Wenn der Schmerz zum Dauergast wird

Wie hilft man Patienten, die chronisch unter Schmerzen leiden? Die multimodale Schmerztherapie bietet so einiges.

Ariane Burtscher

Chefärztin Zentrum für Schmerztherapie Schön Klinik Harthausen

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Chronische Schmerzen – dieser Begriff lässt nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte zusammenzucken. Die Patienten schreckt die Vorstellung, nie wieder schmerzfrei zu leben. Die Ärzte hingegen fühlen sich häufig machtlos, denn sie wissen: Auch und gerade regelmäßiges Verschreiben von Schmerzmitteln ist eine Sackgasse und kann die Lage sogar verschlimmern (Medikamentenabhängigkeit, Neben- und Wechselwirkungen etc.)

Dabei gibt es effektive Möglichkeiten, mit denen Therapeuten und Ärzte den Patienten wieder zu mehr Lebensqualität verhelfen können. Ein Plädoyer für die Multimodale Schmerztherapie.

Wann gilt ein Schmerz als chronisch?

Bevor wir uns mit der Behandlung chronischer Schmerzen befassen, lassen Sie uns zunächst akute und chronische Schmerzen im Detail anschauen:
Chronische Schmerzen haben oft vielschichtige Auslöser und sind nicht immer ursächlich therapierbar. Als Schmerzgedächtnis sitzen sie zentral im Gehirn und feuern permanent Salven von Dauerschmerzen und/oder  Attackenschmerzen ab.
Der Schmerz ist zu einem eigenständigen Krankheitsbild geworden. Und das beeinträchtigt den Patienten auf allen Ebenen.

Hier eine Übersicht zu akutem Schmerz als physiologischer Reiz versus chronischer Schmerz mit Verlust der Funktion

Akuter Schmerz

  • Warnfunktion
  • Kurze Dauer
  • Ursache gut therapierbar: Schonung, Behandlung, Analgetika
  • Ziel: Schmerzfreiheit

Psychologischer Effekt auf Patienten:

  • Hoffnung auf Erfolg
  • Kontrollüberzeugung

Chronischer Schmerz

  • Keine Warnfunktion
  • Lange/Wiederkehrend über drei bis sechs Monate
  • Vielschichtig, Ursache oft unbekannt, nicht therapierbar
  • Ziel: Umgang mit Schmerz erlernen, Abbau schmerzunterstützender Faktoren

Psychologischer Effekt auf Patienten:

  • Resignation
  • Hoffnungslosigkeit
  • Hilflosigkeit

Chronischer Schmerz wirkt auf allen Ebenen

Schmerz hat eine sensorische und emotionale Kapazität. Er findet auf allen Ebenen statt: Auf der körperlichen, der seelischen und der sozialen Ebene. Und er führt an Grenzen; er fordert uns heraus auch im Hinblick darauf unser Lebenskonzept zu überdenken. Da wird der Schmerz eine Vorstellung, die abhängig ist von der Bedeutung. Wichtig ist, dass dieser chronische Schmerz auch ohne diagnostisch nachweisbare Gewebeschädigung auftreten kann.

Eine Frage der Perspektive

Viele Patienten dabei bleiben erst einmal in der Opferrolle. Sie nehmen die chronischen Schmerzen als gegebenes Leid wahr. Etwas, das man erdulden muss, weil es nie enden wird. Und deshalb ist das Leben eine einzige Qual. Nur hilft das überhaupt weiter und verdammt die Patienten zu unnötigem Leid. Chronische Schmerzen sind wie Krisen: Man kann sie als Angebote des Lebens verstehen, sich zu wandeln. Sie gehören zum Leben und können Anlass für Weiterentwicklung und persönliches Wachstum sein. Helen Keller, die taubblinde US-Schriftstellerin, hat es schön in Worte gefasst:

Wenn eine Tür des Glücks sich schließt, öffnet sich eine andere, aber oft starren wir solange auf die geschlossene Türe, dass wir die, die sich uns geöffnet hat, nicht sehen.

