Die Digitalisierung der Psychotherapie

Was hindert uns eigentlich daran, auch oder nur online zu therapieren? Eine Gegenüberstellung der Pros und Cons.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Die Schön Klinik nimmt derzeit an einem von der EU geförderten Forschungsprojekt zur Onlinetherapie teil. Kooperationspartner sind eine große gesetzliche Krankenkasse und ein privater Krankenversicherer. Der wissenschaftliche Leiter sitzt an der Universität in Erlangen, Mitarbeiter der  sechs psychosomatischen Kliniken und Fachabteilungen der Schön Klinik führen die Vorgespräche durch, die Psychotherapeuten haben ihren Standort in Bad Arolsen. Viele Player, ein Ziel: die Ergänzung der „face to face“  (f2f) Psychotherapie durch ein internetbasiertes Angebot.
Das Projekt weckt Emotionen.  Sowohl auf Seiten der Gegner, die den Untergang der hehren Psychotherapie eingeläutet sehen, als auch auf Seiten der Befürworter, die eher verständnislos auf die Seite der Gegner gucken. Die Diskussion erinnert mich ein wenig an den deutschen Titel eines Buches von John Irving: „Gottes Werk und Teufels Beitrag“: Internet ist zwar gut, aber nicht das, was einige Psychotherapeuten damit machen wollen. Vielleicht ist meine Interpretation zu drastisch, ich möchte aber vorerst dabei bleiben.

Was ist Onlinetherapie?

  • Hinter diesem Begriff verbirgt sich nicht „die eine“ Methode, sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten:
  • rein psychoedukative Angebote ohne Therapeutenkontakt
  • asynchrone Therapeutenkontakte, zum Beispiel bei Bedarf in Ergänzung zur traditionellen Präsenzsitzung
  • synchrone Therapiesitzungen, in denen Patientin und Therapeutin direkt via Bildschirm miteinander kommunizieren.

Pro und contra Onlinetherapie

Con: Der persönliche therapeutische Kontakt und die Therapeut-Klient-Beziehung sind für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich.
Pro: Studien sagen das Gegenteil. Patienten mit Depressionen oder sozialen Ängsten profitieren sehr wohl von diesem Angebot, die Effektstärken zeigen dies.

Eines ist natürlich klar: Nicht für jeden Patienten ist Onlinetherapie geeignet. Aber auch in der face-to-face Therapie gibt es probatorische Sitzungen, die der Entscheidungsfindung dienen, ob Therapeut und Patient zueinander „passen“.

Con: Bei internetbasierten Therapien sieht man den Patienten entweder gar nicht oder nur das Gesicht. Emotionen können nicht im Ganzen wahrgenommen werden.
Pro: Psychotherapie ist „mehr“ als die Interpretation der Körpersprache. Ebenso könnte man es ablehnen, dass Patienten während einer Analyse liegen. Wo bleibt da die Körpersprache?

Con: Ich brauche den direkten Kontakt, um ein guter Therapeut zu sein.
Pro: in der Tat benötigt es Schulung und eine Gewöhnungsphase, um online effektiv zu therapieren. Wenn die Bereitschaft da ist, können diese Hindernisse überwunden werden.

Con: Es gibt zu viele unseriöse Angebote im Internet.
Pro: Richtig! Den Kopf nun in den Sand zu stecken bewirkt aber eher das Gegenteil, nämlich unseriösen „Therapeuten“ das Feld zu überlassen. Unseriöse, besser gesagt unprofessionelle Anbieter gibt es übrigens auch für face-to-face Therapieangebote.

Con:  In Krisensituationen kann ich nicht direkt eingreifen.
Pro: Der Therapeut kann sehr wohl eingreifen, nur nicht anfassen. Für instabile Patienten ist Onlinetherapie nicht geeignet. Deshalb muss im Screening-Prozess geklärt werden, ob der Patient vom Online-Angebot profitieren kann.

Krisen können auch bei f2f-Therapien stattfinden. Dafür ist auf jeden Fall ein Notfallplan zu erarbeiten.

Was noch dafür spricht

  • Der Zeitaufwand bei Onlinetherapien ist für die Patienten ungleich geringer als bei f2f- Therapien, da die Wegezeiten entfallen.
  • Patienten, die in Regionen mit geringer Therapeutendichtewohnen, können durch internetbasierte Angebote Zugang zur Psychotherapie bekommen.
  • Im Sinne eines stepped-care Modelles können nach einem stationären Aufenthalt oder gegen Ende einer f2f Therapie einzelne Sitzungen online durchgeführt werden.
  • Und Psychotherapie ist nicht mehr ortsgebunden: Auch auf Dienstreisen oder im Urlaub kann der Patient seine Therapie weiterführen.

