Come together: Ein Plädoyer für interdisziplinäre Therapien

Wenn verschiedene Fachdisziplinen zusammenwirken, profitieren die Patienten enorm. Die klinische Bewegungstherapie ist ein hervorragendes Beispiel dafür.

Alexander Heimbeck

Leiter Sport- und Bewegungstherapie & Physikalische Abteilung (ROS) Schön Klinik Roseneck

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Interdisziplinäres Arbeiten: Fangen wir bei der Definition an

Unter Interdisziplinarität kann man die Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder verschiedener Fachdisziplinen verstehen. Eine interdisziplinäre oder fächerübergreifende und kooperative Arbeitsweise umfasst mehrere voneinander unabhängige Einzelwissenschaften (Quelle 1).
Auf den ersten Blick erklärt sich der Begriff „Interdisziplinarität“ damit fast von selbst und wird vielfältig verwendet. Bei genauerer Betrachtung jedoch erfolgt die Beschreibung konkreter Modelle aus unterschiedlichen Perspektiven und es lässt sich für eine einfache Definition kein eindeutiges Gesamtbild herausarbeiten (Quelle 2).
Unabhängig zur theoretischen Diskussion ist weitestgehend Konsens, dass angesichts zunehmend komplexeren Problemlagen in der Versorgung von Patienten die Kompetenzen einzelner Berufsgruppen nicht ausreichen, um den Herausforderungen im Gesundheitssystem gerecht zu werden.

Ein Paradebeispiel: Die klinische Bewegungstherapie

Die klinische Bewegungstherapie (BWT) entspricht diesem Verständnis. Sie greift Theorien, Modelle und Konzepte anderer eigenständiger Fachdisziplinen auf. Dabei entwickelt sie sich im Schnittpunkt von Sport-/Bewegungswissenschaften, der Medizin und der Psychologie und integriert die verschiedenen sport- und bewegungstherapeutischen Verfahren. Dies geht über das herkömmliche Verständnis bewegungstherapeutischer Interventionen hinaus.

Abb1: Klinische Bewegungstherapie im Schnittpunkt von Sport-/ Bewegungswissenschaften, Medizin und Psychologie (Modifiziert, nach Hölter 2011, 77).
Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Ärzte-Verlags.

Ein gutes Beispiel für das herkömmliche Verständnis bewegungstherapeutischer Interventionen sind die Verfahren der Körperpsychotherapien. In den letzten Jahren haben diese Verfahren stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Ein gemeinsames Merkmal der Körperpsychotherapien ist, dass sie sich an bekannten psychotherapeutische Verfahren anlehnen und auf diese Konzepte zurückgreifen. Damit kann man die Körperpsychotherapie an sich schon als interdisziplinäre Arbeitsweise zu begreifen. Jedoch, und das ist schade, bleiben sie in ihrer Fachdisziplin haften. Die Körperpsychotherapien bleiben in der Fachdisziplin der Psychologie  und lassen andere bewegungstherapeutische Herangehensweisen außen vor. So spielen zum Beispiel Übungs- oder Trainingsprozesse (Fachdisziplin Sport und Bewegungswissenschaften) kaum eine Rolle (Quelle 3).
Die besondere Stärke der klinischen Bewegungstherapie liegt jedoch genau in einer fächerübergreifenden Denkweise. Erst durch die gemeinsame Schnittmenge und der Integration verschiedener Herangehensweisen kann das volle Potential entfaltet werden.

Drei Praxisbeispiele sollen dies verdeutlichen:

Beispiel 1: Situation Walkinggruppe

Die sporttherapeutische Therapiesituation ist Spiegel des Alltages des Patienten. Ein Patient mit der Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode läuft der Gruppe hinterher. Der Abstand vergrößert sich immer weiter. Herzfrequenz, Atmung, alle objektivierbaren Parameter scheinen in Ordnung. Der erste Gedanke des Patienten, den er im Gespräch präsentiert, ist: „..die sind alle besser, ich bremse alle…, es ist wie immer…, ich habe hier nichts zu suchen… .“
Ein nicht geschulter Übungsleiter würde den Patienten vielleicht animieren, schneller zu machen, dran zu bleiben, bagatellisieren usw…. Er würde auf der funktionellen Ebene des Übungsleiters bleiben. Ein erfahrender und entsprechend ausgebildeter Bewegungstherapeut greift die präsentierten Themen wie Abgrenzung, dysfunktionale Kognitionen, Selbstwert oder Leistungsanspruch auf. Er setzt sie in der eher sporttherapeutisch gedachten Maßnahme konkret um. Eine mögliche Übung ist, vor der nächsten Walkinggruppe ein für ihn erreichbares Ziel, nämlich eine für den Patienten gut machbare Streckenlänge zu definieren. Somit wird die „alltägliche“ sporttherapeutische Walkinggruppe zur optimalen Gelegenheit für den Patienten, ein neues Verhalten und Erleben zu erfahren.
Der Sport- und Bewegungstherapeut bedient sich damit mindestens zweier unterschiedlicher Fachdisziplinen. Auf der einen Seite bezieht er sich auf die Sport- und Bewegungswissenschaft, das Wissen über die Wirksamkeit bestimmter Trainingsreize bei Menschen mit einer Depression. Auf der anderen Seite steht das Wissen aus der Fachdisziplin der Psychologie, welche Themen bei einem Patienten mit Depression eine Rolle spielen und wie diese beim Walking bearbeitet werden können. Der angesprochene Patient bekam, nachdem er sein sehr eng gestecktes Ziel zwei Mal erreicht hatte, soviel Selbstvertrauen, dass er beim dritten Mal gut in die Walkinggruppe integriert werden konnte.

