unterscheiden.
  • Ich habe eine gute Übersicht über meine Aufgaben.
  • Ich kann klar signalisieren, wenn meine Kapazitätsgrenzen erreicht sind,

Dabei scheint mir der Umgang mit Stress als solches von zentraler Bedeutung zu sein. Ich meine dabei beispielsweise Konzepte von Disstress und Eustress oder Formulierungen wie „Vom Opfer zum Akteur“ (Quelle 1, Kaluza, 2015). Sogar Energie soll man aus Stress schöpfen können (Quelle 2, Artikel auf Spiegel.de zu Stress).

Dr. Gernot Langs:

Also, es wird immer Zeiten gebe, die mit einem „Mehr“ verbunden sind, da müssen wir alle durch – auch wenn es hart klingt. Es ist wichtig, dass Du ein „zu viel“ rechtzeitig signalisierst, nicht erst, wenn das „Kind in den Brunnen gefallen ist“. Ich möchte zu bedenken geben, dass Vorgesetzte nur in etwa abschätzen können, wann die Belastungsgrenze eines Mitarbeiters erreicht ist, da sind regelmäßiger Austausch und direkte Kommunikation essentiell.

 Der Umgang mit schwierigen Therapiesituationen

Jörg-Tobias Hof:

Und trotz aller Strukturiertheit und Rücksicht auf Bewertungen meiner Situation, manchmal nehme ich dann doch eine schwierige Therapiesituation mit nach Hause. Habe ich genug getan? Habe ich zu viel getan? Bin ich der Richtige für diesen Job? Habe ich Erfahrungen mit dieser Situation? Hätte ich jenes bemerken müssen? Warum verändert sich nichts?
Zugegeben, denke ich an meinen Beginn, kommen diese Tage nicht mehr so häufig vor. Lag in den ersten Monaten noch ein Notizbuch neben meinem Bett – möglicherweise fällt mir nachts noch etwas ein – gelingt mir die Trennung heute deutlich besser. Gleichzeitig wird es sicherlich immer Situationen geben, die mich kurzfristig nicht loslassen. Ich glaube, sich darüber bewusst zu sein und dies auch anzunehmen, ist der erste wichtige Schritt, um damit umzugehen.

Dr. Gernot Langs:

Was Du sagst, kann ich gut nachvollziehen, weil ich das alles selbst erlebt habe. Ich muss Dir an dieser Stelle aber ein Kompliment machen: Selbstzweifel ist in diesem Job schon auch etwas Gutes und Du stehst dazu. Undnoch etwas: Je erfahrener Du wirst, desto freier wirst Du werden. Aber wirklich lernen kann man eben nur aus schwierigen Therapiesituationen. Wobei auch ich nach fast 30 Jahren Berufserfahrung noch immer den einen oder anderen Patienten „mit nach Hause“ nehme. Ich glaube, das wird nie aufhören.

 

Super- und Intervision

Jörg-Tobias Hof:

Gemäß dem Spruch „Niemand ist ein Insel“ erlebe ich die größte Entlastung durch Gespräche. Ok, in meiner Profession sollte das niemanden überraschen. Doch egal, ob es eine besonders herausfordernde einzelne Therapiesituation war, ein Erfolg, eine Stagnation oder Ärger im kollegialen Miteinander: Der Austausch mit Kollegen – selbstredend anonymisiert – wirkt sehr entlastend. Sicher ist dies innerhalb einer Klinik leichter und schneller zu gewährleisten als alleine in der eigenen Praxis. Teilen zu können, wenn ich mich ärgere, wenn ich mich ohnmächtig fühle ob der ausbleibenden Veränderung, aber auch wenn ich bewegende Geschichten gehört habe, erleichtert es mir, Dinge zu verarbeiten. Aus meiner Sicht unterscheiden wir uns da kaum von unseren Patienten.

Dr. Gernot Langs:

Dem kann ich leider nix hinzufügen, Du hast alles gesagt. Dennoch eine kleine Anmerkung: Mit der Zeit lernst Du mehr und mehr, professionellen Abstand zu gewinnen. Das hat, auch wenn junge Kolleginnen und Kollegen es nicht gerne hören, auch mit Älterwerden und Lebenserfahrung zu tun.

Selbsterfahrung als Schutzfaktor

Jörg-Tobias Hof:

Mehrfach kam im Gespräch mit jungen Kollegen eine Frage auf. Und natürlich habe ich mich diese ebenso gefragt: Was möchte ich denn innerhalb meiner Selbsterfahrung, die ja ein Pflichtbestandteil der Ausbildung ist, von mir preisgeben? Wie tief lasse ich blicken? Und irgendwie ist da ein beklemmendes Gefühl. Vielleicht liegt dahinter die Angst sich zu entblößen. Unter den Kollegen weinen zu müssen oder Scham, was andere über einen denken könnten. Gleichzeitig scheint es mir sehr wichtig, zu wissen, wie man „tickt“. Was löst welcher Patient bei mir aus? Wann neige ich dazu mich zu sehr „reinzuhängen“, wann laufe ich Gefahr die professionelle Beziehung aufgrund unterschiedlicher Ansichten zu verlassen? Welche Themen können auch mir ganz individuell schwer fallen, sodass ich mehr bei mir, als bei meinem Gegenüber bin? All diese Fragen kann ich nur klären, wenn ich die Selbsterfahrung nutze, um mir besser über mich und meine „wunden Punkte“ klar zu werden.

Dr. Gernot Langs:

Ich bin da ganz bei Dir. Da ich meine Selbsterfahrung selbst bezahlt habe, habe ich sie zum Teil unabhängig von der Klinik und meinem Ausbildungsinstitut gemacht. Diesen Teil meiner Selbsterfahrung habe ich im Rahmen einer Gruppe bei einer Gestalttherapeutin gemacht. Das war ganz große Klasse.

Wie sehen Sie das?

Jetzt möchten wir gern Ihre Meinung zum Thema Psychohygiene erfahren: Wie gelingt Ihnen der professionelle Abstand zu den Problemen der Patienten? Welchen Rat würden Sie jungen Kollegen geben oder – wenn Sie selbst am Anfang Ihrer Berufslaufbahn stehen – welche Hilfestellung würden Sie sich von erfahrenen Kollegen wünschen? Schreiben Sie uns, wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

 

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