Klettern in der Psychotherapie

Klettern hat der Psychotherapie viel zu bieten - wenn die Voraussetzungen stimmen.

Alexander Heimbeck

Leiter Sport- und Bewegungstherapie & Physikalische Abteilung (ROS) Schön Klinik Roseneck

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Alexander Huber, Extremkletterer: „Diese Kletterbewegungen, die ich so liebe. Dieses widerstandslose, lautlose Hinaufgleiten am Fels. […] Es ist wohl das Schönste im Leben, wenn Du alles um Dich herum vergisst, vollständig in dem aufgehst, was du gerade machst. Nicht beeinflusst von Vergangenem, nicht bedrängt von dem, was kommen könnte. Wenn Du einfach nur den Moment erlebst, mit deinem Herzen und deiner ganzen Seele. Hier kannst du es. Mehr als sonst irgendwo“ [1].

Klara M., eine fiktive Patientin mit einer Zwangserkrankung sagt beispielhaft: „Ich bin gefangen in meinem Haus, in meinen Gedanken. Ich höre vorne auf zu putzen und weiß, dass ich sofort hinten wieder anfangen kann, weil mein Ritual unterbrochen wurde. Ich komme nicht mehr aus dem Haus, meine Hände sind kaputt. Ich bin völlig verzweifelt. Mich lassen die Gedanken nicht los, es könnte meinen Kindern etwas Schlimmes zustoßen, wenn ich dieses oder jenes nicht mache, wie es sein soll…“

Kontrastreicher können die Beschreibungen bestimmter Lebensgefühle nicht sein: Einerseits die Freiheit im Moment zu leben, obwohl sich Alexander Huber in eine gefahrvolle Situation begibt. Andererseits die Sorge die Kontrolle über das Leben zu verlieren, obwohl die Angst der Patientin völlig irrational ist.

Therapeutisches Klettern: Mode oder neue Methode?

Es liegt auf der Hand, dass der Klettersport bestimmte Aspekte beinhaltet, die auch bei der Behandlung psychischer Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen.
Dass diese Erkenntnis sich herumspricht, zeigt sich in der wachsende Zahl an Veröffentlichungen und wissenschaftlichen Untersuchungen. Des Weiteren steigt die Nachfrage nach qualifizierten Fortbildungsmöglichkeiten. Ganz klar: Das therapeutische Klettern mit Menschen, die psychisch erkrankt sind, stößt auf großes Interesse. Umso wichtiger ist es, auf einige Punkte hinzuweisen:

Wir sehen das therapeutische Klettern als ein handlungsorientiertes Verfahren der klinischen Bewegungstherapie. Damit ist es eingebettet in eine lange Tradition der Bewegungstherapie mit fundiertem theoretischem Background und keine neue Methode. Wir bedienen uns im therapeutischen Klettern an diesem Wissen und machen es für das Klettern nutzbar.

Welche Ziele verfolgt man beim therapeutischen Klettern?

Als Verfahren der klinischen Bewegungstherapie gibt es Zugänge auf verschiedenen Ebenen:

Die funktionelle Ebene – Klettern als Sport, gezieltes Training von Körperfunktionen. Viele Patienten kommen in einem körperlich desolaten Zustand. Dieser Aspekt ist in der Krankheitsbewältigung und in der Selbstwirksamkeitserfahrung nicht außer acht zu lassen. Außerdem ermöglicht die funktionelle Ebene häufig einen „niedrig-schwelligen“ Einstieg und ist ein Türöffner für anstehende psychotherapeutische Themen.

Die soziale Ebene – Klettern als Möglichkeit, soziale Erfahrungen zu machen. Klettern findet immer in der Gruppe, bzw. mindestens zu zweit statt. Dadurch ist es notwendig, die Beziehung zu den anderen zu gestallten. Muster der Beziehungsgestaltung werden sichtbar, können besprochen werden. Neue Muster können spielerisch/ohne Konsequenz erprobt werden.

