Minderheiten in der Psychotherapie: das „minority-stress-model“

Handeln Therapeuten wirklich so vorbehaltlos, wie sie gern glauben? Oder diskrimieren sie - ohne böse Absicht - Patienten, die einer Minderheit angehören?

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Ob störungsspezifisch oder störungsübergreifend: Es gibt unzählige Behandlungsansätze in der Verhaltenstherapie, die wissenschaftlich überprüft sind. Generell ist die Verhaltenstherapie eine der am besten wissenschaftlich untermauerten Psychotherapieschulen. Dennoch wird dem Verhaltenstherapeuten ad personam immer wieder vorgeworfen, dass er zu „technokratisch“ sei, die „Störung“ in den Vordergrund stelle und andere wichtige Aspekte in der Therapie nicht berücksichtige. Eine Kritik, die ernst zu nehmen ist, allerdings leicht entkräftet werden kann.

Verhaltenstherapeuten haben sehr wohl das große Ganze im Blick

Ein gutes Beispiel dafür, dass auch in der Verhaltenstherapie „das Große und Ganze“ gesehen wird, ist das Minderheitenstressmodell. Zugegeben, es ist auch vielen Verhaltenstherapeuten nicht bekannt. Von daher ist es mir ein Anliegen, es hier zu erklären. Als pars pro toto werde ich die Therapie von sexuellen Minderheiten, konkret von homosexuellen Patienten herausgreifen.

Entwickelt wurde das „Minority stress model“ von I. Meyer, der es 1995 in einem Artikel im „Journal of Health and Social Behavior“ vorstellte. Er zeigte Stressoren auf, denen homosexuelle Männer zusätzlich zu jenen ausgesetzt sind, die auch für heterosexuelle Menschen relevant sind. Dazu zählen sowohl erlebte Diskriminierungen als auch „erwartete“ Diskriminierungen sowie die sogenannte „Internalisierte Homonegativität“.

Erlebte Diskriminierungen

Homosexuelle Menschen sind immer wieder auch körperlicher Gewalt ausgesetzt, dies ist wohl die „offenkundigste“ Form von Diskriminierung. Reaktionen darauf sind zum Teil eher verhalten, die Opfer haben oft Angst, die Übergriffe zur Anzeige zu bringen. Dies aus der Befürchtung heraus, auch von der Polizei oder Ämtern nun eher versteckte (oder auch offene) Diskriminierung zu erfahren  („Warum müsst Ihr Euch so auffällig benehmen?“). Im Alltag erleben homosexuelle Menschen sehr „diskrete“ Diskriminierungen, die sich in so mach einer gar nicht böse gemeinten verbalen Äußerung zeigen: „Leute wie Ihr….“ (als ob Homosexuelle sich über ihre sexuelle Identität identifizieren würden).  Diskriminierungen am Arbeitsplatz und durch Arbeitgeber, die sogar vom Gesetzgeber geduldet werden, gehören auch dazu. Angestellte von kirchlichen Einrichtungen können sich nicht sicher sein, ob sie ihren Arbeitsplatz nach dem Coming-out behalten werden. Auch der Spitzensport zählt weiterhin dazu, auch wenn Sportler wie der ehemalige Profi-Fußballer Thomas Hitzlsperger ganz offen über ihre Homosexualität sprechen.

Erwartete Diskriminierungen

Ein Beispiel: „Hand in Hand“ in der Öffentlichkeit. Für heterosexuelle Paare eine Selbstverständlichkeit. Bei zwei Frauen akzeptabel. Zwei schwule Männer Hand in Hand auf der Straße? Sie erwarten, außer in ihrem „definierten“ Kiez, mindestens verbal beschimpft zu werden. Also unterlassen sie es.

Internalisierte Homonegativität

Stellen Sie sich bitte folgende Frage: Wie habe ich mich gefühlt, als ich merkte, dass ich heterosexuell bin? Vermutlich haben Sie sich mit dieser Frage nie auseinandergesetzt.  Jugendliche, die bemerken, dass sie sich nicht für das „andere“ Geschlecht interessieren, müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Wenn sie nun von den Eltern, von ihren Gleichaltrigen, in sozialen Netzwerken, von Ärzten und kirchlichen Einrichtungen gehört haben, dass Homosexualität eine Sünde bzw. Krankheit („Perversion“) sei, wird ihr Selbstwertgefühl vermutlich sich von dem eines heterosexuellen Jugendlichen gravierend  unterscheiden. Und sie werden aufgrund dieser Sozialisation irgendwann sogar „verstehen“, warum sie Diskriminierung erleben müssen und die Diskriminierenden sogar verteidigen: „Früher sind wir verfolgt worden, jetzt nicht mehr. Da hat sich doch einiges getan“

Protektive Faktoren

Im Minderheitenstressmodell sind auch protektive Faktoren enthalten. Dazu zählt soziale Unterstützung. Für Homosexuelle kann dies beispielsweise deren „schwulen Community“ sein, wenn andere Netzwerke nicht vorhanden sind.

Was hat das mit Psychotherapeuten zu tun?

Therapeuten sind Menschen. Und trotz ihrer Ausbildung und Selbsterfahrung haben auch sie Vorannahmen (!), vor allem, wenn sie wenig Kontakt zu einer Minderheit haben. Das sind häufig keine Vorurteile, sondern schlichtes Unwissen.

Aussagen wie „Homosexualität ist doch gar nichts Besonderes mehr heutzutage! Machen Sie sich da keine Gedanken“ sind zwar gut gemeint. Von einem biologischen Standpunkt war es nie etwas Besonderes, vom gesellschaftlichen her sehr wohl. Und nicht alle Menschen leben in einer liberalen Großstadt. Besonders erschreckend ist es aber, dass einige Therapeuten Homosexualität noch immer als Krankheit sehen und ihren Klienten ein „Heilsversprechen“ machen, wobei sie mit Heilung eine „Umpolung“ der sexuellen Orientierung meinen. Einige Klienten verlassen die Therapiesitzung empört, andere fühlen sich zutiefst verunsichert.

Fazit

Das Minderheitenstressmodell bietet Therapeuten und Ärzten den Rahmen, sich mit den speziellen Problemen von sexuellen, ethnischen oder religiösen Minderheiten auseinanderzusetzen. Wichtig ist es dabei, seine eigenen Vorannahmen nicht mit „Wissen“ um die Spezifika zu verwechseln. Ebenso gilt es, eigenen moralischen oder religiösen Wertungen und Weltanschauungen keinen Spielraum in der Therapie zu lassen, sondern diese zu hinterfragen.

Der Appell an die Psychotherapeuten und Psychiater ist, sich mit dem Minderheitenstressmodell auseinanderzusetzen und zu überlegen, welche spezifischen Stressoren es geben könnte. Die maßgeblichen Elemente sind abhängig von der jeweiligen Minderheit im Ganzen und vom Individuum mit seiner persönlichen Sozialisation. Dies bedarf manchmal einer Auseinandersetzung mit einem fremden „Kulturkreis“, lohnt aber den Aufwand für die Therapie.
Ich halte es für empfehlenswert, sich bei Bedarf in Supervisions- oder Balintgruppen mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Empfohlene Literatur:

Göth, M. und Kohn, R. (2014). Sexuelle Orientierung in Psychotherapie und Beratung. Berlin Heidelberg, Springer-Verlag.

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