Je schöner der Mai, umso schlimmer die Depression.

Gerade der vermeintlich schönste Monat im Jahr lässt die Suizidrate steigen. Warum?

Der Monat mit den meisten und schwersten Fällen depressionsbedingter Symptomatik ist nicht etwa der November, sondern der Mai. Das belegen zahlreiche Studien1. Was macht diese Zeit so belastend für die acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland, die mit Depressionen leben? Und was können Betroffene und Angehörige tun?

Bäume und Sträucher blühen, die Temperaturen steigen, die Sonne scheint länger. Alle freuen sich über den Beginn der sonnigen, warmen Jahreszeit – oder? Nein. Für Menschen mit Depressionen beginnt im April die kritischste Zeit des Jahres. Im Mai erreicht sie sogar ihren Höhepunkt und ebbt im Juni wieder ab. Die Studienlage bringt es bedrückend ans Licht: In keinem anderen Monat ist die Suizidrate so hoch wie im Mai. Die Gründe für den traurigen Wonnemonat sind nicht geklärt. „Die Wissenschaft diskutiert verschiedene Ursachen“, erklärt Univ.-Doz. Dr. Gernot Langs, Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt. „Vermutlich ist es eine Mischung aus biochemischen, psychosozialen, genetischen und sonstigen Faktoren. Im Mai kommt offenbar vieles zusammen, was in der Summe zu einem deutlichen Anstieg der depressiven Symptomatik führen kann und oft auch führt.“

Falsche und enttäuschte Erwartungen

So kann der nach dem Winter endgültig leere Serotoninspiegel ein negativer Wirkfaktor sein, auch die Lichtverhältnisse werden kontrovers diskutiert. Denn auf der Südhalbkugel sind die für Depressive kritischsten Monate November und Dezember – also ebenfalls der Frühling. „Auf psychosozialer Ebene spielen falsche oder enttäuschte Erwartungen eine große Rolle. Das sich nicht erfüllende Glücksversprechen des Wonnemonats scheint nach unserer Erfahrung besonders intensiv zu wirken“, sagt Univ.-Doz. Dr. Langs. Kein Monat ist ähnlich klischeebelastet wie der Mai. Allein die Aussage „alles neu macht der Mai“ sorgt dafür, dass der fünfte Monat im Jahr fast unerträglich mit Erwartungen überladen wird. Den meisten Menschen ist das egal – Depressiven oft nicht. Viele Stimmungen verstärken sich im Kontrast. Wer erwartet, neuen Lebensschwung zu bekommen, nur weil der Frühling beginnt, erntet in der Regel nichts als große Enttäuschung. „Broken-Promises-Theorie“ nennen Psychologen das Phänomen, dass enttäuschte Erwartungen zu einer Verschlimmerung von Depressionen führen.

Depressionen sind Ganzjahresthema

Der Kontrast zwischen Selbstwahrnehmung und dem, was um einen herum stattfindet, könnte für Betroffene kaum stärker sein. Denn scheinbar geht das Versprechen, das der Mai vor sich herträgt, für andere Menschen absolut auf: Vielen geht es im Frühling tatsächlich besser als sonst, was für Menschen mit Depressionen schwierig ist. Wenn sie umgeben sind von Menschen, die ihnen permanent vor Augen führen, wie gut es ihnen im Frühling gehen sollte, fühlen sie sich erst recht vereinzelt, noch kränker und fehl am Platz. Nicht selten kommen dann auch noch Kommentare hinzu wie „Schau mal, wie die Sonne scheint, jetzt muss es dir doch besser gehen!“. Wer ohnehin schon belastet ist, erlebt in dieser Zeit eine Verschlimmerung der Symptomatik. Doch bei aller Deutlichkeit, die aus den Studien spricht, bleiben es Zahlen mit vielen Variablen. „Nicht alle Menschen mit Depressionen erleben im Frühsommer eine Krise, manche sind vielleicht bei den Temperaturen im Hochsommer oder zur Weihnachtszeit besonders empfindlich“, stellt Langs klar. „Wichtig ist, dass die Depression ein Ganzjahresthema ist. Und ob Betroffener, Angehöriger oder Mediziner, jeder kann etwas dazu beitragen, dass kritische Phasen gesund vorübergehen.“

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