HIV und die Psyche

Gerade HIV positive homosexuelle Männer brauchen psychotherapeutische Hilfe. Das sollten Sie wissen, um effektiv helfen zu können.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Von Gernot Langs und Olaf Degen

Am 1.12. ist „Welt-AIDS-Tag“, zum 29. Mal seit 1988. An diesem Tag wird der Menschen gedacht, die an AIDS verstorben sind. Gleichzeitig soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass HIV und AIDS  Erkrankungen sind, die zwar nicht mehr tödlich verlaufen, aber als chronische Erkrankungen das Leben der Betroffenen prägen. Das dritte und aus unserer Sicht vorrangige Ziel des Welt-AIDS-Tages ist die Prävention! Denn die Infektion kann durch einfache Maßnahmen verhindert werden.

HIV – die aktuellen Zahlen und Fakten

Die Anzahl von Neuinfektionen wird in Deutschland auf 3200 pro Jahr geschätzt. Ende 2015 waren über  84.000 Menschen HIV positiv. Aufgrund der guten Behandlungsmöglichkeiten steigen die Prävalenzzahlen.  Zur Erinnerung: 1988 war die Diagnose AIDS ein Todesurteil. Erst 1996 kamen wirksame Medikamente auf den Markt. Diese können  die HIV Infektion zwar nicht heilen, aber „in Schach halten“.
In Ländern der dritten Welt wird HIV vor allem durch heterosexuelle Kontakte übertragen. Im Gegensatz dazu sind in Deutschland – wie in allen westlichen Industrienationen – „Männer, die Sex mit Männern“ (MSM) haben, betroffen. Da diese die größte Gruppe darstellen,  legen wir hier den Schwerpunkt unserer Ausführungen.

Diagnose HIV: Wie geht es jetzt weiter?

Ein positives Testergebnis ist ein einschneidendes Lebensereignis. Die Angst vor AIDS wird potenziert durch die Angst vor Stigmatisierung. Sexuell übertragbare Krankheiten werden weiterhin als „amoralisch“ konnotiert: „Hätte er aufgepasst, wäre er nicht positiv. Kein Mitleid!“ Nach Aussage von Experten [1] hat das Stigma trotz einer zunehmend aufgeklärten Gesellschaft nicht abgenommen. Der Hinweis auf die Eigenverantwortung ist durchaus richtig,  bei anderen Erkrankungen spielt aber der moralische (!) Aspekt eine weitaus geringere Rolle. Bei Rauchern, morbid Adipösen, verunfallten Extremsportlern würde kaum jemand ein „Selbst Schuld“ aussprechen. Der Shit Storm wäre ihm gewiss. Anders eben als bei HIV. Und genau diese Diskriminierung und Stigmatisierung befürchten schwule HIV positive Männer auch von Psychotherapeuten.

Psychologische Faktoren: Schwul und positiv

Homosexuelle haben im Vergleich zu heterosexuellen Männern einen zusätzlichen „Belastungsfaktor“: Neben den „alltäglichen“ Stressoren, die alle kennen, kommt bei ihnen die Angst vor tatsächlicher und erwarteter Diskriminierung dazu.  In Großstädten ist es im Privatleben weniger ein Problem  als „Schwuler“ geoutet zu sein. Aber das ist nicht überall so. Je kleinbürgerlicher die Verhältnisse, umso größer ist die Angst vor tätlichen Angriffen und Diskriminierung. Und die Angst, dass die sexuelle Orientierung ein Karrierehindernis sein könnte, schwingt immer und überall mit.
Auch bei Psychotherapeuten fühlen sich homosexuelle Menschen nicht immer verstanden. Sie haben Scheu, ihre Lebenswelten zu erklären. Diese sind in machen Bereichen eben anders als in einer klassischen Familienstruktur. Beziehungen werden anders gelebt; dies hängt auch mit der ungewollten Kinderlosigkeit zusammen, enge Freunde ersetzen die Familie. Der wohlmeindende Hinweis von Therapeuten, dass Homosexualität eigentlich etwas ganz Normales sei, hilft da leider nicht.  Ganz so einfach stellt es sich für die „Betroffenen“ nicht dar. Diese Ängste können sogar ein Hemmnis sein, überhaupt therapeutische Hilfe zu suchen. Hier können aus meiner Sicht Psychotherapeuten von HIV-Schwerpunktärzten lernen: diese treten ohne Vorurteile an die Patienten heran.

