Endlich in Rente – und dann kommt die Depression

Ein Interview gegen die Vorbehalte: Ältere Patienten profitieren durchaus von speziellem Therapiekonzept.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Wenn ältere Patienten psychotherapeutische Hilfe brauchen, gibt es immer noch viele Vorbehalte – und zwar von allen Seiten: Hausärzte, ambulante Therapeuten, aber auch die Patienten selbst  zweifeln, wie und ob sie von einer Therapie profitieren könnten. Zeit, diese Vorbehalte aufzulösen. Dazu haben wir zwei Experten befragt, die sich im täglichen Arbeiten intensiv mit der Behandlung zumeist depressiver älterer Patienten beschäftigen.

Dr. Gernot Langs ist Chefarzt an der Schön Klinik Bad Bramstedt und ein regelmäßiger Autor dieses Blogs. In seinem Artikel „Depressionen und das Alter“ hat er sich bereits mit den altersspezifischen Ansprüchen der Patienten an eine stationäre Behandlung befasst.

 

Michael Krüger ist leitender Psychologe an der Schön Klinik Bad Bramstedt, der das Konzept „60+“ entwickelt hat und verantwortet.

 

 

Wieso gibt es bei der psychosomatischen Behandlung älterer Patienten überhaupt Vorbehalte?

Michael Krüger: Da gibt es mannigfaltige Gründe, sowohl stationär als auch ambulant: Sich mit dem eigenen Altwerden auseinandersetzen, ist etwas, das viele scheuen, sowohl Patienten wie Therapeuten. Dazu kommt: Ältere Menschen sind oft immobil, es besteht die Befürchtung oder auch die Tatsache, dass die psychotherapeutischen Praxen nicht rollstuhlgerecht sind oder insgesamt schwer zu erreichen sind. Junge Therapeuten fürchten, sie könnten älteren Patienten gar nicht helfen. Und es besteht das Vorurteil, dass die Bereitschaft sich zu ändern, im Alter abnimmt. Dieser Wille zur Veränderung ist aber natürlich wichtig, wenn die Therapie helfen soll.

Gernot Langs: Dabei nimmt die Gruppe der Älteren in der Bevölkerung stetig zu: Die Altersdemografie allein sorgt dafür, dass wir uns auch dieser Zielgruppe zuwenden müssen.

Was löst bei älteren Patienten typischerweise eine Depression aus?

Michael Krüger: Mit Beginn der Rente drehen viele Leute noch mal auf, gehen auf Reisen oder erfüllen sich Träume. Oder sie entwickeln eben beispielsweise ein Empty-Nest-Syndrom. Auch traumatische Erinnerungen an die Jugend kommen hoch. Wie jede Lebensphase ist auch das „Älter werden“ mit speziellen Aufgaben verbunden. Diese können die Menschen überfordern und das kann auch depressive Erkrankungen  auslösen. Psychotherapeutische Konzepte, die auf diese Herausforderungen zugeschnitten sind, können helfen, allerdings müssen wir auch festsstellen: Je mehr die eigene Selbstwirksamkeit nachlässt, umso weniger wirksam ist die Therapie. Hochbetagte Menschen profitieren eher von stützenden und begleitenden Interventionen, die nicht auf Veränderungen ausgerichtet sind.

Gernot Langs: Der Umgang mit Trauer ist auch ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Wenn wir älter werden, haben wir mehr Erfahrungen mit Abschied – der Tod des Partners, zum Beispiel. Oder das große Haus aufgeben zu müssen, die Kinder ziehen zu lassen. Loslassen ist ein großes Thema.

Exkurs Alterspsychotherapeut

Herr Krüger, Sie haben die Weiterbildung zum Alterspsychotherapeuten gemacht. Welche Schwerpunkte werden in dieser Ausbildung gesetzt und was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus dieser Ausbildung mitnehmen?

Michael Krüger: Schwerpunkte sind: Psychotherapie bei Älteren allgemein, Ressourcenorientierung, demetielle Entwicklungen, aber auch Psychotraumatologie: Traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit kommen wieder hoch und müssen verarbeitet werden. Wichtig ist auch die Lebensrückblick-Therapie sowie die eigene Auseinandersetzung mit dem „Älter werden“. Und auch ganz praktisches Problemlösen – dafür müssen wir uns auch Zeit nehmen. Ältere Patient erleben sich oft „von der Zeit abgehängt“. Sie vermeiden beispielsweise, sich dem technischen Wandel zu stellen. Daher ist es notwendig die Alltagskompetenz  zu stabilisieren.

Herr Krüger, Sie haben das Konzept 60+ entwickelt und umgesetzt. Worauf haben Sie besonders geachtet?

Michael Krüger: Wir haben eine altersgemischte Station für alle Patienten, d.h. junge und alte Menschen leben zusammen auf der Station. In der Fachwelt gibt es unterschiedliche Auffassungen, wann eine altershomogene Belegung Sinn macht und wann eine gemischte. Aus unserer Erfahrung heraus können wir sagen: Die Mischung kommt bei allen Patienten gut an – Ältere blühen in der Gegenwart Jüngerer auf. Und die Jüngeren profitieren von den Erfahrungen der Älteren.
In den Gruppentherapien sind aber die Älteren unter sich. Auch wenn die depressiven Symptome altersunabhängig sind, brauchen ältere Patienten andere Möglichkeiten zur Bearbeitung. Unser Gruppenkonzept „Depressionsbewältigung 60+“ lässt ihnen mehr Zeit bei der Themenbetrachtung. Wir beginnen mit einer ausführlichen Information über die unterschiedlichen Lebensphasen, beschäftigen uns intensiv mit der Phase des „Älter werdens“. Wir leiten die Patienten zu einem Lebensrückblick an.
Gemeinsame finden wir heraus, was ihnen in schwierigen Phasen geholfen hat, welche persönlichen Ressourcen vorhanden sind, die auch jetzt helfen können. Wir bieten Anregungen zur Problemlösung und zur Stärkung der Alltagskompetenz, die Patienten betrachten ihr „soziales Netz“ , und wir setzen uns natürlich auch mit den sehr altersspezifischen Themen wie Tod und Verlust auseinander.