Die sensitive Ebene – Klettern als Gelegenheit, zu spüren und zu fühlen. Damit wird ein Erleben von Leiblichkeit und Bewegung ermöglicht. Die Wechselwirkungen von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen sind der Kern der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Bewegungstherapie, in diesem Fall in der Form des Kletterns, steuert einen weiteren Aspekt bei. Dem Aspekt des Spürens des Körpers wird im Alltag oft keine Bedeutung gegeben. Wieso auch, so lange keine Schmerzen vorhanden sind bzw. der Körper „normal“ funktioniert, ist dies auch nicht unbedingt notwendig. Für Menschen mit psychischer Erkrankung aber ist es eine wichtige Einsicht, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit auf dieser Ebene zu machen. Der Patient kann auf seinen Körper und dessen Reaktionen willentlich Einfluss nehmen.

Die symbolische Ebene – Klettern als Medium der Psychotherapie

Egal auf welcher Ebene man sich bewegt, die Klettersituation spiegelt den Alltag wider. Mit ein wenig Phantasie lässt sich auf den bereits genannten Ebenen ein Transfer in den Alltag der Patienten herstellen. Auf dieser Ebene wird es besonders deutlich. Die Angst vor dem Loslassen – Kontrolle abzugeben – anderen zu Vertrauen. Sich selbst zu vertrauen: „Erreiche ich den nächsten Griff? – der ist so weit weg…!“

Psychotherapie ist Psychotherapie. Klettern ist Sport – bestenfalls Freizeitbeschäftigung!

Wir hatten schon viele Patienten, die dadurch eine neue Freizeitbeschäftigung gefunden haben. Das ist korrekt und ein schöner Nebeneffekt. Dabei ist Klettern in der Psychotherapie jedoch auch Psychotherapie, da

  1. der Leistungsaspekt eine untergeordnete Rolle spielt. Der Blick wird nach innen auf das Verhalten und Erleben gerichtet,
  2. Reflexion stattfindet, mit dem Ziel unbewusst ablaufende Vorgänge ins Bewusstsein zu befördern und zu verbalisieren,
  3. Ressourcen gefördert und Problemlösestrategien erarbeitet werden,
  4. die Möglichkeit zur bewussten Verhaltensveränderung besteht,
  5. auf einen Transfer in den Alltag besonderen Wert gelegt wird.

Für wen ist das therapeutische Klettern geeignet?

Wie bei allen bewegungstherapeutischen Verfahren braucht es eine gewisse Affinität zum Verfahren. So gibt es Menschen, denen besonders am Yoga gelegen ist, andere tanzen gerne, die Dritten klettern eben gerne und verknüpfen damit bestimmte Erwartungen.

Es gibt bestimmte Themenkreise, die sich durch das Klettern besonders gut bearbeiten lassen:

  • Vertrauen in sich – Vertrauen in andere – Kontrolle
  • Selbstwirksamkeit
  • Hoher Leistungsanspruch – Perfektionismus – Selbstwert
  • Umgang mit Angst – Grenzen
  • Aufmerksamkeitsregulation
  • Emotionsregulation
  • Beziehungsgestaltung
  • Annehmen und Abgeben von Verantwortung
  • Genusserleben – Hedonismus
  • Körperliche Fitness

Klettern ist gefährlich – soll der Patient dieser Gefahr ausgesetzt werden?

Klettern beinhaltet potentielle Gefahren, dies ist korrekt. Mit der entsprechenden Ausbildung und bewusstem Risikomanagement kann diesen Gefahren begegnet werden. Wichtig, um die technische Grundlage mitzubringen, ist Selbsterfahrung und eine Trainerausbildung. Eine bewegungstherapeutische oder/und psychologische Grundausbildung ist wichtig, um die Themen, die entstehen, zu erkennen, aufgreifen und umsetzten zu können. Entsprechende Fortbildungen vermitteln die praxisnahe Umsetzung.

Es ist notwendig, ein Sicherheitskonzept für die spezielle Patientengruppe, abgestimmt auf die jeweilige Kletterhalle zu erarbeiten.

Fazit

Therapeutisches Klettern ist eine handlungsorientierten Möglichkeit, bestimmte immer wiederkehrende Themen in der Therapie aufzugreifen und erlebbar zu machen. Es bietet auf unterschiedlichen Ebenen Zugang zum Patienten. Damit die Qualität gesichert ist und das Gefährdungspotential möglichst gering gehalten wird, ist eine gute Ausbildung und Erfahrung notwendig.

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