Peer-Therapie bei Zwangsstörungen

In anderen Bereichen seit Jahrzehnten bewährt, für die Psychosomatik noch Neuland: Die Schön Klinik Roseneck organisiert Treffen für aktuelle und ehemalige Zwangspatienten. Die Resonanz: sehr gut.

Stefan Koch

Leitender Psychologe an der Schön Klinik Roseneck

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Was ist Peer-Therapie und was ist die Idee dabei?

Die spezifische Erfahrung von Therapeuten, die auf Stationen für Zwangsstörungen arbeiten, kann Betroffenen in dieser akuten Behandlungsphase helfen, ein erforderliches Vertrauen aufzubauen und sich beteiligten Ängsten zu stellen. Viele Patienten fragen sich dennoch:

  • „Wie kann das gelingen, dass meine Zwangsgedanken tatsächlich weniger bedrohlich werden? Ist das wirklich möglich, dass ich trotz meiner intensiven Angst auf meine Zwangshandlungen verzichten kann?“
  • „Müssen diese anstrengenden Zwangsexpositionen wirklich sein? Gibt es keine weniger emotional aufwühlende Alternativen?“
  • „Wie viele Zwangsexpositionen benötige ich, bis ich ausreichend stabil meine Zwänge reduzieren kann?“
  • „Kann meine Angst in diesen (mir unvorstellbaren) Zwangsexpositionen wirklich weniger werden?“
  • „Wie kann ein Leben nach der Therapie aussehen? Werde ich (wieder) ein normales Leben führen können?“
  • „Mit welchen Reaktionen meines Umfelds habe ich zu rechnen? Wie kann ich mit Rückschlägen in der Therapie umgehen?“

Ehemalige Patienten als Vorbild und Ansporn

Der Grundgedanke des Einbezugs ehemaliger Patienten („Peers“) in die Behandlung von Zwangsstörungen besteht darin, dass Gleichgesinnte mit persönlicher Behandlungserfahrung über ein hohes Ausmaß an Glaubwürdigkeit und spezifischem Wissen über zentrale Aspekte der Behandlung verfügen. In der entscheidenden Phase des Einstiegs in Zwangsexpositionen verlangt die Behandlung von Zwängen viel Mut und Durchhaltevermögen. Ehemalige Patienten, die ihre Behandlung erfolgreich absolviert haben, können hierbei als glaubwürdiges Modell dienen. Sie können die Zwangspatienten in akuter Behandlung ermutigen und motivieren, dass sie es gleichermaßen schaffen können. So ermöglicht die Initiative des Experienced Envolvement (EX-IN) Menschen mit Psychiatrie- und Psychotherapieerfahrung die Ausbildung zum „Genesungsbegleiter“, um wohnortnah akut Betroffene in der Wiedereingliederung in den Alltag zu unterstützen. Seit Jahren werden mit Erfolg Trialog-Veranstaltungen beispielsweise in der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie angeboten. Der Begriff Trialog beschreibt hierbei eine Form des gleichberechtigten Austauschs mehrerer an der Behandlung beteiligter Interessengruppen: z.B. Patienten, deren Angehörige und beteiligte Ärzte und Therapeuten. In der Suchtbehandlung ist seit Jahrzehnten der Einsatz ehemaliger Betroffener bewährt. Entsprechend liegt es nahe, auch im Bereich der Zwangserkrankungen wesentlich mehr als bislang üblich ehemalige Zwangspatienten einzubeziehen.

Stand der Erfahrungen mit Peer-Angeboten bei Zwangsstörungen

Durch Erweiterung des Behandlungsschwerpunkts für Zwangsstörungen verfügt die Schön Klinik Roseneck mittlerweile über rund 60 spezifische Behandlungsplätze für zwangserkrankte Erwachsene und Jugendliche. Seit bald zwei Jahren werden regelmäßig „Betroffenengespräche Zwang“ angeboten: Die Patienten sind mindestens acht Wochen bei uns in Behandlung und können während dieser Zeit wenigstens einmal eine Veranstaltung mit ehemaligen Betroffenen zu besuchen. Die Evaluation dieser mittlerweile über 40 Veranstaltungen zeigt, dass der Einbezug ehemaliger Zwangspatienten („Peers“) ausgesprochen positiv bewertet wird. Aus Sicht der mittlerweile über 570 Teilnehmer wird die Zufriedenheit wie auch der persönliche Mehrwert dieser Veranstaltungen mit „gut“ bis „sehr gut“ bewertet. Die „Betroffenengespräche Zwang“ gehören damit zu den am besten bewerteten Behandlungselementen im Behandlungsschwerpunkt Zwangsstörungen.

Abbildung: Patientenbewertungen der Betroffenengespräche Zwang (408 Zwangspatienten der Schön Klinik Roseneck; Schulnoten von 1 = „sehr hoch/sehr zufrieden“ bis 5 = „sehr gering/sehr unzufrieden“)

Wie kann es weitergehen?

Bisherige Erfahrungen mit dem Angebot von Peer-Veranstaltungen ermutigen, diesen Ansatz weiterzuverfolgen bzw. weiter auszubauen. Beispielsweise liegt nahe, Angehörige von Zwangserkrankten sowohl als „Peers“ wie auch als Teilnehmer von „Peer-Veranstaltungen“ einzubeziehen. Mittlerweile konnten die Erfahrungen mit diesem Peer-Ansatz der Behandlung von Zwangsstörungen unter anderem bei den Jahreskongressen der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangserkrankungen (SGZ, Dezember 2017 in Zürich) und der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen (DGZ, September 2018) vorgestellt werden.

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