Haben psychische Erkrankungen zugenommen?

Macht unsere Gesellschaft krank? Fakten, Studien und Risikofaktoren im Überblick.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Die Frage, ob psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zugenommen haben, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Unsere westliche Industriegesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten vielfältige Entwicklungen durchlaufen. Es stellt sich die Frage, wie sich diese Entwicklungen auf die psychische Gesundheit auswirken. Hat das Risiko, an einer psychischen Erkrankung zu erkranken, tatsächlich zugekommen?

Eine Zunahme der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen ist kein Beweis für die Zunahme psychischer Erkrankungen.

Eines steht völlig außer Zweifel: Die sozioökonomische Bedeutung psychischer Erkrankungen hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Dies lässt sich etwa an der Krankschreibungsrate auf Grund einer psychischen Erkrankung ablesen: Die Anzahl der Fehltage auf Grund psychischer Erkrankungen sowie die Anzahl der Frühberentungen auf Grund psychischer Erkrankungen hat sich vervielfacht. Je nachdem, welchen Zeitraum bzw. welche Statistik man betrachtet, hat der relative Anteil psychischer Erkrankungen um das Doppelte, Dreifache oder gar Vierfache zugenommen.
Nur ist darin kein Beweis dafür zu sehen, dass psychische Erkrankungen tatsächlich an Häufigkeit in der Bevölkerung zugenommen haben. Die Zunahme der Krankschreibungen und Frühberentungen könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass folgende Faktoren sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert haben:

  • Die Bereitschaft der Menschen, über ihre psychische Erkrankung zu sprechen und sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, hat deutlich zugenommen.
  • Der Wissensstand um psychische Erkrankungen hat erheblich zugenommen, so dass diese häufiger erkannt werden.
  • Die Diagnosegewohnheiten von Ärzten haben sich verändert bzw. verbessert. Ein Krankheitsbild mit diversen körperlichen Beschwerden wie Erschöpfung, Müdigkeit und anderen Symptomen wurde früher eher als eine körperliche Erkrankung diagnostiziert, während heute eine depressive Symptomatik eher als solche erkannt wird.

Dies zeigt, dass alleine die Betrachtung der Krankschreibungsraten und Frühberentungen noch kein Beleg dafür darstellt, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zugenommen haben.

Haben sich Risikofaktoren für psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft verändert?

Bei psychischen Erkrankungen spielen genetische Vorbelastung und Umweltfaktoren in individuell unterschiedlichem Ausmaß eine Rolle. Früher nahm man an, dass genetische Risikofaktoren zur Entwicklung psychischer Erkrankungen über wenige Generationen hinweg im Wesentlichen unverändert bleiben. Heute hat man die Bedeutung epigenetischer Faktoren erkannt: Einschneidende Lebensereignisse wie schwere Traumata hinterlassen ihre genetischen Spuren, welche auf die nachfolgende Generation weitervererbt werden können. Dies hätte man vor Jahrzehnten noch für eher abwegig gehalten.
In Hinblick auf gesellschaftliche Faktoren bzw. Umwelteinflüsse auf psychische Erkrankungen liegen zahlreiche Erkenntnisse vor, die sowohl für eine Zunahme wie auch eine Abnahme psychischer Erkrankungen sprechen.

Risikofaktoren, die abgenommen haben

Schauen wir auf die Zeit seit dem zweiten Weltkrieg, so haben in westlichen Gesellschaften zahlreiche Risikofaktoren für psychische Erkrankungen abgenommen, so etwa:

  • Armut, Arbeitslosigkeit, beengter Wohnraum
  • Mangelnde Bildung, mangelnde gesundheitliche Aufklärung
  • Mangel an Wissen und Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen
  • Schwere körperliche Verletzung
  • Kriegstraumatisierungen
  • Entwurzelung durch Vertreibung
  • Früher Verlust naher Angehöriger durch Krieg, Unfälle und Krankheit
  • Autoritäres Erziehungsverhalten

Es wäre also plausibel, dass das Risiko psychischer Erkrankungen in den Jahrzehnten seit Kriegsende eher abgenommen haben sollten.