Die Voraussetzungen

Jeder Patient, der sich für eine Onlinetherapie interessiert, muss von einem erfahrenen Psychotherapeuten oder Psychiater zu einem diagnostischen Gespräch gesehen werden. In dieser Sitzung klärt der Untersucher, ob diese Therapieform zielführend sein kann. Ein- und Ausschlusskriterien sind vorab festgelegt.
Der Datenschutz muss gewährleistet sein. Für die Studien wurden eigene Plattformen entwickelt, welche diesen Schutz gewährleisten.  Diese Plattformen werden in Zukunft auch am Markt angeboten werden.

Ein Blick in die Zukunft

Zu Zeit werden Onlinetherapien in Form von Studien durchgeführt, die Finanzierung durch die Kassen ist noch nicht Standard. Das wird sich ändern, es muss sich ändern.
Es ist aus meiner Sicht ethisch nicht vertretbar, Patienten effektive und effiziente Therapien vorzuenthalten.
Die Welt verändert sich: Dass muss auch uns Psychotherapeuten klar sein. Das Festhalten an liebgewonnen und für uns bequemen Strukturen  ist im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr möglich. Wir verlangen von unseren Patienten Veränderung, wollen aber selbst Stillstand? Damit werden wir unglaubwürdig.
Die Globalisierung macht auch vor der Psychotherapie nicht halt.  Was,  außer der Finanzierung durch die Kassen oder rechtliche Rahmenbedingungen, sollte einen Patienten in Zukunft davon abhalten, sich irgendwo auf der Welt eine kompetente Therapeutin zu suchen, die für sich  und seine Störung der „Richtige“ ist? Die Sprache als Gegenargument? Deutschsprachige Therapeuten gibt es bereits jetzt in anderen Ländern.

Fazit
Ganz einfach: Wir sollten aktive Player bei der Globalisierung der Psychotherapie sein.

2 Antworten zu “Die Digitalisierung der Psychotherapie”

  1. Mchael Heeg sagt:

    Guten Tag Herr Dr.Langs,
    grundsätzlich kann ich mir als Patient eine Psychotherapie auch online als f2f vorstellen.
    Die Vorteile, die Sie aufführen, liegen klar auf der Hand. Dennoch setzt das auch eine größere Flexibilität des Therapeuten voraus. Der Patient sollte dann auch die Möglichkeit haben, außerhalb von fest vereinbarten Terminen – z.B. in Rückfallsituationen oder in Notlagen – seinen Therapeuten per facetime o.ä. anrufen zu können (bspw. in festgelegten Zeitfenstern).
    Als Voraussetzung sehe ich allerdings nach wie vor, dass Patient und Therapeut sich persönlich „in real life“ kennen und sich auch bei einer schwerpunktmässig online geführten Therapie regelmässig (z.B. jede 10. Therapiestunde) treffen sollten.

    Seit 3.5.18 bin ich als Patient auf der Warteliste und werde in Kürze (mit dem Schwerpunkt Essstörung/Adipositas) zu Ihnen in die Schön-Klinik Bad Bramstedt kommen. Mehr über dieses spannende Thema und andere mit und von Ihnen zu erfahren, darauf freue ich mich schon sehr.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Michael Heeg

    • Gernot Langs sagt:

      Lieber Herr Heeg,
      Sie haben natürlich Recht, dass eine „face2face“ Therapie für manche Patienten durchaus notwendig sein kann: In diesen Fällen ist eine Onlinetherapie dann nicht geeignet.
      Aber es gibt eben sehr viele Patienten/Klienten, die in keiner Metropolregion leben und für die eine Onlinetherapie eine ausgezeichnete (und vielleicht die einzige) Möglichkeit ist, eine Psychotherapie wahrzunehmen. Ebenso z.B. Patienten/Klienten, die häufig auf Geschäftsreisen sind oder die kleine Kinder zuhause haben, für die sie zwar für eine Stunde, aber nicht für mehrere eine Betreuung finden.

      Für einen Notfall gilt dasselbe Vorgehen wie in jeder ambulanten Therapie, d.h. kein gesondertes Vorgehen: Auch da wird am Beginn der Therapie die Vorstellung in einer Ambulanz abgesprochen.

      Herzliche Grüße,

      Gernot Langs

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