Ein Plädoyer für Leitlinien

Leitlinien werden mit Sorgfalt und Fachwissen erstellt. Es gibt also keinen guten Grund, sich nicht daran zu halten. Oder doch?

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Eine Fachveranstaltung mit ungewöhnlichem Verlauf

Ein Saal voller Ärzte und Psychologen, eifriger Austausch unter Kollegen, die Kaffeetassen klappern, man sucht sich sich langsam einen Sitzplatz. So beginnt jede Fachveranstaltung, auch die, welche ich kürzlich besuchte. Die Liste der Vortragenden und deren Themen waren natürlich im Programm festgelegt. Nun trat einer der Referenten ans Rednerpult und gab den Zuhörern bekannt, dass er aus aktuellem Anlass nicht seinen angekündigten Vortrag halten werde. Stattdessen werde er eine Stellungnahme zu der vor kurzem publizierten S3 AWMF Leitlinie seines Fachgebietes abgeben. Er finde diese unerträglich, man habe die Erfahrungen, die er und auch andere Kollegen in der täglichen praktischen Arbeit mit Patienten gemacht hätten, in der Leitlinie nicht berücksichtigt. Er betrachte die Leitlinien sogar als kontraproduktiv, da sich die (aus seiner Sicht ebenfalls inkompetenten) Medizinischen Dienste der Krankenkassen daran halten würden. Die Mehrzahl der Diskutanten schloss sich so emotional der Meinung des Referenten an, dass die Diskussion abgebrochen werden musste.

Ähnliche ablehnende Kommentar habe ich schon mehrfach gehört. Obwohl mich so schnell nichts aus der Fassung bringen kann, diese Aussage erschütterte mich: „Ich habe da so meine eigenen Kriterien, was eine Depression ist“.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Möchten Sie von einem Arzt oder Psychotherapeuten behandelt werden, der „so seine eigenen diagnostischen Kriterien“ festlegt? Das heißt doch, dass die Therapie sich gar nicht an Leitlinien orientieren kann!

Warum lehnen es einige Ärzte und Psychotherapeuten so vehement ab Leitlinien als das zu akzeptieren, was sie sind – nämlich Leitlinien, die unser Handeln leiten sollen? Es sind ja keine Richtlinien, also keine immer verbindlichen Handlungs- oder Ausführungsvorschriften, die ggf. auch justitiabel sein könnten.

Ich vermute drei Gründe für die ablehnende Haltung:

Unwissen

Die Erstellung von Leitlinien, allen voran S3 Leitlinien, erfolgt durch Vertreter vieler Fachgesellschaften. Die Mitglieder der Leitlinienkommission suchen systematisch wissenschaftliche Literatur, lesen diese und bewerten sie nach wissenschaftlichen Kriterien bzgl. der Studienqualität. Dass den daraus generierten Empfehlungen an die Adressaten eine intensive und fruchtbare Diskussion vorausgeht, wird von den Kritikern entweder nicht wahrgenommen oder „ausgeblendet“. Last not least: Ein unabhängiger Experte berät bei der Entwicklung einer Leitlinie und es sitzt auch immer ein Patientenvertreter am Tisch. Von einem rein individuell interessengeleiteten Prozess kann daher keine Rede sein. Zur Langfassung der S3 Leitlinien gehört auch der obligate Methodenreport. Apropos Adressaten: Nicht nur Ärzte und Psychotherapeuten zählen dazu, sondern u.a. auch Patienten und Selbsthilfegruppen – daher existieren für viele Leitlinien auch Patientenversionen.

Persönliche Kränkung

Der zweite Grund liegt vielleicht in der „Persönlichkeit“ des Kritikers. Bin ich bereit, Diagnostik und Therapie an wissenschaftlichen Kriterien auszurichten? Oder glaube ich, „es besser zu wissen“?

Enttäuschung

Einige Kolleginnen und Kollegen haben berichtet, dass sie sich von den Leitlinien mehr erwartet hätten, nämlich klare Handlungsanweisungen. Dieses Argument kam dann doch für mich überraschend, da dieser Wunsch einer Einschränkung der Entscheidungsmöglichkeiten der Therapeuten und Ärzte gleichkommt.

Mein Plädoyer

Was auch immer der Grund für die ablehnende Haltung sein mag: Wir leben im Zeitalter des Internets und des informierten Patienten. Von daher plädiere ich dafür, dass alle Kolleginnen und Kollegen sich der Bedeutung der Leitlinien bewusst sind. Im Sinne eines guten Vertrauensverhältnisses mit unseren Patientinnen und Patienten reicht es aus meiner Sicht nicht, „dagegen zu sein“. Abweichungen von Leitlinien sind möglich und gegebenenfalls auch sinnvoll, wir müssen sie aber begründen können. Ich gehe davon aus, dass unsere Patienten und Patientinnen dieses Vorgehen als Zeichen unserer Kompetenz werten.

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