Depressionen im Alter

Brauchen ältere Patienten eine besondere Depressionsbehandlung? Und wenn ja, wieso? Über neue Ansätze in der Therapie.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Im letzten Teil unserer Serie „Depressionen und das Leben“ widmen wir uns dem Alter. Sie brauchen in einigen Belangen eine angepasste Therapie – sei es aufgrund körperlicher Einschränkungen oder sei es in der Ansprache. Worauf kommt es bei der Therapie älterer Patientinnen und Patienten an?

So war es früher

Kollegen „in den besten Jahren“ – damit meine ich alle über 50 – werden sich sicher noch an Zeiten erinnern, in den Depressionen bei „Älteren“ – also alle über 60 – als Involutionsdepressionen bezeichnet wurden. Depressive Patienten mit ausgeprägten Konzentrationsstörungen erhielten eine „Pseudodemenz“ diagnostiziert. Dieser Begriff wurde später durch die Beschreibung „vorübergehende kognitive Beeinträchtigung“ ersetzt. Involutionsdepression in Verbindung mit Pseudodemenz legte nahe, dass es sich um eine organisch bedingte Depression handelt, die – wenn überhaupt – nur mit Medikamenten erfolgreich behandelt werden könne. Die stationäre Behandlung dieser Patienten fand (und findet!) ab dem 60. Lebensjahr in der Gerontopsychiatrie statt.

Zahlen, bitte

Bis vor kurzem lagen für Deutschland keine bevölkerungsepidemiologischen Daten zu Depressionen in der dritten (ab dem 60. Lebensjahr, „ältere Menschen“) und vierten Lebensphase (ab dem 76. Lebensjahr, „alte Menschen“) Alter vor. So finden sich beispielsweise im Bundgesundheits-Survey 1998 (Modul „Psychische Störungen“, Quelle 1) nur Daten von Personen bis zum 65. Lebensjahr. In der Berliner Altersstudie untersuchte Linden (1998) „Hochbetagte“ in der Altersspanne zwischen 70 und bis über 100 Jahre. Erst in der Studie zur Gesundheit Erwachsener (DEGS1, 2008-2011, Quelle 2) wurden im Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ Personen im Alter von 65 bis 85 Jahren befragt und damit die „Lücke“ geschlossen. Die Daten zeigen, dass die 12-Monatsprävalenz bei den 60 bis 69-Jährigen bei ca. 8 Prozent liegt, bei den 70 bis 79-Jährigen bei ca. 4,5 Prozent. Frauen sind, wie in allen Altersgruppen, doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Ursachen der Depression im Alter

Menschen verändern sich, wenn sie älter werden. Und mit dem Älterwerden ändern sich die Probleme. Das hängt aber nicht nur mit dem „Älter sein“ an sich, sondern auch mit sich verändernden Konstellationen über die Lebenszeit zusammen. Berufliche Probleme fallen aufgrund des Ruhestandes weg, die Kinder sind aus dem Haus, Eltern werden zu Großeltern. Dies ist der Lauf des Lebens, dennoch können auch diese an sich positiv konnotierten Lebensereignisse zum „Problem“ werden. Hinzu kommen schwere Erkrankungen oder der Tod des Lebenspartners, die Veränderung sozialer Bezüge und die abnehmende Leistungsfähigkeit oder eigene schwere Erkrankungen. Die auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren mögen sich ändern, die depressive Reaktion aber nicht. Die Kernsymptome der Depression unterscheiden sich nicht von denen Jüngerer: Insgesamt gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Damit sollte der Begriff der „Involutionsdepression“ obsolet sein.

Der Gang zum Therapeuten: gesäumt von Vorurteilen und Hindernissen

In einer Studie der Barmer GEK (Gesundheitsreport 2014, Quelle 3) zeigte sich, dass die Inanspruchnahme von Psychotherapie ab dem 55. Lebensjahr mit steigendem Lebensalter sinkt. Die Gründe hierfür können bei den Patienten, bei den Psychotherapeuten, aber auch an den Rahmenbedingungen liegen. Die „ältere“ Generation hat vermutlich mehr Scheu, zum Psychotherapeuten zu gehen. Für sie ist das ein Stigma. Psychotherapeuten sind meist auch jünger als sie selbst, sodass sie von vornherein an deren Kompetenz zweifeln. Viele Psychotherapeuten wiederum behandeln ungern ältere Patienten, weil sie selbst Angst vor der Konfrontation mit Alter, Tod und Sterben haben („Gerontophobie“). Aber auch ganz handfeste äußere Rahmenbedingungen wie Erreichbarkeit des Therapeuten („3. Stock ohne Aufzug“) oder mangelnde Mobilität können die Inanspruchnahme von Psychotherapie erschweren oder unmöglich machen.