Gernot Langs: Die Lebenserwartung hat ja in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen. Durchschnittlich leben wir heute 12 Jahre länger. Und diese Jahre verlängern die dritte Lebensphase. Wir möchten die Patienten unterstützen, gerade diese Lebensphase zufrieden und selbstbewusst für sich zu nutzen.

Wie ist der typische Weg eines älteren Patienten bis zur altersgerechten stationären Therapie?

Michael Krüger: Patienten kommen oft mit somatischen Beschwerden zum Hausarzt. Dieser sollte sich aufgefordert fühlen, mit dem Patienten herauszuarbeiten, inwieweit auch psychische Erkrankungen die somatischen Symptome mitverantwortlich sind. Die nächsten Schritte wären die Überweisung zu einem Psychotherapeuten oder eben die Einweisung in eine psychosomatische Klinik.

Gernot Langs: Die Bedeutung der Psychosomatik für diese Altersgruppe hat erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erfahren, so dass auch Hausärzte verstärkt sensibel auf Depressionssymptome achten.

Aber nicht alle psychosomatischen Kliniken haben spezielle Angebote für Ältere.

Michael Krüger: Sicher, das ist etwas Besonderes. Und wir machen natürlich Öffentlichkeitsarbeit. Wir werden auch gezielt von den Zuweisern wegen unseres Konzepts 60+ genommen. Aber wir sind nicht die einzigen, die das anbieten. In der Fortbildung habe ich gemerkt, dass das Thema eine große Rolle spielt, weil der Bedarf auch da ist.

Worin unterscheidet sich die Therapie von anderen psychischen Erkrankungen im Alter, im Vergleich zu den Depressionen?

Michael Krüger: Unser Konzept 60+ ist nicht für alle Störungen geeignet, bei einer posttraumatischen Belastungsstörung oder auch einer dementiellen Entwicklung ist ein anderes Setting notwendig.  Aber das Gros der älteren Patienten leidet tatsächlich unter einer Depression, oft gepaart mit Ängsten: Sie fürchten beispielsweise, vom alltäglichen Leben abgehängt zu sein.

Warum und wie nehmen Sie bei der medikamentöse Therapie Rücksicht auf das Alter der Patienten?

Michael Krüger: Der Stoffwechsel ist anders im Alter, das müssen wir berücksichtigen. Und meiner Erfahrung nach verschreiben ambulante Therapeuten älteren Patienten ziemlich schnell Beruhigungsmittel  – die Patienten fordern das auch häufig ein. Diese Mittel erzeugen aber eine gewisse Abhängigkeit und beeinträchtigen die Sensorik der Patienten, Stürze werden so wahrscheinlicher.

Gernot Langs: Wenn das Beruhigungsmittel (Benzodiazepin) bereits länger genommen und gut vertragen wird, würde ich es nicht radikal absetzen. Da muss man nicht katholischer als der Papst sein und gleich alles absetzen. Die niedrig dosierte Abhängigkeit ist im Zweifel eher tolerabel als die schwerwiegenden und lange andauernden Entzugserscheinungen.
Bei Neuverordnung eines Benzodiazepins muss man vorsichtig sein, denn es gibt im Alter  die sogenannte „paradoxe Reaktion“ im Alter gibt: Bei Einnahme von Beruhigungsmitteln werden die Patienten sogar unruhiger. Bei der Auswahl von Medikamenten nutzen wir unsere Erfahrung und geben Medikamente immer in Abstimmung mit Patienten, auch wegen eines eventuellen Restrisikos. Und natürlich achten wir darauf, dass die Medikamente möglichst wenig Einfluss auf Blutddruck etc. haben. Meine generelle Erfahrung: Man kann mit auch und gerade mit älteren Patienten in der Regel offen reden, Klartext ist da willkommen.

Wie reagieren ältere Patienten auf dieses Konzept? Wie machen sich die älteren Patienten in der Therapie?

Michael Krüger: Ältere Patienten sind in der Regel sehr dankbar für die Therapie. Sie machen ihre „Hausaufgaben“ eher als Jüngere, sind engagierter als jüngere Patienten. Kurz: Man kann toll mit ihnen arbeiten.

Gernot Langs: Dem kann ich mich nur anschließen, sie profitieren sehr gut. Und sind insgesamt zufrieden. Ich denke, sie handeln unter der Prämisse:  Ich nutze die Zeit, die mir noch bleibt.

Fazit

Ältere und alte Patienten können von einer psychosomatischen Behandlung profitieren. Voraussetzungen sind ein inhaltlich altersangepasstes Therapiekonzept sowie Erfahrung mit Polypharmazie (viele Medikamente, die eingenommen werden müssen). Und es muss die Bereitschaft von Seiten der Ärzte und Psychotherapeuten da sein, sich aktiv und empathisch in der Therapie zu engagieren.

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