Esstörungen: Die richtigen Fragen stellen

Fragen, Erfassen, Dokumentieren - dieser Fragebogen erleichtert Diagnose und Therapie von Essstörungen.

Der Fragebogen Munich Eating Disorder Questionnaire (Munich ED-Quest)

Der Munich ED-Quest ist ein Fragebogen zum Ausfüllen durch die betroffenen Personen. Er wurde in der Schön Klinik Roseneck entwickelt und erfasst Symptome von Ess- und Fütterstörungen. Basis dafür sind die Sypmtombeschreibungen in:

  • Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5)
  • dem Handbuch der American Psychiatric Association (Falkai, P. & Wittchen, H.-U. (Hrsg.)
  • Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – DSM-5 ® / American Psychiatric Association
  • Deutsche Ausgabe. Göttingen u. a.: Hogrefe 2015), bzw.
  • Internationalen Klassifikation von Krankheiten der WHO (ICD-10 / ICD-11)

Durch die Angaben im Fragebogen erhalten Kliniker diagnostische Vorschläge und eine Einschätzung des Schweregrads einer Ess- oder Fütterstörung bei Personen im Alter von 12 bis 65 Jahren für klinische und Forschungszwecke.

Anwendungsbereich

Der Munich ED-Quest erfasst Einstellungen und Verhaltensweisen, die häufig bei Personen mit Essstörungen auftreten. Aus den Angaben können eine Reihe von Ergebnissen erarbeitet werden:

  • Vorläufige Diagnosen (z. B. als Vorschläge zur Differentialdiagnose) von Ess- und Fütterstörungen nach DSM-5 (APA, 2013) und ICD-10 / ICD-11 in der klinischen Therapie sowie Identifikation von spezifischen Problembereichen, die in der Therapie thematisiert werden sollten. Vorteilhaft ist es, wenn der Patient den Fragebogen vor dem Erstgespräch ausfüllt, um eine zielorientierte und strukturierte Durchführung des Erstgesprächs zu unterstützen.
  • Einschätzung des Schweregrads der Essstörungssymptomatik auf drei Subskalen, die Einstellungen/kognitive Symptome, Essattacken und unangemessene gegensteuernde Maßnahmen getrennt erfassen. Der Fragebogen kann Therapie begleitend mehrfach vorgegeben werden, um den Fortschritt der Therapie zu dokumentieren. Er ist auch für die Verwendung in der Forschung zum Verlauf von Essstörungen geeignet.
  • Identifikation von Personen mit einem besonders hohen Risiko für Essstörungen. Dazu liegen Cut-off-Werte für die Subskalen vor, die Personen mit und ohne Essstörung differenzieren.

Inhalt und Skalierung des Fragebogens

Der Munich ED-Quest umfasst 65 items, die teilweise untergliedert sind: Die meisten Items werden auf einer Skala von 0 (Symptom/Problem nicht vorhanden) bis 4 (Symptom/Problem liegt sehr stark bzw. sehr häufig vor) beantwortet. Weitere Items fragen nach der Häufigkeit der Essattacken und gegensteuernden Maßnahmen.

Die meisten Items können für die letzten drei Monate vor Befragung und für die Zeit davor, als die Symptome am schlimmsten waren, beantwortet werden.

Folgende DSM-5 Diagnosen (APA, 2013) können mit dem Munich ED-Quest erstellt werden:

  • Anorexia nervosa (restriktiver und ‘binge-eating/purging’ Typ)
  • Bulimia nervosa
  • Binge-Eating-Störung
  • Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme
  • Ruminationsstörung
  • Atypische Anorexia Nervosa
  • Bulimia nervosa von geringer Häufigkeit und/oder begrenzter Dauer
  • Binge-Eating-Störung von geringer Häufigkeit und/oder begrenzter Dauer
  • Purging-Störung
  • Purging-Störung nach Keel & Striegel-Moore (2009)
  • Night-Eating-Syndrom

Vorteile des Munich ED-Quest

  1. Die Erfassung eines breiten Spektrums an Essstörungssymptomen.
  2. Die Symptome werden für den Zeitpunkt des Ausfüllens (jetzt) und für die Zeit davor (früher; seit Pubertät) getrennt berichtet. Es kann auch die höchste Ausprägung über die Lebenszeit seit Pubertät berechnet werden.
  3. Testgütekriterien Reliabilität und Validität wurden in empirischen Studien bestätigt.
  4. Die Anwendung faktorenanalytischer Verfahren ergab die Identifikation bedeutsamer Bereiche der Psychopathologie bei Essstörungen.
  5. Neben der quantitativen Einschätzung des Schweregrads ergibt der Fragebogen eine solide Basis für die Diagnose einer Essstörung.
  6. Die Erstellung von Essstörungsdiagnosen nach DSM-5 und ICD-10/ICD-11 basiert auf einem standardisierten Algorithmus.