Risikofaktoren, die zugenommen haben

Auf der anderen Seite gibt es Risikofaktoren, die zumindest in den Jahrzehnten seit Kriegsende massiv zugenommen haben:

  • Verlust familiärer Strukturen (Großfamilie als Schutzfaktor), Zunahme an Wechseln kindlicher Bezugspersonen
  • Anzahl der Scheidungen (sowohl Geschiedene als auch Kinder geschiedener bzw. alleinerziehender Eltern habe ein höheres Risiko für psychische Erkrankung)
  • Stärkere berufliche Mobilität, dadurch immer wieder Verlust sozialer Netze
  • Ein anhaltend sehr hohes Niveau von Alkohol und Drogenkonsum
  • Gestiegener Leistungsdruck in Schule und Beruf und emotionaler Stress in der Familie (in der Schule z.B. PISA, G8, stark gestiegene Erwartung eines Gymnasialabschlusses)
  • Frühzeitigeres Einsetzen der Pubertät, dadurch Diskrepanz zwischen körperlicher und psychischer Reifung
  • Gestiegene Lebenserwartung (leicht steigendes Depressionsrisiko im höheren Alter, stark steigendes Demenzrisiko im höheren Alter, dadurch allein auf Grund gestiegener Lebenserwartung zu erwartender Anstieg der Prävalenz)
  • Stark gestiegener Medienkonsum (TV, Internet, Smartphones)

Zum Medienkonsum gibt es eindeutige Belege, dass insbesondere ein exzessiv hoher Medienkonsum mit verschiedenen gesundheitlichen Risiken (wenig Bewegung, Übergewicht, weniger Schlaf, schlechtere schulische Leistungen) verbunden ist. Die sind alles Faktoren, die wiederum das Risiko psychischer Störungen mit beeinflussen.

Was ergeben epidemiologische Studien zur tatsächlichen Häufigkeit psychischer Erkrankungen?

Die Schwierigkeit klarer Schlussfolgerungen beruht vor allem auf der schlechten Vergleichbarkeit früherer und heutiger Untersuchungen, da sich sowohl die diagnostische Klassifikation als auch die Erhebungsinstrumente über Jahrzehnte verändert haben. Diese Faktoren werden aber von den Epidemiologen bei der Interpretation ihrer Daten berücksichtigt.

Insgesamt kann nicht belegt werden, dass es zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahren gekommen ist. Dies spricht dafür, dass der enorme Anstieg der Krankschreibungen und Frühberentungen auf Grund psychischer Störungen doch im Wesentlichen auf die bessere Erkennung psychischer Erkrankungen und die größere Bereitschaft zur Behandlung beruht.

Dennoch scheint es zumindest in einzelnen Bereichen Hinweise für eine Zunahme psychischer Erkrankungen zu geben, beispielsweise beim Ersterkrankungsalter für Depressionen. So wird eine Zunahme depressiver Störungen bei Jugendlichen beobachtet, sowie zumindest Hinweise für eine Zunahme leichter bis mittelgradiger depressiver Störungen. Dass die Gesamthäufigkeit demenzieller Erkrankungen im Rahmen der gestiegenen Lebenserwartung zugenommen hat, ist wenig überraschend.

