Essstörung und stressfreie Weihnachtzeit

Damit Kalorienzählen nicht das Weihnachtsfest verdirbt.

Judith Obermeier

Ökotrophologin an der Schön Klinik Roseneck

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— Ein Artikel von Judith Obermeier und Jennifer Vazquez-Peralbo —

Weihnachten ist für die meisten Menschen die Zeit des Jahres, in der Harmonie, gutes Essen und fröhliches Beisammensein im Vordergrund stehen. Menschen mit Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie erleben diese Zeit jedoch oft als wahre Tortur: Sie fühlen sich überall konfrontiert mit Plätzchen, Weihnachtsmarktbesuchen mit Punsch schokoladenhaltigen Geschenken.
Wir haben im Vorfeld mit jugendlichen und erwachsenen Essstörungs-Patienten gesprochen: Über ihre Ängste, ihre Wünsche an die Familie und die Unterstützung, die sie sich erhoffen und brauchen.
Was können wir als Therapeuten, aber auch jedes Familienmitglied dafür tun, damit Weihnachten stressfrei für alle Beteiligten verläuft?

Typische Ängste in der Weihnachtzeit

Sobald in den Geschäften das Weihnachtsgebäck aufgestellt wird, kreisen die Gedanken noch mehr als sonst um das Thema Essen und (ungute) Erinnerungen an vergangene Feiertage.
Selbst kleine Aufmerksamkeiten wie selbstgebackene Plätzchen sind Herausforderungen, weil die Patienten befürchten, ihre erlernten Strukturen und die Kontrolle über die Mengen zu verlieren.
Bis zu den eigentlichen Festtagen baut sich immer mehr Anspannung auf. Sie erreicht zum Fest ihren Höhepunkt. Patienten mit Essstörungen fühlen sich stark unter Druck gesetzt von den Erwartungen und Bemerkungen der Angehörigen. Sie fühlen sich beobachtet und möchten gleichzeitig niemanden enttäuschen oder verletzen, um die Harmonie und den Frieden aufrechtzuerhalten.
Der Stresspegel wird durch vielleicht gut gemeinte Äußerungen und auch Kritik, die das Essverhalten, die Portionsgröße, Auswahl der Speisen und das Esstempo betreffen, weiter erhöht.
Auch Bemerkungen zur derzeitigen Figur oder die eigenen Diätpläne im neuen Jahr machen die Situation nicht leichter.

So kann die Familie unterstützen

Auch die Angehörige sehen dieser Zeit mit einer gewissen Anspannung entgegen. Die Erinnerung an vergangene Weihnachtsfeste und die Ungewissheit, wie es dieses Jahr verlaufen wird, kann zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten führen.
Es ist wichtig das Thema anzusprechen, sensibel und zum richtigen Zeitpunkt. Am besten setzt die Familie sich vor Weihnachten zusammen und bespricht gemeinsam das Festessen, den Ablauf der Feiertage, mögliche Zeiträume für Rückzug und sonstige Besonderheiten. So hat die Patientin oder der Patient das Gefühl der Normalität und einer geregelten Struktur. Unsere Tipps für Angehörige:

  • Halten Sie sich beim Essen zurück mit Bemerkungen positiver und negativer Art über Essverhalten, Portionsgrößen und Esstempo.
  • Machen Sie sich als Angehöriger immer wieder bewusst: Essen ist ganz normal, also auch nicht übermäßig loben, wenn etwas gut läuft.
  • Nach einem gewissen zeitlichen Abstand und wenn die Stimmung es zulässt, kann man das Essen nochmal reflektieren und eine Rückmeldung geben, ob die Planung gut oder schlecht umgesetzt wurde. Überlegen Sie gemeinsam, wie es sich bei der nächsten Mahlzeit besser realisieren lässt.
  • Vermeiden Sie generell Äußerungen über die eigene Unzufriedenheit die Figur betreffend, bevorstehende Diätpläne und Kalorien – nicht nur in dieser Zeit, sondern immer.

Tipp für eine Geschenkidee: Als Unterstützung kann z.B. das Kochbuch All for ONE dienen Es enthält schnelle, leckere und praktische Rezeptideen mit normale Portionsgrößen für eine Person. Das ist wichtig für Patienten mit gestörtem Essverhalten, aber genauso für jede oder jeden, der für sich selbst kocht.

