Hilfe für extrem Magersüchtige: Die Komplexstation

Extrem Magersüchtige brauchen intensive medizinische und therapeutische Unterstützung. Die Komplexstation der Schön Klinik Roseneck bietet genau das.

Thorsten Körner

Oberarzt für Psychosomatik und Psychotherapie an der Schön Klinik Roseneck

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35 Kilogramm bei einer Körpergröße von 170 cm ergibt einen BMI von 12 kg/m². Es ist das Ergebnis einer extremen Magersucht. Das Problem: Für diese Patienten gibt es kaum einen Platz in der Versorgungslandschaft. Denn vielen psychotherapeutischen Einrichtungen fehlt die zur Behandlung notwendige Krankenhaus-Infrastruktur für die intensive medizinische Betreuung. Übliche Krankenhäuser wiederum können in der Regel keine auf Essstörungen spezialisierte psychotherapeutische Betreuung leisten und tun sich mit der Wiederernährung schwer.

Exkurs: Drei Fakten zur Magersucht

1. Patienten sind zu 90 Prozent weiblich, wobei die Anzahl jüngerer Männer steigt.

2. Diagnostisch beginnt eine Anorexia nervosa unterhalb eines BMI von 17,5 kg/m² bei Erwachsenen. Kritisches Untergewicht gilt ab einem BMI von 15 kg/m², lebensbedrohlich wird es ab einem BMI von 13 kg/m².

3. Spätfolgen einer längerfristigen Mangelernährung, wie sie bei einer schweren Essstörung vorkommt, sind: Herz-Rhythmusprobleme, Nierenschäden, Osteoporose, Zahnschädigungen (durch häufiges Erbrechen bei Purging), konstante Erschöpfung, Verdauungsprobleme. Psychische Begleit- und Folgeerkrankungen sind Depressionen, Angst- und Schlafstörungen.

Die Komplexstation der Schön Klinik Roseneck bietet beides: Internistische Versorgung in Kombination mit Psychotherapie. Voraussetzung für die Aufnahme ist eine hinreichende therapeutische Eigenmotivation.

Vier Fakten zur Komplexstation

  • Existiert seit Januar 2016.
  • Es stehen 24 Plätze zur Verfügung, davon sechs „Überwachungsplätze“ mit Videoüberwachung und Monitoring der Vitalparameter.
  • Bietet Psychotherapie in Kombination mit Krankenhaus-Infrastruktur
  • Verfügt über besonders qualifiziertes Personal aus den Bereich Innere Medizin/Intensivmedizin, Psychosomatik und Psychotherapie und eine überdurchschnittliche Ausstattung mit Pflegepersonal im Dreischichtbetrieb.

Voraussetzungen für eine Aufnahme

Das Wichtigste ist die Bereitschaft und die Motivation der Patientin oder des Patienten, sich behandeln zu lassen und aktiv zur eigenen Gesundung beizutragen. Das gelingt umso besser, wenn vorher klar ist, worauf sie sich einlassen. Deshalb empfehlen wir dringend ein telefonisches Erstgespräch, um Details zu besprechen. Bis zur tatsächlichen Aufnahme vergehen durchschnittlich vier Wochen, hin und wieder gibt es auch eine Warteliste. Diese Wartezeit ist auch eine gute Gelegenheit für die Patienten, sich auf ihren Aufenthalt vorzubereiten. Dies reduziert Therapieabbrüche.

So verläuft der Aufenthalt in der Komplexstation

In Phase 1 steht natürlich auch bei uns die Stabilisierung der Körperfunktionen und des Körpergewichts im Fokus. Von den 24 Betten auf unserer Station sind sechs sogenannte „Überwachungsplätze“, bei denen wir Vitalparameter laufend verfolgen können und durch die Videoüberwachung auf Erbrechen, Bewegungsverhalten selbstschädigendes Verhalten achten können. Alle Mahlzeiten werden therapeutisch begleitet. Eine Sondenernährung ist zwar möglich, in der Praxis aber höchst selten nötig. Das liegt auch daran, dass wir direkt am ersten Tag mit der Psychotherapie beginnen. Auch wenn es zunächst nur kurze Patientengespräche sind. In dieser frühen Phase geht es darum, dass die Patientin / der Patient bei uns seelisch ankommt, sich auf die Therapie einlässt und motiviert bleibt, den Weg aus der Essstörung weiter zu gehen.
In Phase 2 tritt die Psychotherapie stärker in den Mittelpunkt. Neben einer weiteren Steigerung des Gewichts – Ziel sind 700 bis 1000 g pro Woche –  arbeiten die Patienten in Einzel- und Gruppentherapien an den Ursachen ihrer Essstörung. Wichtig ist uns auch, dass sie Essen und Kochen in der Lehrküche (neu) erlernen, denn das ist eine Voraussetzung für eine gesunde Ernährung in der Zeit nach der Therapie. Phase 1 und Phase 2 dauern insgesamt durchschnittlich etwa 70 Tage.
Phase 3 beginnt ab einem BMI von 16 kg/m². Die Patientinnen führen dann ihre Behandlung auf einer regulären Essstörungsstation fort.

Wie geht das Leben nach dem Klinikaufenthalt weiter?

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Nachstationär empfiehlt sich oft eine therapeutische Wohngruppe oder eine weitere Behandlung in einer Tagesklinik. Unser Entlassmanagement kümmert sich um eine gute Überleitung in die weitere ambulante Therapie vor Ort. Auch die App „Recovery Record“ kann helfen, das gesunde neue Essverhalten zu stabilisieren und im Lebensalltag außerhalb der Klinik fest zu etablieren.

Fazit
Menschen mit extremer Magersucht brauchen intensive medizinische und therapeutische  Unterstützung. Nur wenige Einrichtungen in Deutschland können dies anbieten, die Komplexstation der Schön Klinik Roseneck bildet hier eine Ausnahme.

Link-Tipp: Mehr Infos zur extremen Magersucht und zur Komplexstation der Schön Klinik Roseneck.

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