Beispiel 2: Therapeutisches Klettern mit traumatisierten Patienten

Das therapeutische Klettern gilt als sporttherapeutische Maßnahme. Beim Klettern mit psychosomatisch erkrankten Patienten, allen voran mit traumatisierten Patienten, sind mit dieser Sichtweise schnell Grenzen erreicht. Um hier den Patienten effektiver helfen zu können, nutzt die klinische Bewegungstherapie die Polyvagaltheorie aus dem Bereich der Neurophysiologie. Auch die Fachdisziplin der Psychologie ist durch das Explorieren Angst auslösender und subjektiv als gefährlich erlebter Situationen erkennbar.
Der Bezug zur Polyvagaltheorie von Stephen W. Porges (Quelle 4) aus der Fachdisziplin Neurophysiologie lenkt den Blick weg vom sporttherapeutischen Ziel „Du muss dort oben ankommen“. Vielmehr erlangt das psychologische Ziel Aufmerksamkeit: „Was geschieht in dir und wie kannst du es beeinflussen?“
Laut Polyvagaltheorie sammelt der Körper den gesamten Tag Informationen. Über  eine auffallend hohe Zahl afferenter Nervenbahnen werden eingehende Sinnesreize aus den Sinnesorganen und Viszera in den dafür vorgesehenen Hirnregionen als gefährlich oder ungefährlich eingestuft (Konzept der Neurozeption). Dementsprechend reguliert das autonome Nervensystem. Beim Patienten mit traumatischen Erfahrungen ist nach Porges diese Reizverarbeitung aus den Viszera gestört. Reize, die im allgemeinen als ungefährlich eingestuft werden, lösen bei diesen Patienten häufig überschießende Stressreaktionen aus. Nun gibt es aber bei  traumatisierten Patienten meistens einen Übergangsbereich, in dem sich das Wahrnehmen der Stressreaktionen und sogar die körperliche Beeinflussung derselben üben lässt. Beim therapeutischen Klettern ist die Grenze durch dieses Wissen aus der Polyvagaltheorie sehr fein zu justieren. Somit können traumatisierten Patienten die Grenze, bis nicht mehr kontrollierbare Stressreaktionen eintreten, erweitern. Damit kommen diese nicht nur beim Klettern weiter nach oben, sondern erhalten wieder die Kontrolle über sich und ihre körperlichen Reaktionen.

Beispiel 3: Gruppe Aufbau gesunden Bewegungsverhaltens (AGB) bei Menschen mit zwanghaften und übertriebenen Bewegungsverhaltens

Sport-/Bewegungstherapeuten, Psychologen und Medizinern entwickelten in fächerübergreifender Zusammenarbeit die Gruppe „Aufbau gesunden Bewegungsverhaltens“. Mit der dieser werden Patienten behandelt, meist mit der Diagnose Anorexie, die Bewegung und Sport in übertriebener Weise oder zwanghaft ausführen. wurde Je ein Psychologen oder Mediziner und ein  Bewegungstherapeut leiten die AGB-gruppe gemeinsam. Somit werden sowohl psychotherapeutische und bewegungstherapeutische Inhalte und Methoden eingesetzt, als auch Kenntnisse aus der Medizin verwendet.
Ziele der AGB-Gruppe sind:

  • Auseinandersetzung mit dem eigenen problematischen Bewegungsverhalten und dessen Folgen
  • Identifikation kritischer Situationen
  • Expositionen
  • Modifikation dysfunktionaler Kognitionen
  • ein allmählicher Abbau der übertriebenen Aktivität und
  • Aufbau eines normalen, gesunden Bewegungs- sowie Freizeitverhaltens.

Die Patienten profitieren durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit drei verschiedener Fachbereiche. Die Leiter der Gruppe sind Experten auf ihrem Gebiet. Es ist während der Gruppe möglich, auf das Wissen und die Expertise des anderen Fachbereiches zurückzugreifen. So kann zum Beispiel der Bewegungstherapeut das aus Sicht der Trainingslehre unsinnige Ausmaß der übertriebenen körperlichen Betätigung (z.B. tägliche Workouts) diskutieren. Da sich gerade in dieser Patientengruppe schnell Widerstände gegenüber Veränderungen oder misstrauisches Verhalten gegenüber anderer Sichtweisen zeigen, bietet dies einen großen Vorteil.

Fazit

Die kurze theoretische Einführung und die folgenden Praxisbeispiele verdeutlichen, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit die Erfolgsaussichten des jeweiligen Therapiekonzepts enorm steigern können. Es lohnt sich also, die Scheu vor anderen Berufsgruppen zu verlieren und nach Möglichkeiten eine Integration von Methoden zu suchen.

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