Diese Beobachtung hilft vielleicht chronischen Schmerzpatienten, mit ihrer Situation besser umzugehen. Kann ich trotzdem noch Positives sehen? Bin ich noch bereit dazu am Leben teilzunehmen? Ist mein Glas nur immer halb leer oder halb voll?

Die Bedeutung von chronischem Schmerz, einer Lebenskrise, der Umgang damit und die Funktion sollten uns zu einem veränderten Blick auf die Situation hinführen:

WEG von den traditionell defizit/problemorientierten Fragen

  • Was macht uns krank?
  • Wie können wir Krankheiten bekämpfen oder vermeiden?

HIN zu erfolgs- und lösungsorientierten Fragestellungen:

  • Was hält uns gesund?
  • Was macht uns stark?
  • Wie können wir mit Krisen und mit dem chronischen Schmerzgeschehen besser umgehen lernen?

Ziele der Multimodalen Therapie

Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was wir aus ihnen machen. Chronischer Schmerz lähmt, lässt den Atem anhalten, lässt das Leben stoppen. Mit der Zeit aber nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an. Dann gilt es geführt und unterstützt von einem interdisziplinären Team über Selbstmotivierung und Selbstberuhigung nachzudenken, es geht um die Verbesserung von Stressmanagement. Es gilt, Fürsorge auch gegenüber sich selbst zu lernen, es geht um emotionale Kompetenz. Gute Ansätze sind Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, Selbststärkung und Stressbewältigung.

Das Gehirn ist auf Denkweisen und Gemütsverfassungen spezialisiert, und es besitzt eine mentale Flexibilität. Es gilt die Opferrolle im chronischen Schmerz zu verlassen, Schuldgefühle und Zuweisungen sind ungesund, gegenüber sich selbst aber auch anderen. Es gilt sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und proaktiv zu gestalten. Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das was wir nicht tun. Diese Falle vieler Schmerzpatienten zu erkennen, zu interpretieren und zu lernen proaktiv auch für sich selbst aktiv sein, ist erlernbar. Der Patient ist nicht alleine mit seinem chronischen Schmerz, im Team wird die „Bürde“ chronischer Schmerz auf verschiedene Schultern verteilt.

Im Zentrum der Therapie: Die Resilienz trainieren

Resilienz ist die Fähigkeit mit Veränderungen umzugehen. In Mythen und Märchen rund um die Welt werden Heldengeschichten erzählt, Geschichten über Menschen, über Schicksale, über Kämpfe, über das Leben an sich. Jeder von uns hat schon viel überstanden bewältigt, kleine oder große Krisen. Das ist Resilienz. Wie aus Trümmern eines Zusammenbruchs ein Neuanfang gelang und wieder gelingen kann – diese Fragen kann nur jeder für sich beantworten. In unserer täglichen Arbeit als Ärzte sehen wir viele Patienten mit Schicksalen immer wieder solche „Helden“.
Krisen fordern verschiedene Resilienzfaktoren und Dynamiken, da jede Situation spezifische Voraussetzungen erfordert. Resilienz bei sich zu fördern, ist ein solcher Schlüssel.

Krisen fordern verschiedene Resilienzfaktoren und Dynamiken, da jede Situation spezifische Voraussetzungen erfordert. Resilienz bei sich zu fördern, ist ein solcher Schlüssel. Resilienz ist vergleichbar mit einem Fluß, der mit Leichtigkeit um Felsen herumfließt, mit Energie seinen Weg bahnt und beständig in Richtung Ziel unterwegs ist.

Es gilt die Balance zwischen den Resilienzfaktoren zu schaffen. Jede Situation im Leben und v.a. bei chronischen Schmerzen erfordert spezifische Voraussetzungen im Umgang damit. Jede Krise fordert zur Bewältigung viele Resilienzfaktoren. Dabei bleibt die Resilienz an sich dynamisch und fordert Balance. Jeder Resilienzfaktor kann dabei zum Schlüssel werden, der zu einem Schloss passt und es aufschließen lässt.

