Die übermächtige Angst sich falsch zu ernähren: Orthorexie

Essen, wenn man hungrig ist und das essen, was einem schmeckt. Es könnte so einfach sein. Doch das unendliche Angebot an Ernährungsformen erschwert unser ungezwungenes Verhältnis zur Nahrung.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Noch vor 70 Jahren war die Bevölkerung in Deutschland froh darüber, überhaupt genügend Nahrung zur Verfügung zu haben. Fleisch, Süßigkeiten und viele Obstsorten waren Luxusartikel. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der Nahrungsmittel im Überfluss verfügbar sind.

Auf der Jagd nach der perfekten Ernährung

Mit dem Überfluss an Nahrung haben auch Essstörungen zugenommen. Seit einiger Zeit beobachtet man auch übertriebene Ängste in der Bevölkerung, die Ernährung betreffend. Eine richtige, „perfekte“ Ernährung gewinnt für viele Menschen an Bedeutung. Neben zunehmenden Trends zu vegetarischer oder veganer Ernährung spielen auch neue, spezielle Ernährungsweisen wie „Clean Eating“, „Detox“, „Low Carb“ sowie das Vermeiden von Gluten oder Laktose eine immer größere Rolle. Die Industrie hat mit einer wahren Flut von Angeboten reagiert und mittlerweile sind in den Supermärkten viele glutenfreie und vegane Lebensmittel erhältlich. Der Umsatz mit diesen Lebensmitteln hat sich in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt.
Die Tatsache, dass viel mehr Menschen bestimmte Nahrungsmittel vermeiden, obwohl dies aus medizinsicher Sicht gar nicht sinnvoll ist, zeigt: Wir haben es hier mit Ängsten und Verunsicherung bei vielen Menschen zu tun, die unter Umständen eine Einschränkung des Lebens oder sogar eine Essstörung auslösen können.

Was genau ist Orthorexie?

Unter Orthorexie versteht man eine pathologische Fixierung auf eine „gesunde Ernährung“ bzw. auf selektive Speisen, Produktions- und Zubereitungsarten, die vermeintlich für den Betroffenen besonders gesund sind.
Der Begriff Orthorexia nervosa wurde erstmals 1997 von dem amerikanischen Arzt Steven Bratman ins Leben gerufen. Er leitet sich aus dem griechischem „Orthos“ für richtig und „Orexis“ für Appetit ab. Im Gegensatz zur Anorexia nervosa geht es den Betroffenen nicht um eine selbst herbei geführte Gewichtsabnahme, sondern um eine qualitative Beschränkung auf besonders gesunde oder „reine“ Produkte.

Orthorexie und Anorexie gehen oft Hand in Hand

Allerdings gibt es Überlappungen: Aus einer „Orthorexia nervosa“ kann sich eine Magersucht entwickeln, wie wir bereits mehrfach in unserem klinischem Alltag erlebt haben, weil die Betroffenen die Auswahl ihrer Nahrungsmittel immer stärker einschränken. Anders herum haben viele der Patientinnen mit Anorexia nervosa auch ein äußerst selektives Essverhalten mit nur ganz bestimmten Speisen im Sinne eines orthorektischen Ernährungsverhaltens.

Noch keine anerkannte Krankheit

Orthorexia nervosa ist zu recht noch keine anerkannte Erkrankung, weil hierzu Forschung erforderlich ist, um die diagnostischen Kriterien sowie die Abgrenzung zu anderen Formen von Essstörungen zu validieren.
Die Motive zu orthorektischem Essverhalten sind einerseits eher ethischer Natur und können teilweise den Charakter einer Ersatzreligion annehmen. Andererseits liegen oft auch Ängste vor negativen Folgen des Verzehrs von Lebensmitteln wie Erkrankungen vor.

Merkmale einer Orthorexie

Von einer krankheitswertigen Orthorexie sollte man nur dann sprechen, wenn die Lebensqualität des Patienten deutlich beeinträchtigt ist. Dazu gehören depressive Verstimmungen und Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. So kann es vorkommen, dass soziale Aktivitäten eingeschränkt werden. Die Betroffenen nehmen keine Essenseinladungen mehr an, oder sie verreisen nicht mehr.
Wie bei anderen Formen der Essstörungen kann eine sehr starke gedankliche Einengung entstehen, wenn der gesamte Tagesablauf durch das Thema gesundes Essen sowie die Beschaffung und Zubereitung von Speisen bestimmt ist.

Wie können wir als Ärzte und Therapeuten helfen?

Wir sollten den Menschen vermitteln, dass Ernährung einerseits lebensnotwendig ist. Andererseits sollte sie aber keine übermäßige Bedeutung im Leben erlangen, die zu einer Vernachlässigung anderer Lebensbereiche führt.
Menschen mit orthorektischem Essverhalten kommen selten in die Therapie, weil sie meist nicht nur keinen Leidensdruck haben. In der Regel sind sie vielmehr völlig überzeugt von ihrer Art der Ernährung. Wenn die sozialen Einschränkungen zu groß werden, suchen Betroffene manchmal Hilfe. Ähnlich wie bei Essstörungen ist es dann Ziel der Therapie, ein normales, sozial kompatibles Essverhalten mit einer geregelten Mahlzeitenstruktur und einer ausgewogenen Zusammensetzung der Mahlzeiten aufzubauen. Dazu eignen sich am besten ambulante und stationäre psychotherapeutische Einrichtungen, die Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen haben.

Fazit

Aus rein medizinischer Sicht gibt es für die meisten Menschen keinen Grund, sich vegetarisch, vegan, gluten- oder laktosefrei, low carb oder ausschließlich mit Rohkost ernähren zu müssen.
Unsere Aufgabe ist es, den Patienten und Patientinnen wieder zu einem entspannteren Verhältnis zum Essen zu verhelfen. Essen ist Essen – nicht mehr und nicht weniger.

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