Stigma psychisch krank: Wir müssen reden!

Ein Plädoyer gegen Stigmatisierung

Jörg-Tobias Hof

Stationspsychologe an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Nur sichtbare Erkrankungen sind real – wirklich?

„Was ich nicht sehe, das gibt es auch nicht!“ So hat man manches Mal den Eindruck, dieser Satz habe noch heute Bestand. Und vielleicht liegt der unterschiedliche Umgang mit somatischen und psychischen Erkrankungen hier begründet. Einen Beinbruch kann ich schließlich sehen. Ich kann leicht nachvollziehen, warum der Betroffene nicht mehr laufen kann oder Schmerzen spürt. Doch warum ist jemand über lange Zeit antriebslos? Warum fühlt sich ein Mensch nicht mehr belastbar oder empfindet keine Lebensfreude? Das zu verstehen, gelingt uns deutlich schwerer.

Aber haben wir etwas ähnliches nicht schon einmal geschafft? Etwas zu verstehen, was wir nicht mit unseren bloßen Augen sehen können? Denken wir kurz an die Entdeckung von Viren und Bakterien zurück. Heute kann man sich diese zumindest vorstellen, man hat ein Bild im Kopf. Aber wie sieht das aus, das eine psychische Erkrankung entstehen lässt? Das scheint oft deutlich abstrakter, teilweise weniger dinglich oder aber viel komplexer, multifaktoriell. Unsere Vorstellungskraft kommt hier schneller an ihre Grenzen. Und was ich mir nicht vorstellen kann, dass ist fremd, andersartig oder eben nicht existent. Also vielleicht nur eingebildet oder vorgespielt?!

Frühzeitige Hilfe hängt oft auch vom Umfeld des Betroffenen ab

Bei der Frage, wie schnell ein Betroffener sich professionelle Hilfe sucht, scheint auch die Bewertung durch das soziale Umfeld eine wichtige Rolle zu spielen. Mit welchem Verständnis bin ich aufgewachsen? Darf ich „schwach“ sein? Wie gehen Angehörige und Bekannte mit psychischen Erkrankungen um? Je offener dies im unmittelbaren Umfeld passiert, umso eher kann sich ein Betroffener eingestehen, dass professionelle Hilfe notwendig ist. Dabei wirkt sich der Grad der Chronifizierung auf den Erfolg einer Therapie aus. Oder anders gesagt: Die schnelle und frühzeitige Behandlung ist ein wichtiger anzustrebender Faktor für eine erfolgreiche Therapie.

Die Räder des Gesundheitssystems drehen sich… langsam

Doch auch wenn ein Patient sich dazu entschließt, sich Hilfe für eine psychische Erkrankung zu suchen, erweist sich dies noch immer als sehr schwierig. Selbst für gut informierte Patienten, die wissen, welche Therapieform und Qualifikation des Behandlers sie aufsuchen wollen. Der Eingang in diese erfolgversprechende Behandlung gestaltet sich nicht selten als langwierig und durch Wartezeiten gekennzeichnet.

Was ein Patient mit Symptomen wie Antriebs- und Energielosigkeit aufgrund dieser Aussichten macht, kann man sich vorstellen.

Aus meiner Sicht müssen wir uns dabei auch die Frage stellen, was dies über den Umgang mit psychischen Problemen seitens unseres Gesundheitssystems aussagt. Also bei genau jener Patientengruppe, die sich nicht selten bereits gesellschaftlich unverstanden fühlt. Wäre es nicht so, als würde man eine unfallchirurgische Praxis im fünften Stock ohne Aufzug eröffnen?

Ob die vor kurzem durchgeführte Veränderung im Antragswesen und Leistungskatalog da zu einer Verbesserung führen bleibt abzuwarten. Erste Überlegungen lassen jedoch Skepsis entstehen, wie das Ärzteblatt berichtet.

Es geht auch anders

Doch es gibt auch Initiativen, die zeigen, dass es einen anderen Weg gibt. Initiativen, die sich bewusst für die Information über und die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Eine, die mir dabei besonders gut gefällt, kommt aus dem britischen Raum und nennt sich „Time to Change“.

Mit viel Engagement wird hier eine so einfache, wie wichtige Botschaft gesendet: „Sei für deine Freunde da! Habe ein offenes Ohr!“ Es geht schlicht um ein einfaches Angebot: „Du bist nicht alleine, ich bin auf deiner Seite.“ Und damit eingeschlossen, ein Validieren des Empfindens der Betroffenen: „Ich erkenne an, dass du fühlst, wie du fühlst.“ Und dabei zeitgemäß in der Umsetzung, ein großartiges Projekt.
Im deutschen Raum ist beispielsweise „Freunde fürs Leben“ eine Initiative, welche viele prominente Unterstützer aufweisen kann.
Bleibt zu hoffen, dass solche Projekte stärkeren Eingang auch in unseren Alltag finden. Denn genau da gehören sie meiner Meinung nach hin.

Fazit

Ich wünsche mir, dass wir offener sprechen. Das wir in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag, stärker über Erkrankungen informieren und unsere Gedanken und auch Sorgen teilen können. Ich wünsche mir einen anhaltenden breiten Diskurs. Sicherlich geschieht dies auch bereits mancherorts, doch wir sind weit entfernt, psychische Erkrankungen genauso zu akzeptieren wie somatische. Dieser Eindruck spiegelt sich auch immer wieder im stationären Patientenkontakt. So sagte ein Patient im Gespräch: „Hier kann ich mich Mitpatienten anvertrauen, denn die verstehen mich. Zu Hause rede ich da nicht drüber.“ Können wir das nicht ändern?
Dass sich dieses Jahr der Weltgesundheitstag der WHO der Depression widmete, sollte meines Erachtens durchaus als Signal verstanden werden, dass es hier noch einiges zu tun gibt.

Lassen Sie uns reden!

Welche Initiativen kennen Sie? Gibt es Erfahrungen, die Sie teilen möchten? Was berichten Ihre Patienten, wie ihre Umwelt auf ihre Erkrankung reagiert? Was war für diese hilfreich?

 

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