„Ich kann kein Internet“ – oder doch? Erfahrungen aus der Online-Therapie

Wie stellt sich die konkrete Arbeit mit einer Online-Therapie dar? Dieser spannende Erfahrungsbericht gibt Aufschluss.

Fabian Hüsch

Psychologischer Psychotherapeut an der Online-Klinik der Schön Klinik München

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Frau K. sitzt in der Depressions-Gruppe und ist gar nicht begeistert. Sie verschränkt die Arme, für sie ist die Sache durch. Gerade hat sie der Runde erzählt, dass ihr Sohn jetzt in Australien wohne, mit seiner neuen Frau. Sogar ein Kind sei kürzlich geboren worden, ihr einziges Enkelkind. So traurig, sagt sie, dass sie es noch nie gesehen habe und mit dem Sohn nur so selten telefoniere. Dies sei teuer, hinzu käme die Zeitumstellung und über Telefon sei der Kontakt ja auch generell nicht so lebensnah. So gerne jedoch würde sie ihr Enkelkind einmal sehen und hören. Früher, da sei noch alles in Ordnung gewesen, da habe der Sohn in der Nähe gewohnt, mit einer Frau von hier, aber mit Australien könne sie nichts anfangen.
„Es gibt doch Skype!“ wirft einer der Mitpatienten ein. Eine klasse Idee, finden viele. Doch Frau K. scheint das Argument zu kennen, denn blitzschnell kommt die Antwort, die jegliche Diskussion sofort beendet: „Ich kann kein Internet!“

Kann Psychotherapie Internet?

In dem Artikel Die Digitalisierung der Psychotherapie stellte Dr. Langs aus Bad Bramstedt kürzlich das EU-geförderte Forschungsprojekt der Schön Klinik vor. Er benannte die Vor- und Nachteile des digitalen Patienten-Therapeutenkontakts und räumte mit dem einen oder anderen Vorurteil auf.
Als ich selber von dem Projekt hörte, imponierten mir die nach Zukunft klingenden Eckdaten.
Denn obwohl die Seminare und Kurse meiner Ausbildung nicht lange zurücklagen, konnte ich mich an keine Power-Point-Präsentation oder Stuhlkreis-Debatte zum Thema „Online-Psychotherapie“ erinnern. Mein Interesse war geweckt und ich wollte mitmachen, denn eines war klar: Dies war keine Behandlung mithilfe einer der vielen Mode-Apps zum Thema „Wellbeing“ oder „Inner Beauty“ und auch keines der unseriösen Apps mit Versprechen wie „Fight your depression in three weeks“.
Bevor ich dann selber Online-Therapeut wurde, las ich mich in das Thema ein und zog anschließend folgende Bilanz: wissenschaftlich untersucht seit den Neunzigern, Metastudien zu der Behandlung von Depression, teilweise mit komorbiden pathologischen Ängsten (siehe Quellen) zeigen mindestens vergleichbare Effekte wie die herkömmliche Methode. Großbritannien, Schweden und die Niederlande: Bei allen ist Online-Psychotherapie fester Bestandteil des Gesundheitssystems.
Deutschland macht jetzt auch mit und allen voran die Schön Klinik. Ich finde, es ist wichtig, so eine Entwicklung nicht zu verpassen. Und warum sollten sich deutsche Kliniken und Psychotherapeuten verstecken? Können wir auch kein Internet?

Der Status Quo…

Derzeit fühlen sich die Kassentherapeuten durch die hohe Nachfrage, insbesondere in den Städten, oft überfordert. Für Patienten bedeutet dies meist eine frustrierende Suche, bei welcher sie mit nicht nachvollziehbaren Aussagen („Erstgespräch gerne in einem Jahr“) konfrontiert werden. Am Ende stehen sie auf zahlreichen Wartelisten und harren oft im behandlungsbedürftigen Zustand aus. Ein Dilemma für beide Seiten. Wenn die Therapie dann beginnen sollte, findet sie klassischerweise zu festgelegten fixen Zeiten an ein und demselben Ort statt. Dafür sprechen bestimmt viele Gründe: Terminsicherheit für beide Parteien, konstante Kontinuität ohne Überraschungen für die Psyche (was liebt die Psyche mehr?), Möglichkeit der Zukunftsplanung, je nach Therapieform oft über Jahre, bis dahin, dass die Patienten wissen, wann sie im nächsten Jahr in den Sommerurlaub zu fahren haben. Das System zeigt sich solide, zwar nicht groß verrückbar, aber erfahren. Könnte man vielleicht sagen konservativ?