Therapeuten können die Angst nehmen

Die Frage ist: wie? Die einfache Antwort: zuhören und nicht werten! Kein HIV Patient erwartet, dass ihre Therapeuten und Therapeutinnen alles über HIV und AIDS wissen. Sie dürfen aus unserer Sicht aber erwarten, dass Psychotherapeuten sich für die Erkrankung interessieren und sich damit auseinandersetzen.

Die meisten HIV positiven Patienten suchen Therapeutinnen und Therapen wegen Beschwerden auf,  die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Infektion stehen. Dennoch ist diese im Erklärungs-/Störungsmodell zu berücksichtigen. Für andere Patienten ist dies jedoch der ausschlaggebende Moment. Sei es die „frische“ Diagnose, sei es der Ausbruch von AIDS, sei es die (stete?) Diskriminierung. Vor allem dann lohnt es sich, über HIV und AIDS Bescheid zu wissen. HIV-Infizierte Patienten haben in unterschiedlichen Untersuchungen deutlich mehr Depressionen und andere psychische Störungen als die Allgemeinbevölkerung [2].
In einigen Untersuchungen zeigte sich eine Prävalenz von bis zu 40% bei HIV-pos. Patienten. Dies wird in erster Linie auf den „Stress“ der durch die HIV-Infektion zurückzuführen ist, erklärt. Aber auch psychosoziale Folgen der Erkrankung (Arbeitsplatzverlust, finanzielle Probleme) können dazu beitragen. Die Behandlung der affektiven Störung ist bei diesen Patienten sehr wichtig, da – wie auch bei anderen chronischen Erkrankungen – die Compliance zur regelmäßigen Medikamenteneinnahme nicht mehr gegeben ist, was zu einer Verschlimmerung der Erkrankung führen kann. Damit ensteht ein Teufelskreislauf aus Infektion – Depression mit mangelnder Compliance – Steigen der Viruslast – ggf. HIV bedingte Symptome und in der Folge Verschlechterung der Depressionen.

Medizinisches Hintergrundwissen – ein Exkurs von Dr. Olaf Degen, Facharzt für Innere Medizin/Infektiologie

Die Infektion wird durch das „Human-immundeficiency Virus“ (kurz: HIV übertragen). Das Virus greift das Immunsystem an und legt dieses sukzessive „lahm“. Der Körper kann sich  nicht mehr gegen Infektionen wehren. Die Infektion selbst bedeutet nicht, dass der Patient automatisch an AIDS erkrankt: Die Krankheit AIDS bricht erst nach Jahren aus und ist durch sog. opportunistische Infektionen gekennzeichnet. Dazu zählen z.B. die zerebrale Toxoplasmose oder besondere Formen der Lungenentzündung. Wann nun eine HIV-Infektion zum Ausbruch  kommt, hängt im wesentlichen von zwei Faktoren ab: der sog. Viruslast im Blut und der Anzahl des CD4 T-Lymphozyten. Je höher die Viruslast und je niedriger die Zahl der Lymphozyten, desto gefährdeter ist der Infizierte. Ziel der Therapie ist daher eine Senkung der Viruslast unter die sog. „Nachweisgrenze“ (aktuell liegt diese bei 20 Viruskopien/ ml) und damit eine Anhebung der Zahl der CD4 T- Lymphozyten. Dadurch wird das Immunsystem wieder fitter gegen opportunistische Infektionen. Die Ausbreitung des HI Virus im Körper wird durch Medikamente mit der Bezeichnung „ART“ (antiretrovirale Therapie) verhindert. Diese Medikamente müssen lebenslang täglich eingenommen werden. Aufgrund der „erträglichen“ Nebenwirkungen der neuen Präparate ist die Compliance der Patienten meist gut. Dennoch: Durch die tägliche Einnahme der Tabletten ist die Krankheit den Betroffenen immer präsent. Wobei die Dankbarkeit für das Über- und Weiterleben deutlich überwiegt. Weitere Informationen finden Sie unter www.hivbuch.de.

Dr. Olaf Degen ist Facharzt für Innere Medizin/Infektiologie am und Leiter des Ambulanzzentrum des UKE GmbH Hamburg

Fazit

HIV-Infektionen betreffen in Deutschland weiterhin hauptsächlich Männer, die Sex mit Männern haben. Zur Angst aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert zu werden, kommen die Ängste vor AIDS und Stigmatisierung. Psychotherapeuten können den Betroffenen eine große Stütze und Hilfe sein. Und das kann ganz einfach sein, indem sie zuhören und Interesse zeigen. Wenn sie dann ihren Patienten gegenüber auch zeigen können, dass sie ein medizinisches und psychologisches Basiswissen über HIV haben, werden die Patienten ihnen dankbar sein.

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