Fazit

Unabhängig von der Frage, ob nun psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zugenommen haben, wissen wir viel mittlerweile sehr viel über Risikofaktoren und spezifische Behandlungsmöglichkeiten. Im Gegensatz zum fortgeschrittenen Kenntnisstand über Häufigkeit, Risikofaktoren und Behandlungsmöglichkeiten ist vielmehr die Behandlungsqualität psychischer Erkrankungen in einigen Bereichen besorgniserregend. So erhält nur ein Teil der Betroffenen trotz verbesserter diagnostischer Möglichkeiten die in Behandlungsleitlinien empfohlene Therapie.
Als Fachleute für psychische Erkrankungen sollten wir im Rahmen der Möglichkeiten von Prävention und Beratung von Betroffenen und deren Familien auf die Bedeutung der Risikofaktoren hinweisen und in der gesamten Breite unseres gesundheitlichen Versorgungssystems die jeweils bestmögliche Behandlung verfügbar machen.

4 Antworten zu “Haben psychische Erkrankungen zugenommen?”

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich bin auf ihre Seite gekommen, weil mich die Frage umgetrieben hat, ob es nun mehr psychische Erkrankungen gibt als früher.
    Ich bin seit 1980 im med. Bereich tätig. Erst als Krankenschwester und später als Physiotherapeutin. Dann habe ich auch noch eine Yogalehrerausbildung absolviert.
    Nun erlebe ich schon eine Wandlung in den fast 40 Jahren. Wenn ich nach Worten oder Begriffen suche, könnte ich vielleicht sagen, es ist eine Veränderung in der Konstitution des Menschen. Ich erlebe es so, dass die Menschen weniger belastungsfähig sind, weniger Durchhaltevermögen haben. Sei das in den Yogakursen oder in der Physiotherapie, fällt mir auf dass der Mensch durch Schmerzen früher nicht so elementar betroffen war und er trotz dieser seine Arbeit verrichten konnte. Heute können das viee Menschen nicht mehr auch wenn sie es wollten. So hat mir ein Arzt im Krankenhaus erzählt, dass die jüngeren Ärzte häufig nicht mehr solange durchhalten und letzte Woche erzählte mir eine Kinderkrankenschwester, dass sie, die 60 ist, häufiger für die Jüngeren einspringen muss., als diese für Sie. Diese Wahrnehmung teile ich mit anderen.
    Dem Menschen fehlt da eine Kraft, die vor 30 Jahren scheinbar noch vorhanden war.
    Auch erlebe ich in den Kursen, dass das Konzentrationsvermögen besser war und die Teilnehmer vor 30 Jahren leichter zur Ruhe gekommen sind als heute. Ich erlebe die Menschen weiterhin sensibler und empfindlicher, aber gerade im Kursgefüge nicht sozialfähiger.

    Ich habe in den letzten Jahren vermehrt junge Menschen in den Yogakursen, 17, 18jährige, die wegen Schlafstörungen zu mir kommen. Weiterhin habe ich vermehrt erschöpfte Menschen und Menschen mit Ängsten und Depressionen. Das kann natürlich auch daher kommen, dass Yoga heute bekannter ist. Aber auffallend ist es schon.

    Mit freundlichen Grüßen
    Friederike Braun

    • Ulrich Voderholzer sagt:

      Liebe Frau Braun,

      haben Sie besten Dank für Ihren interessanten Beitrag mit den Beobachtungen zu Veränderungen in Ihrer mehr als 30-jährigen Berufserfahrung erlebt haben.
      Ich habe Ihren Beitrag mit Interesse gelesen und muss konstatieren, dass ich Ihre Schilderungen für sehr treffend halte und wir in der Tat oft ähnliche Erfahrungen machen.
      Warum die heutige Generation weniger stressresistent und weniger belastbar ist, kann man allerdings nicht eindeutig erklären, zumindest nicht anhand von wissenschaftlichen Langzeitstudien.