…auf dem Prüfstand

Gerne würde ich Sie, liebe Leser, einladen einmal in Gedanken Ihr soziales Umfeld durchzugehen: Freunde, Kinder, Familie, Bekannte, Kollegen.
Wie viele Menschen kennen Sie, die eventuell mal für ein berufliches Projekt für einige Monate die Stadt gewechselt haben. Vielleicht kennen Sie Studierende, die ein Auslandssemester absolviert haben oder einfach Arbeitnehmer und Selbstständige, die kein festes Büro am Montagmorgen ansteuern. Eventuell denke Sie auch an Menschen, die Fernbeziehungen führen oder deren Angehörige über den Globus verstreut wohnen.
Wahrscheinlich denken Sie jetzt wohl besonders an die jüngeren Generationen. Für diese Menschen ist die globale Flexibilität bezüglich Job und Privatleben oft selbstverständlich. Arbeitnehmer und Lebensumstände erwarten dies auch meist von ihnen, jedoch lässt sich auch erkennen, dass umgekehrt diese Generationen die benannte Flexibilität auch vom Leben erwarten. Jetzt könnte man diskutieren, ob sich eine solche Erwartungshaltung auch auf eine psychotherapeutische Behandlung beziehen darf… Am Entwicklungsstand und der Verbreitung der mobilen Elektrotechnik würde eine Umsetzung zumindest nicht scheitern.

Zurück zu eigenen Erfahrungen

Die von Dr. Langs benannten Pro und Con‘s finde ich in meinem Arbeitsalltag wieder und ehrlich gesagt: Eins-zu-eins, wie ich es von der herkömmlichen ambulanten Therapie her kenne, ist es echt nicht. Es ist ungewohnt, in einem therapeutischen Erstgespräch die ersten paar Minuten über die „Standardkommunikationsgeräte“ des PCs zu sprechen. In diesem Zusammenhang erlebe ich Patienten überraschenderweise als sehr gelassen und mit hoher Frustrationstoleranz. Gerne wird bei Problemen mit der Technik der Ehepartner hinzugezogen, den ich bei der Gelegenheit auch direkt begrüßen darf. Und hier sind wir auch schon bei einem spannenden Aspekt der Online-Behandlung: Die Patienten befinden sich in ihrer gewohnten Umgebung. Niemand, der grade nach einer langen Parkplatzsuche die Treppen raufgejagt kommt. Manche haben es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, andere sitzen in ihrem privaten Arbeitsraum oder haben sich im Kinderzimmer vom Trubel des Familienlebens zurückgezogen. „Für ein Bewerbungsgespräch ungeeignet“ denke ich manchmal in mich hinein lächelnd und freue mich gleichzeitig über die authentische Atmosphäre, welche die therapeutische Arbeit in der Online-Behandlung oft sehr begünstigt.

Was könnten denn für generelle Probleme in der Online-Behandlung von Patienten auftreten?

Die Frage wurde mir zu Beginn oft gestellt und meist fielen mir direkt die Themenbereiche Zuverlässigkeit und Bereitschaft ein, welche ich gefährdet sah. Ich projizierte die oft kritisierte mangelnde Verbindlichkeit der virtuellen Welt auf die Prozesse in der Online-Therapie. Die Erfahrung als Online-Therapeut zeigte mir jedoch deutlich, dass ich mich geirrt hatte: Die Termine werden pünktlich eingehalten, meist buchstäblich auf die Minute wird das Videogespräch gestartet. Wenn nötig, werden Termine schnell und unkompliziert im Onlinebuchungsportal umgebucht. So entstehen selten längere Therapiepausen, leere „Slots“ im Kalender des Therapeuten füllen sich automatisch, und der Patient erhält rasch und unkompliziert einen nächsten Termin.