 

Ansatz der multimodalen Schmerztherapie in der Schön Klinik Harthausen

Es gilt Strategien im Umgang mit dem Schmerzgeschehen zu erlernen. Wir arbeiten hier in Harthausen in der multimodalen Schmerztherapie im interdisziplinären Team nach dem biopsychosozialen Modell bei chronischem Schmerz. Es gibt die Möglichkeit, sich in unserer speziellen Schmerz-Sprechstunde vorstationär am Dienstag und Donnerstag in Harthausen persönlich zu informieren bzw. uns und das Haus kennenzulernen.
Bei einem stationären Aufenthalt bleiben Patienten in der Regel acht bis 14 Tage bei uns. Es werden sowohl aktivierende Maßnahmen in Einzel- und Gruppentherapien erlernt als auch Entspannungsverfahren gezeigt.
Der Therapieplan wird individuell auf den Patienten und sein Krankheitsbild abgestimmt. In den interdisziplinären Teamsitzungen (Teilnahme Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Pflegeteam mit Pain nurses, Psychologen als Verhaltenstherapeuten, Physiotherapeuten, Spezialisten aus der physikalischen Therapie, Sporttherapeuten, Sozialdienst, Kunst und Musiktherapeuten) versuchen wir, uns von allen Seiten der Schmerz-Problematik zu nähern. Anschließend finden wir gemeinsam mit dem Patienten Lösungen für die somatischen und psychischen Probleme, die sich ergeben haben.

Ziel ist das Erwerben vieler Strategien im Umgang mit dem chronischen Schmerzgeschehen. Ganz konkret:

  • der Patient erhält Hilfe zur Selbsthilfe.
  • der Patient übernimmt wieder Verantwortung für sich selbst.
  • der Patient entdeckt die Selbstwirksamkeit und wird dafür auf körperorientierter aber auch meditativer Ebene geschult.

Es geht um eine kognitive Umstrukturierung, um Copingkonzepte für den Patienten mit chronischem Schmerz

Ich bekomme eine Idee, wie es noch anders sein könnte!

Mit dieser neuen Sichtweise passiert oft etwas mit dem chronischen Schmerz, es kommt zu der erhofften Linderung. Es geht auch um eine gesellschaftliche Herausforderung im Umgang mit Veränderungsprozessen, im Umgang mit dem chronischen Schmerz; es gilt die Dynamik des Ungewissen für den Patienten  meistern zu lernen.

Diese Aufgabe, den chronischen Schmerz meistern zu lernen, kann im Rahmen einer multimodalen interdisziplinär geführten Schmerztherapie ein ganzes Team unterstützen und gemeinsam mit Patienten auf den Weg zu bringen. Zum Team gehören:

  • Ärzte
  • Psychologen
  • Physiotherapeuten
  • Physikalische Therapeuten
  • Pflegerinnen und Pfleger
  • Sozialdienst
  • Seelsorge

Vertrauen + Austausch leben

Das ist unser Ansatz und Konzept bei der multimodalen Schmerztherapie.  Leben Sie Werte und Visionen vor, schenken Sie Aufmerksamkeit und wertschätzende Kommunikation in einem geschützten Rahmen und leben Sie das Bambus Prinzip. Hier zeigen sich bei chronischem Schmerz viele Optionen, die die Resilienz zu bieten hat.

Resilienz und das Bambus Prinzip

Es geht um Beweglichkeit – präsent sein im Kontakt und durch ein gutes Netzwerk verwurzelt. Es geht um Elastizität – der Standpunkt ist bekannt, dabei ist aber Flexibilität und Beweglichkeit möglich. Es geht um innere Spannkraft – nicht gegen den Wind oder Strom schwimmen und sich immer wieder selbst aufrichten, wenn der Sturm sich gelegt hat. Chronische Schmerzen beeinträchtigen den Mensch an sich in allen seinen Rollen und Dimensionen. Da gilt es auf die Resilienz als stützenden Faktor zurückzugreifen. Resilienz bietet gerade bei chronischem Schmerz einen Anker, aber auch die Option für einen Neustart.

 

Schlussgedanke von Hermann Hesse

Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.

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