Erforderliche Zeit zum Ausfüllen: Circa 20 Minuten.

Subskalen

Subskalen werden für den Zeitpunkt des Ausfüllens und die schlimmste Zeit davor seit Pubertät erstellt. Faktorenanalysen ergaben folgende Struktur des Munich ED-Quest:

  • Beschäftigung mit Figur und Gewicht (Preoccupation with Figure and Weight)
  • Essattacken und Erbrechen (Bingeing and Vomiting)
  • Unangemessene gegensteuernde Maßnahmen (Inappropriate Compensatory Behavior)
  • Gesamtwert aus den Items der drei Subskalen.

Datenauswertung

Es liegen standardisierte Algorithmen für die Berechnung von Skalenmittelwerten und Essstörungsdiagnosen vor.

Normen

Es liegen Vergleichswerte von 605 wegen einer Essstörung behandelten Patienten (auch separat für Anorexia nervosa und Bulimia nervosa), von klinischen Kontrollen sowie von 547 gesunden jungen Frauen vor. In ROC-Analysen (“Receiver Operating Characteristics” zur Grenzwertoptimierung) wurde für jede Subskala ein Skalenmittelwert berechnet, der Personen mit und ohne Essstörung optimal voneinander unterscheidet. Diese sind im Symptom-Profilbogen angezeigt.

Objektivität, Validität und Reliabilität

Objektivität hinsichtlich Datengewinnung und –auswertung, sowie Interpretation der Ergebnisse sind gegeben.

Darüber hinaus sind Ergebnisse zur konvergenten und diskriminativen Konstruktvalidität (Genauigkeit der erfassten Symptome), zur Test-Retest-Reliabilität (Wiederholungsgenauigkeit), und zur internen Konsistenz (Homogenität der Skalen) vorhanden. Eine hohe diagnostische Validität wurde durch ROC-Analysen für die Subskalen und DSM-5 Diagnosen (validiert am klinischen Experteninterview SIAB-EX – Strukturiertes Interview für Anorektische und Bulimische Essstörungen) bestätigt.

Referenz

Der Munich ED-Quest wurde in der Zeitschrift European Eating Disorders Review veröffentlicht: Fichter, M.M., Quadflieg, N., Gierk, B., Voderholzer, U. & Heuser, J. (2015). The Munich Eating and Feeding Disorder Questionnaire (Munich ED-Quest) DSM-5/ICD-10: Validity, Reliability, Sensitivity to Change, and Norms. European Eating Disorder Review, 23, 229 – 240.

Der Fragebogen steht Ihnen kostenlos zur freien Verwendung zur Verfügung!

Die Schön Kliniken stellen den Munich ED-Quest für klinische und Forschungszwecke über diese Homepage kostenlos zur Verfügung. Die folgenden Komponenten können von dieser Seite herunter geladen werden:

Downloads der PDFs

Bitte beachten Sie, dass der Munich ED-Quest für diagnostische und Forschungszwecke erstellt wurde. Dieser Fragebogen sollte nur von klinischen Experten aus Psychologie und Medizin verwendet werden. Er dient NICHT der Selbstdiagnose von Essstörungspatienten!

Fazit

Wir haben mit dem Fragebogen beste Erfahrungen gemacht und setzen ihn in allen Schön Kliniken ein – unsere Patienten füllen ihn bei Aufnahme und Entlassung ein. Er unterstützt uns darin, eine differenzierte Diagnose zu stellen und den geeigneten Therapieplan auszuarbeiten. Damit können wir unseren Patienten noch besser helfen. Wir freuen uns, wenn Sie ihn ebenfalls in Ihrer Arbeit mit Essstörungspatienten einsetzen. Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen? Schreiben Sie uns – per E-Mail oder als Kommentar zu diesem Blogbeitrag!

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