Wie sieht die Therapie konkret aus?

Eigentlich wie in der ambulanten Praxis auch: Zu Beginn der Video-Übertragung begrüßt man sich. Ich beobachte den Patienten in seinen Schilderungen, erfasse die Körpersprache, wir tauschen uns aus. Emotionen entstehen, Patienten lachen, weinen, werden wütend. Durch die rasche Reaktion aufeinander ist es wie gemeinsam in einem Raum zu sitzen, die Konzentration ist komplett auf mein Gegenüber gerichtet. Darüber hinaus arbeitet man zusammen auf einer übersichtlichen Online-Therapieplattform. Sie erinnert etwas an die Profilseite einer Social-Media-Webseite. Ich als Therapeut habe auf der Plattform einen guten Überblick über den Stand meiner Patienten. Rasch kann ich die Verlaufsdokumentationen erreichen oder eine bestimmte Stelle des Anamnesefragebogens aufrufen. Diese sind selbstverständlich online verfügbar, genauso wie Einverständniserklärungen, Behandlungsverträge oder wöchentliche Monitoring-Fragebögen. Letztere lassen sich, wenn gewünscht, jede Woche automatisch für den Patienten freischalten. Mit ihnen ist auch der Verlauf in einem Graphen gut zu verfolgen.

Wie man vielleicht bereits vermutet, versuchen wir, wie so viele andere Firmen und Büros  derzeit auch, unsere Arbeitsabläufe weitestgehend papierlos zu gestalten. Das zeigt sich auch bei der alltäglichen Therapiearbeit mit dem Patienten. Wir verfügen über eine Auswahl verhaltenstherapeutischer Lektionen, die wir bei Bedarf freischalten können. Die Lektionen orientieren sich vorwiegend an evidenzbasierten Therapiemanualen und können jederzeit umgeschrieben, angepasst oder neu erstellt werden. Diese können geschlossen als Modul, oder auch einzeln ausgesucht, dem Patienten auf der Plattform freigeschaltet werden.

Therapeuten-Ansicht des Tools für die Durchführung der Online-Therapie

Ansicht des Therapie-Tools für den Patienten

Dem Patienten stehen die Arbeitsmaterialien jederzeit zur Verfügung und er/sie kann sich Inhalte von vor Wochen mit einem Klick wieder ins Gedächtnis rufen. Auf Therapeuten-Seite kann der Fortschritt der Bearbeitung online verfolgt und bei Bedarf mit Feedback versehen werden. All diese Funktionen sind optionaler Bestandteil der psychotherapeutischen Online-Behandlung. Je nach Arbeitsstil und Ausrichtung kann die Therapie vollständig auf a-synchronen Kurzkontakten mit schriftlicher Begleitung der Lektionen basiert werden oder der herkömmlichen Form mit wöchentlichen 50-Minuten-Sitzungen ohne Online-Arbeitsmaterialien folgen.

Fazit

Frau K. kann kein Internet und ich konnte/kannte es bis vor wenigen Monaten auch nicht. Vielleicht wäre das auch einfach nichts für Frau K. und das ist auch völlig O.K. so, obwohl ich ihr wünsche, dass sie mittlerweile ihr Enkelkind gesehen hat (vielleicht doch über Skype). Nach meinen Erfahrungen würde ich sagen: Psychotherapie kann Internet. Die Online-Therapie versteht sich als vollwertige und bereichernde alternative Art, psychotherapeutisch zu arbeiten. Sie ist gedacht und passend für eine bestimmte aber nicht kleine Zielgruppe. Ich glaube, für den Großteil meiner und der kommenden Generationen ist diese Form des (therapeutischen) Kontakts keine Zukunftsmusik oder high-tech-future-silicon-valley-material. Nein, das ist Jetzt.

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