Instagram https://www.instagram.com/kochbuch_forone/
Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?id=100015631601932

Wie können Therapeuten Patienten helfen, mit Essstörung gut durch die Weihnachtszeit zu kommen?

Sprechen Sie die kommenden Feiertage rechtzeitig an und entwickeln Sie gemeinsam mit Ihrer Patientin bzw. ihrem Patienten Strategien, um in typischen Situationen vorbereitet zu sein.
Die Weihnachtszeit kann auch als Gelegenheit für Expositionen gesehen werden. Hier können sich die Patienten täglich kurzfristige Ziele setzen, die fordern, aber nicht überfordern:

  • Sich bewusst an Plätzchen in Form von Zwischenmahlzeiten oder Desserts rantrauen.
  • Sich an Gerichte zu wagen, die einem noch schwer fallen.

Gleichzeitig ist wichtig:

  • Die Patienten mit Essstörung sollten sich gedanklich darauf vorbereiten, dass sie an Weihnachten Kompromisse eingehen müssen, was die Essensplanung angeht – das Menü soll ja der ganzen Familie gefallen.
  • Es muss ihnen aber auch bewusst sein, wo die eigenen Grenzen sind. Daher ist es sinnvoll, in kritischen Situationen kurz innehalten und sich die Zeit zum Rückzug nehmen. Wenn Grenzen überschritten wurden, sollte man dies auch ansprechen.
  • Sich nicht von Familienangehörigen oder vom eigenen Perfektionismus unter Druck setzen lassen. Keine Angst davor haben, die Angehörigen zu kränken oder das Weihnachtsfest zu verderben
  • Lernen, auch mal „NEIN“ sagen.
  • Auf der anderen Seite sollten die Patienten aber mit schwierigen Situationen rechnen und sich überlegen, wie sie damit umgehen können und nichts zu sehr dramatisieren.
  • Sich selbst aktiv in das Geschehen einbringen und mithelfen, nicht nur geschehen lassen
  • Auf mögliche körperliche Symptome hinweisen, z.B. kann der Schlaf-Rhythmus gestört sein, wenn noch sehr spät „schwer“ gegessen wird.
  • Sinnvolle Zeiten für die Mahlzeiten planen!
  • Alkohol kann die Hunger- und Sättigungsregulation stören, gerade als Patient mit Bulimie sollte man damit vorsichtig umgehen.

Erstellen Sie darüber hinaus zusammen mit der Patientin oder dem Patienten einen Notfallplan:

  • An wen kann er sich im Bedarfsfall wenden? Therapeut, Freunde, Mitpatienten oder Familienangehörige?
  • Geben Sie das SORK-Schema mit, um es bei Bedarf ausfüllen zu lassen.

Letztendlich ist Advent und Weihnachten nur ein sehr begrenzter Zeitraum. Und Weihnachten ist nicht nur ein Spießrutenlauf um volle Teller herum. Lenken Sie den Fokus auf das, was in dieser Zeit Freude macht – unabhängig von Kalorien und Bemerkungen zur Figur. Aber wenn es ums weihnachtliche Essen geht, können Ihre Patienten erleben und zeigen, was sie schon in der Therapie gelernt und erreicht haben. Nämlich achtsam mit sich umzugehen und an einer guten Selbstfürsorge zu arbeiten. Und das nützt ihnen nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über.

Fazit

Die größte Hilfe für Patienten mit Essstörung ist es, dass sich alle Beteiligten rechtzeitig und ausreichend damit auseinandersetzen. Sprechen Sie über alle Eventualitäten und entwickeln Sie Lösungen.
Weihnachten findet alle Jahre wieder statt: Erarbeiten Sie gemeinsam eigene und neue Routinen, nicht nach den Maßstäben der Essstörung, sondern nur nach dem, was langfristig wirklich gut tut.

Wie ist Ihre Erfahrung? Was hat Ihren Patienten mit Essstörung effektiv während der Weihnachtszeit geholfen? Wir freuen uns auf Ihre Berichte und Kommentare!

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