Foodblogging und Essstörung. Eine riskante Kombination?

Warum einen Foodblog betreiben? Aus Liebe zum Essen, um Geld zu verdienen - oder um eine Essstörung zu verbergen.

Mona-Marie Henning

Oecotrophologin an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Foodblogging: Essen und Ernährung ist eines der beliebtesten Themen, denen sich Blogger widmen. Die große Mehrheit schreibt über gesundes und leckeres Essen in allen Varianten: Histaminarm, ohne Kohlenhydrate, vegan, clean eating – es ist alles dabei. Dabei könnte man meinen, dass Essen nur noch in zweiter Linie zum Stillen des Hungergefühls da ist. Es scheint vielmehr um Essen als Kunstform zu gehen. Ein Trend, der alarmisiertend wirken sollte, oder alles kein Problem?

Ein Foodblog kostet viel Zeit – wie schön!

Dass das nicht so nebenbei geht, ist offensichtlich. Ein gut funktionierender Foodblog erfordert eine Menge Ressourcen und intensives Auseinandersetzen mit der Thematik. Für Patienten mit Essstörungen sozusagen ihr täglich Brot. Die ständige Beschäftigung mit Essen gilt als typisches Begleitsymptom bei der Erkrankung. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Patienten mit Essstörungen leicht für Foodblogs zu begeistern sind. Das intensive Auseinandersetzten mit den Zutaten, den Nährstoffen und das kontrollierte Zubereiten ist wie eine Spielwiese für die Essstörung. Und gleichzeitig kann so seitens der Patienten der Schein gewahrt werden, dass „Essen“ überhaupt kein Problem darstellt, schließlich konfrontiert man sich regelmäßig damit.

Blogging als Hilferuf

Im Austausch mit essgestörten Patienten, die selber einen Foodblog betrieben  haben, bekommt man oft das Feedback, dass sie ihre Entscheidung zu bloggen rückblickend bereits als ersten Hilferuf sehen. Der Blog habe dazu verleitet, dass man sich noch intensiver mit Thematik auseinandersetzt und hat gleichzeitig das akribische Vergleichen und Recherchieren gerechtfertigt. Des Weiteren fällt ihnen im Nachhinein oft auf, dass sich mit dem Blog zusätzlich ein Leistungs- und Erwartungsdruck aufgebaut hat. Dieser hatte wiederum Einfluss auf das Selbstwertgefühl hatte – je nach Anzahl der Likes oder Kommentare. Letztendlich hätten sie sich nur noch über ihren Blog definiert. Ein Grund mehr, weshalb das Führen von Blogs in der Therapie thematisiert werden sollte.

Wann ist Foodblogging ein Problem?

Doch ist das immer bei jedem so? Kann man so pauschal behaupten, dass jeder, der einen Foodblog führt auch direkt eine Essstörung hat? Sicherlich nicht. Fest steht jedoch, dass für Menschen mit einem problembehafteten Essverhalten das Führen eines Foodblogs zu einer starken Belastung und Behinderung im Alltag werden kann bzw. beim Vorhandensein einer Essstörung diese weiter verstärkt/ aufrechterhält.

Therapeuten sollten besonders aufmerksam werden, wenn sie folgende Entwicklungen im Leben eines Patienten feststellen:

  • die Thematik „Essen“ und das Führen des Blogs nimmt einen sehr hohen Stellenwert,
  • die Stimmung und Gedanken des Patienten hängen von Reaktionen auf den Blog (social media) ab und
  • der Patient isst das, was (für den Blog) zubereitet wurde, nicht. Es wird lediglich für den Blog genutzt. So wahrt der Patient den Schein eines ausgewogenen, abwechslungsreichen und bedürfnisorientierten Essverhaltens.

Ist dies der Fall, so sollte das Verhalten offen problematisiert werden. Schauen Sie sich gemeinsam den Blog an und arbeiten Sie dessen Nutzen heraus. Was gibt er dem Patienten? Sicherheit? Selbstbewusstsein? Was ist, wenn der Blog nicht mehr da wäre? Wäre da Leere? Weiterer Bestandteil der Therapie sollte demnach die Erarbeitung alternativer Lebensinhalte sein und die Vermittlung von Werten. Handelt es sich bei dem Patienten um einen kreativen Menschen, so kann man über Alternativen zum Bloggen nachdenken. Was möchte er der Gesellschaft mitteilen?

Falls dem Patienten die Krankheitseinsicht zu einer Essstörung fehlt oder sein Verhalten bagatellisiert, so sollten gemeinsam mögliche essstörungstypische Verhaltensweisen aufgedeckt werden, die im Blog wiederzufinden sind. Das kann zum Beispiel die Verwendung von Light- oder sonstigen Ersatzprodukten, der bewusste Verzicht auf bestimmte Nährstoffe (Kohlenhydrate, Eiweiß, Fette) oder aber auch die Kategorisierung von Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ sein. Hinterfragen Sie diese Verhaltensweisen und erarbeiten Sie gemeinsam die Nachteile bzw. Konsequenzen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass Foodblogging ein angesagter Trend unserer Gesellschaft ist. Die Gründe, weshalb Foodblogs betrieben werden sind sehr unterschiedlich. Ob dies letztlich als problematisch einzustufen ist oder nicht hängt von der individuellen Funktionalität des Foodblogs ab. Sensibilisiert sollten Therapeuten dann sein, wenn das Führen eines Foodblogs den Patienten in seinem Leben stark beeinflusst. Thematisieren und Problematisieren Sie das Führen des Blogs offen in Ihrer Therapie und verdeutlichen Sie dem Patienten, dass so die Krankheit weiter verstärkt wird bzw. als aufrechterhaltener Faktor der Essstörung dient. Besprechen Sie gemeinsam mit dem Patienten Inhalt und Funktion des Blogs intensiv und finden Sie funktionale Alternativen dazu.

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