Einsamkeit: Wenn Alleinsein krank macht

Einsamkeit ist keine Diagnose, kann aber sowohl Ursache wie Folge vieler Krankheiten sein. Über die unterschätzte Macht eines unangenehmen Zustands.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Eines möchte ich vorausschicken: Einsamkeit ist keine Diagnose. Einsamkeit ist eine subjektive Empfindung: das Gefühl, nicht dazuzugehören und damit alleingelassen zu sein. Es gibt nicht „die eine Ursache“, warum ein Mensch einsam ist oder sich einsam fühlt. In der Literatur und in der Musik ist „Einsamkeit“ ein Topos, auch die Philosophie beschäftigt sich mit diesem Thema.

Psychotherapeuten sind mit den Ursachen und Folgen von Einsamkeit konfrontiert, meist sind dies Depressionen und Alkoholmissbrauch. Im Rahmen einer Therapie gilt es, die Ursachen zu identifizieren und Strategien zu erarbeiten, wie soziale Kontakte wiederhergestellt werden können.

Allein, weh ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte …

Psychische Erkrankungen…

… können sowohl Folge als auch Ursache von Einsamkeit sein. Soziale Ängste, Agoraphobie oder Depressionen sind allesamt psychische Störungen, die Kontaktmöglichkeiten mit Mitmenschen einschränken und in Einsamkeit münden können. Das Fatale: Es entsteht ein Teufelskreis aus Einsamkeit und psychischer Erkrankung. Betroffene finden nicht mehr allein „heraus“, können die Wechsewirkung nicht selbst beenden. Im Rahmen einer Psychotherapie lässt sich dies gut bearbeiten, wobei neben störungsspezifischen Aspekten häufig auch störungsübergreifende Interventionen hilfreich sein können.

Einsamkeit und psychische Störungen wie Depressionen oder Phobien entwickeln sich häufig zu einem Teufelskreis.

Körperliche Erkrankungen…

… können zu einer Einschränkung des Aktionsradius und/oder einer mangelnden Möglichkeit zur Kommunikation mit den Mitmenschen führen. Zum Beispiel Rollstuhlfahrer, die nicht behindertengerecht wohnen und das Haus nicht jederzeit verlassen können. Oder Patienten mit schubförmigen Erkrankungen wie Morbus Crohn, die immer wieder kurzfristig Verabredungen absagen müssen.
Hinweisen möchte ich auch auf die Einsamkeit von hörgeschädigten Menschen: Im Gegensatz zu Sehbehinderten, die wir meist als solche erkennen, ist dies bei Hörgeschädigten nicht der Fall. Das Tragen von Hörgeräten wird häufig als Stigma empfunden („alt und taub“). Und wenn sie etwas nicht verstehen, fragen sie ungern nach, weil sie befürchten, ihre  Mitmenschen damit zu nerven. Dadurch „entkoppeln“ sie sich in ihrer  Kommunikation peu a peu von den Mitmenschen. Heute wissen wir, dass Hypacusis zu Depressionen führen kann.
In der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) werden neben individuellen Faktoren auch Umweltfaktoren berücksichtigt, welche die Teilhabe am sozialen Leben verhindern bzw. deren „Beseitigung“ die Teilhabe wieder ermöglicht. Dazu gehören zum Beispiel behindertengerechter Wohnraum, medizinische Versorgung oder Hörgeräte.
Als Psychosomatiker dürfen wir meiner Meinung nach nicht bei den individuellen Faktoren und der „Psychodynamik“ verharren. Wir müssen auch die Umgebungsbedingungen berücksichtigen und Maßnahmen zur Teilhabe einleiten oder zumindest empfehlen.

Mama ich habe Angst vor manchen dunklen Tagen und vor der Einsamkeit, die das Licht vertreibt.

Das Alter…

… ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für Einsamkeit. Wenn Menschen nicht ausreichend soziale Kontakte knüpfen, solange sie gesund sind, unterliegen sie einem ganz besonderen Risiko, im Alter zu vereinsamen. Ich bin kein Soziologe, aber aus meiner Sicht ist das auch der Preis für die Individualität, die wir uns „erkämpft“ haben. Familienstrukturen haben einen anderen Stellenwert als früher.  Die alten Eltern leben nicht mehr „selbstverständlich“ im selben Haushalt wie ihre Kinder. Ob das von Vorteil oder Nachteil ist, soll hier nicht beurteilt werden. Dennoch sind wir gefordert, mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen umzugehen. Mehrgenerationenhäuser sind ein positives Beispiel, wie Einsamkeit vorgebeugt werden kann. Aber auch der  Besuch von altersgerechten Veranstaltungen ist durchaus sinnvoll (wobei dies von den Betroffenen auch abgelehnt wird, denn „so alt bin ich noch nicht“).
Übrigens: Liest man die Biographie von Cosima Wagner und wie sie mit ihrem älter werdenden Vater, Franz Liszt, umgegangen ist, kommen Zweifel auf, ob früher wirklich alles besser war …

Im Flur fragten sie [die Mitschüler] mich, wer ich sei, ob ich wirklich Bellegeule sei, über den sie alle reden. Sie stellten mir jene Frage, die ich mir dann selbst stellte, monate-, jahrelang, Bist Du der Schwule?

Anders sein….

… birgt per se nicht die Gefahr, einsam zu sein. Es kann auch ein Alleinstellungsmerkmal sein und Bewunderung hervorrufen. Wenn das Anderssein allerdings mit dem Gefühl des Alleingelassenseins und der Gefahr der Diskriminierung einhergeht, dann kann es einsam um diese Menschen werden.

Ein typisches Beispiel

Homosexuelle und transgender personensexuelle Orientierung und Identität sind nach außen hin nicht sichtbar, so dass ein sofortiges Erkennen nicht möglich ist. Das erschwert es, untereinander Kontakte zu knüpfen. Fällt nun auch die Unterstützung durch die Familie weg, ist Einsamkeit quasi vorprogammiert.

Fazit

Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem, welches in den letzten Wochen in den Fokus der Medien und der Gesellschaft gerückt ist. Gut so! Wir dürfen es aber nicht allein der Politik überlassen, etwas dagegen zu unternehmen: Wir sollten es als unser aller Aufgabe sehen, Einsamkeit zu verhindern. Dazu müssen wir vorurteilsfrei auf unsere Mitmenschen zugehen, ihnen zuhören und Lösungen finden.

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