      Aus meiner Sicht spielen wahrscheinlich mehrere Faktoren eine Rolle:
      Identifikation und Motivation für Arbeit und Leistung haben sich sicherlich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, wie es ja die Generation Y zum Ausdruck bringt, für die andere Werte heute eine große Rolle spielen.
      Identifikation und Motivation für eine Tätigkeit, sind sicherlich ein wichtiger Schutzfaktor vor einem Burnout Erleben. Dies kann man sogar anhand von Untersuchungen zeigen, dass Personen, die später ein Burnout Erleben im Beruf erleiden, schon vor Beginn ihrer Berufstätigkeit eine eher geringer Verausgabungsbereitschaft hatten und Arbeit als weniger bedeutsam erlebt haben, als eine Vergleichsgruppe mit hoher Verausgabungs-Bereitschaft und hohem Bedeutsamkeitserleben für Arbeit, die später weniger Burnout gefährdet sind.
      Schutzfaktoren in unserer Gesellschaft sind aber auch familiärer Rückhalt und stabile soziale Beziehungen, die in unserer Gesellschaft, die durch Verlust der früheren Großfamilie, durch vermehrte Migration und andere Faktoren sicher eher abgenommen haben. Ihre Beobachtungen passen gut zu den Ergebnissen epidemiologischer Untersuchungen, die zwar keine allgemeine Zunahme psychischer Erkrankungen unserer Gesellschaft belegen können, aber zumindest deutliche Hinweise für eine Zunahme depressiver Störungen im Jugendalter, einen früheren Erkrankungsbeginn für depressive Episoden und schon eine Tendenz zur Zunahme leicht bis mittelgradiger depressiver Störungen. Letzteres kann natürlich dadurch bedingt sein, dass man diese Störungen einfach häufiger diagnostiziert als früher.
      Passend zu Ihren Beobachtungen ist heute das Thema Resilienz in aller Munde und es gibt immer mehr Forschung dazu. In Mainz gibt es ein eigenes Resilienz Zentrum, dass sich ganz der Forschung zu diesem Thema widmet.

      Herzlicher Gruß

      U. Voderholzer

  2. Sarah Märtin sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ich bin auf ihren Artikel aufmerksam geworden, da ich gerade eine Hausarbeit bezüglich des Themas „Nimmt der Kapitalismus einen Einfluss auf Krankheiten wie Depressionen oder Burnout?“ schreibe.
    Den Artikel von Herrn Voderholzer finde ich sehr spannend. Dennoch stellt sich für mich die Frage, ob der Artikel schon etwas älter ist oder gerade neu erschienen ist, da das Erscheinungsdatum fehlt?
    Daher würde ich gerne wissen, in welchem Jahr der Artikel veröffentlicht wurde?
    Auf eine Antwort meiner Frage würde ich mich sehr freuen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Sarah Märtin

    • Ulrich Voderholzer sagt:

      Sehr geehrte Frau Märtin,

      vielen Dank für Ihr Interesse an dem Artikel, der im vergangenem Jahr erschienen ist. Seither gibt es keine wesentlichen neuen Erkenntnisse.
      Nach wie vor ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt, ob es eine Zunahme psychischer Erkrankungen gibt.
      Die Zahlen der Behandlungen sprechen allerdings dafür, dass es eine Zunahme gibt, z.B. gibt es einen erheblichen Anstieg der Behandlungszahlen bei Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen. Streng wissenschaftlich arbeitende Epidemiologen würden argumentieren, dass dies auch daran liegen kann, dass psychische Erkrankungen besser erkannt werden oder Versorgungsangebote stärker in Anspruch genommen werden.

      Es gibt eine neue Studie aus dem letzten Jahr, die sich mit Stress-Erleben von Jugendlichen und jungen Menschen und dem Risiko innerhalb von 10 Jahren psychisch krank zu werden, befasst hat.
      Diese Studie konnte zeigen, dass das Risiko bei hohem Stresserleben innerhalb von zehn Jahren eine psychische Krankheit zu entwickeln leicht erhöht ist. Dies wäre gut damit vereinbar, dass z.B. Stress durch gestiegene Anforderungen oder Leistungsdruck im Bereich Schule und Studium, mit einer Erhöhung des Risikos für psychische Erkrankung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun haben könnte.

      Mit besten Grüßen,
      Ulrich Voderholzer

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