Dysmorphophobie oder OMG, bin ich hässlich!

Mehr als nur eine Phase in der Pubertät: Die körperdysmorphe Störung bei Jugendlichen

Markus Fumi

Leitender Psychologe der Jugendabteilung an der Schön Klinik Roseneck

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Die körperdysmorphe Störung oder Dysmorphophobie ist wie der Exot in der Familie der psychosomatischen Störungen: Kaum ein Patient oder ein Angehöriger kennt sie, auch viele Ärzte und Psychotherapeuten haben sie nicht „auf dem Schirm“, wenn es um die Differenzialdiagnose geht. Dabei ist sie ähnlich häufig wie die Magersucht.

Zwischenfrage: Was genau ist die Körperdysmorphe Störung?

Es handelt sich um eine zwanghafte, seelisch belastende Beschäftigung mit dem eigenen Äußeren. Die betroffene Person ist der Ansicht, durch einen äußeren Makel entstellt zu sein. Dieser Makel existiert in den Augen anderer gar nicht, oder er ist unauffällig. Über die Körperdysmorphe Störung bei Erwachsenen hat übrigens bereits Dr. Osen in diesem Beitrag berichtet. Die Dysmorphobie im Jugendalter hat einen besonderen Stellenwert, weil sie den Patienten in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase trifft.

Ursachen und Anzeichen einer Dysmorphophobie bei Jugendlichen

In der Pubertät verändern sich Körper und Aussehen rasend schnell. Außerdem löst der Freundeskreis die Eltern als erste Meinungsinstanz ab. Zusammen mit dem Einfluss der sozialen Medien (Selfies!) ist dies der ideale Nährboden, um mit seinem Äußeren zu hadern. Die Beschäftigung an sich stellt natürlich noch längst keine Krankheit dar. Bedenklich wird es erst,

  • wenn die exzessive Beschäftigung mit dem äußeren Erscheinungsbild über Hand nimmt, also immer mehr Zeit beansprucht und die Gedanken um nichts anderes mehr kreisen und
  • wenn enormer Aufwand betrieben wird, den vermeintlichen Makel zu kaschieren, zum Beispiel mit Make-Up oder Kleidung.
  • wenn die oder der Betroffene aus Scham und Angst das Zimmer bzw. das Haus nicht mehr verlassen will.

Eine Körperdysmorphe Störung kommt selten allein.

Im Klinikalltag kommt es häufiger vor, dass erst wir die Dysmorphophobie entdecken. Unsere jungen Patientinnen und Patienten – wir behandeln ab einem Alter von 13 Jahren – kommen in der Regel wegen anderer psychischer Erkrankungen zu uns. Meist handelt es sich dabei um Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa), Zwangsstörungen oder Depression. Manchmal stellen wir dann fest, dass sich dahinter eine Körperdysmorphe Störung verbirgt oder als begleitende Krankheit vorliegt.
In der Tat gibt es Überschneidungen gerade zwischen Magersucht und Dysmorphophobie, was Ursachen und Symptome angeht. In beiden Fällen sind die Betroffenen äußerst unzufrieden und unglücklich mit ihrem Aussehen und nehmen sich selbst anders wahr als andere sie sehen.

Wie behandeln wir eine Dysmorphophobie bei Jugendlichen?

Gerade weil die Körperdysmorphe Störung eine Nähe zu Zwangsstörungen, Essstörungen und Depressionen aufweist, kommen in der stationären Therapie auch die Therapieelemente aus der Behandlung dieser Krankheiten zur Anwendung: Eine Mischung aus Einzel- und verschiedenen Gruppenpsychotherapien, Kunsttherapie, Körpertherapie, Expositionen und Übungen am Spiegel. Der Therapieplan wird individuell für jeden Patienten zusammengestellt.

Die Ziele dabei sind:

  • Abbau des Vermeidungsverhaltens: Hier kommen Expositionen zum Einsatz, also die angeleitete Konfrontation mit den befürchteten Situationen.
  • Abbau des „Checking“-Verhaltens: Betroffene sollen lernen, ihre Aufmerksamkeit wieder anderen Bereichen des Lebens zuzuwenden statt ihr Aussehen zu überprüfen.
  • Eine Verbesserung der Selbstwahrnehmung. Wie auch bei Essstörungen kommen hier beispielsweise Spiegelübungen zum Einsatz, um der Patientin/dem Patienten den Unterschied von objektiver und subjektiver Realität bewusst zu machen.

Am Ende einer Therapie soll der vermeintliche Makel nicht mehr Denken und Handeln der Patienten bestimmen. Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl sollen wieder so stabilisiert werden, dass auch kritische Kommentare anderer verkraftet werden können.

Meine Bitte: Die KDS auf dem Schirm haben

Eltern sollten aufhorchen, wenn ihr Kind immer wieder einen äußeren „Makel“ anspricht, sich ständig mit diesem beschäftigt, deutlich darunter leidet und sich nur noch darüber definiert. Tun Sie es nicht leichtfertig als Pubertätsmacke ab. Falls hier eine Dysmorphophobie festgestellt wird, unterstützen Sie Ihr Kind während der Behandlung am besten, indem Sie sich mit dem Krankheitsbild beschäftigen und Verständnis für das Verhalten Ihres Kindes entwickeln.

Ärzte und Psychotherapeuten brauchen das Bewusstsein, dass eine psychische Erkrankung wie Anorexia nervosa oder eine Depression durchaus „begleitet“ werden kann von einer Körperdysmorphen Störung (KDS). Sie sollten die Symptome der KDS in ihrer psychosomatischen Differenzialdiagnose standardmäßig berücksichtigen. Auch und gerade wenn die Jugendlichen aus Scham oder Unwissen nichts dazu sagen, ist eine aufmerksame und empathische Gesprächsführung wichtig.
Besonders in der kosmetischen Chirurgie sollen Ärzte die Motivation ihrer Patienten zur Schönheits-OP auf das Vorliegen einer KDS überprüfen. In diesen Fällen führt eine OP ganz sicher nicht zu mehr Zufriedenheit beim Patienten!

Fazit

Die Körperdysmorphe Störung gehört zu den psychischen Erkrankungen, die leicht übersehen werden können. Dennoch ist der Leidensdruck für die Betroffenen enorm, und auch das Suizidrisiko ist hoch. Das gilt umso mehr für jugendliche Patientinnen und Patienten. Ich hoffe sehr, dass dieser Blogbeitrag hilft, das Bewusstsein für die Dysmorphophobie zu erhöhen und damit mehr Jugendlichen eine Therapie – ambulant oder stationär – zu ermöglichen.

 

Infos und Linktipps für Eltern und Ärzte

Kinderärzte-im-Netz über die eigebildete Hässlichkeit (Dysmorphophobie) im allgemeinen

Kinderärzte-im-Netz über den Einfluss der sozialen Medien bei einer Dysmorphophobie

Leider gibt es für Betroffene und deren Angehörige wenige Selbsthilfegruppen oder Foren, die sich ausschließlich mit der Dysmorphophobie beschäftigen. Da die Erkrankung aber oft in Zusammenhang mit einer Essstörung oder einer Depression auftritt, kommen auch diesbezügliche Foren und Selbsthilfegruppen in Frage.

Übrigens: Zur Körperdysmorphen Störung bei Jugendlichen werde ich auf der Jahrestagung des BKJPP (Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie) einen Workshop halten.

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