Essstörungen: Nicht nur ein Frauenproblem

Das Thema Essstörung ist nur scheinbar ein weibliches. Auch Jungen und Männer können darunter leiden. Ein Vergleich.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Das doppelte Stigma

Essstörungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen bei Mädchen und jungen Frauen. Darüber hinaus ist bekannt, dass Magersucht und Bulimie sehr viel häufiger beim weiblichen Geschlecht als bei Jungen und Männern vorkommen. Aber natürlich können auch Jungen und Männer an Essstörungen erkranken. Essstörungen werden bei Männern sehr viel seltener diagnostiziert, die Symptomatik und der Verlauf der Erkrankung sind jedoch ganz ähnlich wie bei Frauen. Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer aufgrund von Scham und Verheimlichung. Eine psychische Erkrankung zu haben ist häufig noch ein Stigma. Dies kann in besonderem Maße zutreffen, wenn ein Mann eine „Frauenkrankheit“ hat – ein doppeltes Stigma sozusagen.

Entwicklungen in der Pubertät

Im Vergleich zu Frauen verläuft die Entwicklung von Männern in der Kindheit und Adoleszenz etwas anders: Die Pubertät tritt im Durchschnitt einige Jahre später als bei Mädchen ein. Dies bedeutet, dass Jungen beim Eintritt der Geschlechtsreife schon etwas weiter in ihrer psychologischen Reifung sind, was unter Umständen auch schützend wirken kann. Jungen, die im Vergleich zu Gleichaltrigen sehr viel früher in die Pubertät kommen, haben ein etwas höheres Risiko, an Essstörungen zu erkranken. Immer wieder wurde auch ein Zusammenhang zwischen homosexueller Neigung und der Entwicklung für Essstörungen bei Jungen und jungen Männern diskutiert. Es gibt diesbezüglich unterschiedliche Studienergebnisse und der Zusammenhang ist insgesamt nicht eindeutig belegt.

Unterschiedliche Körperbildstörungen bei Männer und Frauen

Deutliche Unterschiede in der Ausprägung einer Essstörung gibt es beim Körperbild.

Während bei Mädchen das Idealbild eines überschlanken Körpers im Vordergrund steht, wünschen sich Jungen in der Pubertät vor allem Muskelmasse und einen athletischen Körper mit breiten Schultern und dem sogenannten „Sixpack“, der die Muskelvorwölbungen der Bauchmuskulatur zeigt. Insofern haben es Jungen leichter, eine Gewichtszunahme zu akzeptieren. Bei Mädchen besteht dagegen oftmals Unbehagen aufgrund der pubertären Entwicklung  ihres Körpers an den Hüften, den Brüsten und dem Gesäß. Viele Mädchen beginnen in der Pubertät mit einer Diät, um einer unerwünschten Gewichtszunahme gegenzusteuern, während bei Jungen mehr die körperliche Fitness und der Muskelaufbau im Vordergrund stehen. Man spricht in dieser Hinsicht auch vom sogenannten „Adonis Komplex“. Immer häufiger besuchen Jungen bereits Fitnessstudios oder treiben exzessiv Sport.

Entsprechend gibt es auch etwas unterschiedliche Risikofaktoren: Beim weiblichen Geschlecht sind zählen Balletttänzerinnen oder Eiskunstläuferinnen zur klassischen Risikogruppe. Bei den Jungen hingegen sind es Sportarten, die mit Gewichtsklassen oder möglichst niedrigem Körpergewicht verbunden sind, wie z.B. Kampfsport, Turnen oder Skispringen.

Symptome: ähnlich, Behandlungserfolge: anders

Unsere eigenen Untersuchungen an der Schön Klinik Roseneck konnten zeigen, dass ansonsten die Symptomatik der Essstörungen bei Jungen und Mädchen ganz ähnlich ist und Essstörungen bei Jungen und Männern auch sehr gut behandelbar sind. Tendenziell waren die Behandlungsergebnisse sogar etwas besser als bei den Mädchen. Unterschiede werden auch bei psychischen Begleiterkrankungen beobachtet. Bei Jungen und Männern mit Essstörungen sollte besonders geprüft werden, ob Substanz- oder Alkoholmissbrauch, ADHS oder eine emotional-instabile Persönlichkeit vorliegen.

Binge-Eating Störung bei Männern

Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa sind bei Jungen und Männern insgesamt seltene Formen von Essstörungen. Die Binge-Eating Störung ist hingegen eine sehr häufige und oft unerkannte Essstörung, welche meist mit schweren Folgen in Form von Übergewicht und Adipositas verbunden ist. Hier eine Übersicht zum Geschlechterverhältnis Frauen zu Männern bei Essstörungen:

  • Anorexie 8:1
  • Bulimie 15:1
  • Binge-Eating: 2:1(ungefähr)

Es gibt also viele Männer, die an unkontrolliertem Essverhalten ohne gegensteuernde Maßnahmen leiden, welches die Symptomatik der Binge-Eating Störung darstellt. Kennzeichnend ist, dass die Betroffenen entweder häufige Essanfälle haben oder ständig essen und naschen. Essen ist für sie ein Mittel, um mit Stress und negativen Gefühlen umzugehen. Das Essverhalten stellt damit, wie auch bei den anderen Formen der Essstörung, eine dysfunktionale Strategie der Emotionsregulation dar.

Auch bei der Binge-Eating Störung sind psychotherapeutische Behandlungsansätze die Therapie der Wahl. Wie bei allen Formen von Essstörungen bestehen die Ziele einer Psychotherapie einerseits in der Normalisierung von Nahrungsmenge, Essverhalten und Mahlzeitenstruktur, andererseits in der Entwicklung alternativer Methoden zur Regulation von Stress und Gefühlen.

Fazit

Jungen und Männer können also durchaus an Essstörungen erkranken. Auch wenn sich das Erscheinungsbild der männlichen Essstörung etwas unterscheidet, profitieren männliche Betroffene in gleicher Weise wie Mädchen und Frauen von einer spezialisierten Psychotherapie. In Fachkliniken gelingt es den Männern in der Regel gut, sich in die Stationsgemeinschaft vorwiegend weiblicher Patienten zu integrieren.

Damit Männer in eine geeignete Therapie gelangen, sollten Haus- und Fachärzte, aber auch Angehörige, Lehrer, Freunde und Kollegen die Betroffenen offen und wohlwollend ansprechen, wenn Merkmale einer Essstörung erkennbar werden. Beratungsstellen bieten niederschwellige Unterstützung an und informieren über geeignete Therapiemöglichkeiten.

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