Fibromyalgiesyndrom schickt Patienten auf Ärzte-Odyssee.

Schmerzen, Schlaflosigkeit und funktionelle Begleitsymptomatik: Was hilft Patienten wirklich?

Das Fibromyalgiesyndrom – was verbirgt sich dahinter?

Beim Fibromyalgiesyndrom handelt es sich um eine chronische, nichtentzündliche generalisierte Schmerzsymptomatik des Bewegungsapparates. Die Patienten leiden zudem unter zahlreichenvegetativen Begleitsymptomen.

Das Biopsychosoziale Modell des Fibromyalgiesyndroms

Abbildung 1: Das Biopsychosoziale Modell des Fibromyalgiesyndroms

Das Fibromyalgiesyndrom  ist ein funktionelles somatisches Syndrom. Eine eindeutige Aussage zur Ätiologie und Pathophysiologie sind derzeit nicht möglich. Diskutiert werden Veränderungen in der zentralen Schmerzverarbeitung, Veränderungen zentralnervöser Neurotransmitter sowie Störungen des sympathischen Nervensystems.  Konsens ist auch ein biopsychosoziales Modell bezüglich Prädisposition, Auslösung und Chronifizierung.
Kernsymptome des Fibromyalgiesyndroms sind neben chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen Schlafstörungen bzw. nicht erholsamer Schlaf sowie Müdigkeit bzw. körperliche und/oder geistige Erschöpfungsneigung.
Typisch sind vegetative und funktionelle Begleitsymptome: Mundtrockenheit, Tremor, Schwellneigung der Extremitäten, Schweißneigung, Schwindel, Reizdarm, Reizmagen, Restless legs, Globusgefühl.

Trotz Leitlinie umstritten

Obwohl inzwischen eine interdisziplinär abgestimmte S3-Leitlinie vorliegt, herrscht oftmals Verunsicherung über die Einordnung und Therapie dieses komplexen Krankheitsbildes.
Und das Fibromyalgiesyndrom gehört nach wie vor zu den Krankheitsbildern, welches zwischen den einzelnen medizinischen Fachgesellschaften sehr umstrittenen ist.

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der WHO wird das Fibromyalgiesyndrom im Kapitel der Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes geführt. Während hier also ein eher somatisches Erklärungsmodell angenommen wird, wird von Vertretern der psychosomatischen Medizin und der Psychotherapie das Fibromyalgiesyndrom oftmals unter der Somatoformen Schmerzstörung eingeordnet. Auch erfolgt häufig eine Zuordnung zu den chronischen Schmerzstörungen mit somatischen und psychischen Faktoren.

Letztlich ist aber festzuhalten, dass nur ein Teil der Patienten, die die Kriterien eines Fibromyalgiesyndroms erfüllen, auch die Kriterien einer somatoformen Schmerzstörung oder einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren erfüllen. Diese Störungen sind somit eher als Komorbiditäten zu sehen, ebenso die Depression, die bei diesen Patienten mit einer Inzidenz zwischen 29% und 70% auftritt.

Der „fröhliche Durchhalter“

Fibromyalgiepatienten berichten häufig über lange bestehende private und berufliche Belastungssituationen mit anhaltender körperlicher und seelischer Überforderung im Wechsel mit symptombedingtem Rückzugsverhalten. Typisch Aussagen von Patienten lauten zum Beispiel:

Wenn es mir gut geht, putze ich das ganze Haus, mache den Garten und erledige den ganzen Schriftverkehr. Wer weiß, wie es mir morgen geht. Bisher war es immer so, dass ich dann am nächsten Tag so viel Schmerzen hatte, dass ich gar nichts mehr machen konnte. Anmerken soll man mir das nicht, ich lächele, auch wenn ich vor Schmerzen kaum laufen kann.

Patienten auf Ärzte-Odyssee

Betroffen sind deutlich mehr Frauen als Männer, oftmals mit Erkrankungsbeginn um das 35. Lebensjahr. Die Patienten haben oftmals eine lange Odyssee mit unterschiedlichsten fachärztlichen Voruntersuchungen und Behandlungen hinter sich. Die Diagnosestellung erfolgt in der Regel etwa zehn Jahre nach Erkrankungsbeginn – mit entsprechenden Folgen für die Chronifizierungsdynamik der Erkrankung.

Die Patienten sind oft rat- und hilflos und fühlen sich nicht ernstgenommen mit ihrem Beschwerdebild.

Das Fibromyalgiesyndrom tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf.

Wir sehen Versorgung sowohl Patienten mit ausgeprägten zugrundliegenden Organkorrelaten, z.B. degenerative Veränderungen oder zahlreiche Voroperationen, mit entsprechender Generalisierung eines ursprünglich lokalisierten Problems. Wir haben aber auch Patienten ohne wegweisendes Organkorrelat, allerdings mit hoher psychovegetativer und entsprechend auch muskulärer Anspannung.

Auch gibt es Patienten mit bereits vorbestehenden psychiatrischen Auffälligkeiten wie rezidivierende Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen. Diese Krankheitsbilder können wiederum als Schmerzgenerator dienen. Dadurch können  auch Patienten mit bislang unauffälliger psychiatrischer Anamnese in einen Teufelskreis aus Angst, Depression und Schmerz geraten.

Was war zuerst da – der Schmerz oder die Depression?

Die Frage nach „Henne und Ei“ lässt sich bei Schmerzpatienten nicht einheitlich, sondern nur sehr individuell beantworten. Die Erarbeitung eines individuellen Störungsmodells, gehört daher zu den Grundlagen der psychosomatisch orientierten Behandlung eines Fibromyalgiesyndroms.

Das Biopsychosoziale Modell des Fibromyalgiesyndroms im Detail

Abbildung 2: Das Biopsychosoziale Modell des Fibromyalgiesyndroms im Detail

Wie helfen wir den Patienten am besten?

Die Behandlung des Fibromyalgiesyndroms ist im Alltag oftmals in der hausärztlichen Versorgung angesiedelt. Wichtig ist eine frühzeitige Einbindung multimodaler Behandlungsansätze und eine Anleitung der Betroffenen zur aktiven Krankheitsbewältigung. Die Teilnahme an aktiven physiotherapeutischen Maßnahmen kann ebenso hilfreich sein wie das Erlernen von Entspannungsverfahren. Analgetika sollten restriktiv eingesetzt werden, der Einsatz schmerzdistanzierender Medikamente ist oft durch Nebenwirkungen limitiert.

Bei komorbiden psychiatrischen Erkrankungen sollte rasch eine begleitende psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung eingeleitet werden. Je nach Ausmaß zum Beispiel einer affektiven Störung können hierbei auch Antidepressiva zum Einsatz kommen.

Eine erwiesene Wirksamkeit hat die kognitive Verhaltenstherapie mit dem Schwerpunkt der Schmerzbewältigung. Im Vordergrund steht hierbei das Erlernen individueller Copingstrategien. Stressbewältigung, Aktivierung eigener Ressourcen, Schulung des Gefühlsausdrucks und der sozialen Kompetenz spielen hierbei eine Rolle, vor allem aber die Förderung der Krankheitsakzeptanz und der Abbau dysfunktionalen Schmerzverhaltens.

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