Wenn man denkt: „Eigentlich wartet nur noch der Tod auf mich.“

Interview mit einer Patientin über den Kreislauf von Depression und Einsamkeit.

In Großbritannien gibt es so viele einsame Menschen, dass die Ministerin für Sport und Ziviles seit 2018 die Aufgabe hat,  Maßnahmen zu entwickeln, um die zunehmende Vereinsamung in der britischen Bevölkerung zu reduzieren. Auch die deutsche Regierung plant, gegen die zunehmende Vereinsamung in Deutschland vorzugehen (siehe Meldung vom 12. Februar 2018 im Ärzteblatt)

Denn auch in Deutschland gibt es viele einsame Menschen: Eine Studie von Wahlverwandtschaften e.V. hat ergeben, dass sich 70 Prozent aller Befragten (1.200 Teilnehmer) einsam fühlen. Zehn Jahre zuvor lag der Wert noch bei 50 Prozent. Es gibt also nicht nur viel mehr einsame Menschen – es ist mittlerweile auch erwiesen, dass Einsamkeit die Gesundheit beeinträchtigt. Einsame Menschen schlafen schlechter als sozial eingebundene Menschen. Außerdem sind ihre Stresslevel erhöht, was die Entwicklung stressbedingter Krankheiten wahrscheinlicher macht. Rein körperlich kann Einsamkeit die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Das Team um Julianne Holt-Lunstad (Brigham Young University, 2010) hat in einer Metaanalyse herausgefunden, dass Einsamkeit ungefähr so schädlich ist wie Rauchen oder Adipositas.

Wir haben mit einer Patientin gesprochen, die  derzeit wegen Depression und Burnout in einer psychosomatischen Klinik behandelt wird. Ihre Lebens-/Krankheitsgeschichte zeigt exemplarisch, welchen Stellenwert die Einsamkeit in der Entwicklung psychosomatischer Krankheiten einnimmt. Und wie wichtig es ist, sie zu reduzieren, um das Leben wieder genießen zu können. Meine Gesprächspartnerin ist 52 und arbeitet als Lehrerin. Wir haben uns drauf geeinigt, sie für dieses Interview Brigitte zu nennen.

Psychosomatik Online: Brigitte, warum sind Sie derzeit in Behandlung?
Brigitte: Depression und Burnout. Die Einsamkeit spielt hier eine große Rolle, aber sie ist ja kein Krankheitsbild. Das hängt aber alles miteinander zusammen. Wenn man depressiv ist, wird man einsam. Hat Angst vor anderen, zieht sich selbst zurück. Auch wenn man in der Gruppe ist, fühlt man sich einsam. Man meidet Kontakt, man fühlt die anderen nicht mehr, die Gefühle sind nicht mehr da. Als Ersatz habe ich mich in die Arbeit gestürzt, bis in den Burnout.

Psychosomatik Online: Wie entstand bei Ihnen die Einsamkeit? Waren Sie schon immer einsam?
Brigitte: Ich bin als drittes Kind aufgewachsen, hatte zu Hause also immer Gesellschaft. Ausgezogen bin ich mit 25 Jahren, da bin ich schon etwas depressiv ins Erwachsenensein gegangen. Habe gemerkt, ich bin gehemmt darin, Kontakt zu anderen aufzubauen. Das ist ein Teufelskreis – man ist einsam, weil man depressiv ist. Und depressiv, weil man einsam ist.

Psychosomatik Online: Wann haben Sie konkret gemerkt: Mensch, ich bin einsam!
Brigitte: Vor zwei Jahren ganz konkret, weil da auch eine für mich ungute Beziehung wegbrach. Ich war unzufrieden mit der Arbeit und hatte keine Möglichkeit, meine Freizit sinnvoll zu gestalten, zum Beispiel wollte ich nicht allein in Urlaub fahren. Auch auf der Arbeit habe ich mit Kollegen nur über die Arbeit gesprochen, nicht über persönliches.

Psychosomatik Online:  Was haben Sie dagegen getan? Wie ging es weiter?
Brigitte: Ich habe keinen Ausweg gesehen und mich zurückgezogen. Dann kam das Grübeln, wie ich jetzt weiß, die Anfänge der Depression. Ich lag im Bett und dachte „Eigentlich wartet nur noch der Tod auf dich“. Parallel habe ich mich um meine Mutter gekümmert, die auch einsam ist. Ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter, sie war eher gefühlskalt. Dann kam der Nervenzusammenbruch in der Schule. Und jetzt bin ich hier.

Psychosomatik Online:  Glauben Sie, dass Sie Ihre Einsamkeit quasi von der Mutter gelernt haben?
Brigitte: Ja. Meine Mutter war mir eher ein negatives Vorbild. Sie wurde vom Vater immer gedemütigt, hatte kein Selbstbewusstein und wenig Kontakt zu anderen. Auch nach seinem Tod gelang uns Kindern nicht, sie wieder aufzurichten.

Psychosomatik Online: Welche Rolle spielt die Einsamkeit in Ihrer Therapie?
Brigitte: Das ist ein großes Thema. Ich habe hier gelernt, dass jeder einen inneren Kritiker und einen inneren Befürworter in sich trägt. Und ich versuche die ganze Zeit, zu trainieren, mit anderen in Kontakt zu treten und dabei den internen Kritiker klein zu halten. Wissen Sie, ich bin in meinem Leben 15 Mal umgezogen. Angefangen habe ich mit einem Kleintransporter. Beim letzten Umzug waren dann zwei 7,5 Tonner nötig. Ich habe sehr viele Dinge um mich geschart, um die fehlenden Menschen zu ersetzen. Am Ende war alles so vollgestellt, dass kein Mensch mehr in meine Wohnung gepasst hätte. Das mache ich sogar in der Kunsttherapie: Ich male alle Bilder so voll, dass kein Leerraum mehr übrig bleibt.

Psychosomatik Online: Wie arbeiten Sie konkret gegen die Einsamkeit?
Brigitte: Wir haben hier die Vorteile aufgeschrieben, die es hat, wenn ich Nähe zulasse. Und wir überlegen uns, wie ich es üben kann, Kontakt zu anderen herzustellen. Mich zum Beispiel in einem Café an einen Tisch mit anderen dazuzusetzen. Smalltalk mit Kollegen zu halten. Und mich nicht klein fühlen, wenn es mal nicht klappt.

Psychosomatik Online: Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt?
Brigitte: Ich möchte versetzt werden, in eine Stadt, wo es auch mehr Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung gibt. Mit dem Umzug kann ich viele Dinge ausmisten. Meine Wohnung soll immer in einem Zustand sein, dass ich Besuch empfangen könnte. Und ich werde die Arbeit reduzieren, um genug Freizeit und Gelegenheit zu haben, Kontakte zu knüpfen.

Psychosomatik Online: Das hört sich gut an. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die nächste Zeit!

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