Besondere Aspekte in der Therapie älterer Menschen

  • Zeit lassen: Gehen Sie bei älteren Patienten langsamer vor als bei jüngeren. Eventuell liegen altersbedingt kognitiver Einschränkungen vor.
  • Hörvermögen überprüfen: Bei älteren Patienten ist auch immer zu bedenken, dass das Hörvermögen eingeschränkt sein kann: Sprechen Sie dies offensiv an. Ausreichendes Hörvermögen ist eine Voraussetzung, um von Therapieangeboten möglichst gut profitieren zu können. Bei Bedarf sollte das Hörgerät angepasst werden.
  • Auf andere Themen/Auslöser einstelle: Neben den „klassischen“ verhaltenstherapeutischen Strategien zur Depressionsbewältigung sind Themen wie Abschied, Tod, Veränderung sozialer Beziehungen und Leben mit körperlichen Einschränkungen feste Bestandteile der Therapie.
  • Polymedikation beachten: In der Pharmakotherapie sind Komorbiditäten zu berücksichtigen: mehr als bei jungen Patienten. Dies macht die medikamentöse Einstellung oft schwieriger.

Stationäre Psychotherapie mit Älteren

Ältere Patienten können von einem „rein“ kognitiv-verhaltenstherapeutischen oder tiefenpsychologischen Ansatz nicht immer profitieren bzw. sind damit unzufrieden. Das liegt oft einfach am Alter und den daraus evtl. resultierenden Einschränkungen sowie den häufig alterstypischen Problemen.

Diese Erfahrung haben auch wir bei unseren älteren Patienten gemacht. In einer internen Befragung haben die Patienten berichtet, dass sie sich in den „klassischen“ störungsspezifischen Gruppentherapien weder mit den Inhalten noch mit dem Setting „voll“ identifizieren konnten. Dies lag an der Zusammensetzung der Gruppe (viele jüngere Patienten), an den Themen (häufig berufs- oder familienbezogen) und an den vorgeschlagenen Strategien zur Depressionsbewältigung. Das Angebot einer speziellen „Depressionsbewältigungsgruppe 60+“ hat sich dagegen bewährt. Die Patienten schätzten es aber sehr, auf einer Station mit jüngeren Patienten „zu wohnen“. Denn beide Seiten sind bereit, voneinander zu lernen. Die hier gemachten Erfahrungen und das daraus resultierende Verständnis füreinander können zuhause umgesetzt werden.

Fazit

Auch ältere Patienten akzeptieren Psychotherapie und therapeutische Erfolge zeigen sich, wenn die Rahmenbedingungen und die Inhalte auf deren Bedürfnisse abgestimmt sind. Die Therapie soll lösungsorientiert sein: definierte Problembereiche, nicht „das Alter“ per se sollen Thema sein. Von daher ist auch der Terminus „Involutionsdepression“ wenig hilfreich.
Von Seiten der Psychotherapeuten ist Offenheit und Verständnis gegenüber den Lebenswirklichkeiten älterer Menschen wichtig. Dazu zählt die Endlichkeit des Lebens.  Bedenken Sie auch, dass Ältere mehr Lebenserfahrung als ihre (meist) jüngeren Therapeuten haben: Dieses „Mehr“ sollte in der Therapie ausreichend gewürdigt und durchaus als Ressource verstanden werden.
Die Behandlung auf einer Station mit „nur“ älteren Patienten widerspricht deren Wunsch  und ist auch aus unserer Sicht therapeutisch nicht sinnvoll. Ziel ist u.a. ein intergenerationelles Miteinander, in dem Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen wertfrei kommunizieren und aneinander wertschätzen.

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