Depression und Sexualität: Ein fataler Teufelskreis

Keine Lust auf Sex: Wenn die Depression das Sexualleben lahmlegt, belastet das zusätzlich die Beziehung. Über Wege aus dem Kreislauf.

Thomas Gärtner

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Arolsen

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Im zweiten Teil unserer Reihe „Depression und das Leben“ befassen wir uns mit einem Aspekt, der schwer unter der Depression leidet, über den aber kaum ein Patient freiwillig spricht: Ihr oder sein Sexualleben.

Dr. Gärtner über Erfahrungen aus dem Therapiealltag und wie Patienten und ihre Partner mit einem gestörten Sexualleben umgehen können.

Depressive Symptome wie Antriebsstörungen, Freud- und Interesselosigkeit wirken sich negativ auf die sexuelle Aktivität aus. Sexuelle Dysfunktionen wiederum können das Selbstwertgefühl beeinträchtigen, depressive Symptome verstärken und die Partnerschaft belasten. Depression und sexuelle Störungen sind somit wechselseitig stark und folgenreich miteinander verbunden. Gleichzeitig werden diese Aspekte in der Partnerschaft oft tabuisiert und auch vom Arzt nur selten aufgegriffen. Dabei lohnt es sich in den meisten Fällen, das für viele schwierige Thema anzusprechen.

Wie wirkt sich die Depression auf Sexualität aus?

Die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Depression und sexuellen Störungen sind vielfältig. Sexualstörungen sind ein sehr häufiges Symptom einer Depression. Sie sind in einigen Fällen sogar das erste Anzeichen, noch bevor sich die Erkrankung in anderen Lebensbereichen äußert. Außerdem können sexuelle Probleme erst zu Depressionen führen oder diese verstärken. Und auch Antidepressiva können sexuelle Dysfunktionen verursachen. Im ungünstigen Fall kann sich daraus ein Teufelskreis entwickeln.

Welche sexuellen Probleme treten auf?

Während einer Depression ist die Sexualität in der Mehrzahl der Fälle beeinträchtigt. Das depressive Hauptsymptom Interessen- und Freudlosigkeit betrifft natürlich auch den Bereich der Sexualität, und so gehört vermindertes sexuelles Verlangen zu den häufigsten depressiven Symptomen überhaupt. Depressive Menschen haben meist ein ausgesprochen negatives Selbstbild, halten sich für unattraktiv oder nicht liebenswert. Das kann bis zu Selbsthass oder Ekel vor dem eigenen Körper führen. Oft treten auch Versagensängste auf. Bei Männern bestehen außerdem häufig Potenzstörungen. Ejakulations- bzw. Orgasmusstörungen oder Schmerzen beim Sex kommen ebenfalls nicht selten vor. In Ausnahmefällen kann ein abnorm gesteigertes sexuelles Verlangen auftreten, das ebenfalls Leid und Schuldgefühle verursachen kann, weil es nicht zu dem sonstigen depressivem Erleben passt.

Welche Folgen hat die sexuelle Funktionsstörung für den depressiven Partner?

Beim depressiven Partner können Scham, Schuldgefühle, Versagensängste und ein negatives Selbstbild ausgelöst oder verstärkt werden. Dies kann zur vollständigen Vermeidung von Sexualität führen, oft wirkt sich das auf Zärtlichkeit und Nähe generell aus. Teilweise bestehen Ängste, der andere könnte einen verlassen oder fremdgehen. Schläft der depressive Patient trotzdem mit seinem Partner – um ihn nicht zu verlieren oder weil dieser ihn drängt – können die damit verbundenen negativen Erfahrungen die sexuelle und depressive Symptomatik weiter verstärken.

Und was ist mit dem gesunden Partner?

Für ihn ist es wichtig, dass er das verminderte sexuelle Verlangen des anderen nicht persönlich auf sich bezieht. Es bedeutet eben nicht, dass der andere einen nicht mehr liebt oder nicht mehr attraktiv findet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass er selbst Schuldgefühle entwickelt oder sich über den anderen ärgert, weil er sich unverstanden, abgelehnt oder hilflos fühlt. Ein verständnisvoller Partner respektiert die verminderte oder veränderte Sexualität während der Depression und bedrängt den anderen nicht. Dabei kann es helfen, sich vor Augen zu führen, dass es sich um eine schwere Erkrankung handelt.

Wie können Paare mit einem depressiven Partner mit den Sexualstörungen umgehen?

Die Partnerschaft ist durch die Sexualstörung häufig stark belastet. Auch wenn es schwer fällt, sollten die Betroffenen so offen wie möglich miteinander reden. Ein behutsamer Austausch über das Thema ist in der Regel weniger Schaden bringend als Schweigen. Falsche Annahmen, Missverständnisse und unbegründete Ängste können so aus der Welt geschaffen werden. Oftmals ist gar nicht das Fehlen von sexueller Befriedigung der am größten empfundene Mangel, sondern das verloren gegangene Gefühl von Nähe und Geborgenheit, Akzeptanz und Vertrauen. Dabei können diese Bedürfnisse vorübergehend auch ohne Sex befriedigt werden. Darüber hinaus kann es eine hilfreiche Alternative sein, die Sexualität während der depressiven Phase an die veränderten Bedürfnisse und Möglichkeiten anzupassen statt sie komplett einzustellen.

Fazit

Sexuelle Störungen, die erst im Rahmen einer Depression aufgetreten sind, bessern sich in der Regel mit Rückgang der affektiven Störung. Sind Medikamente für die sexuelle Funktionsstörung verantwortlich, kann eine Umstellung Abhilfe schaffen. Diese sollte aber immer unter ärztlicher Anleitung erfolgen. Sexuelle Störungen sind häufig der Grund für die Beendigung einer antidepressiven Pharmakotherapie, die dann ein Widerauftreten bzw. eine Verschlechterung der Depression zur Folge haben kann. Bestehen sexuelle Probleme nach Rückgang der Depression weiter und können organische bzw. medikamentöse Ursachen ausgeschlossenen werden, kann eine spezifische Therapie der sexuellen Funktionsstörung angezeigt sein. Spielt ein Partnerschaftskonflikt eine Rolle, kann Paarberatung oder -therapie helfen.

6 Antworten zu “Depression und Sexualität: Ein fataler Teufelskreis”

  1. Roland Martl sagt:

    Hallo, ich leide schon seit 10 Jahren an einer wiederkehrenden schweren Depression (F33. 2). Bei meinen letzten Klinikaufenthalt im Dezember 2018 erhielt ich aufgrund von Suizidgedanken neue Psych. Medikamente. Ich leide schon seit Jahren an erikt. Dysfunktion und Orgasmusstörungen. Dies hat sich jetzt aber so verstärkt, dass ein Beischlaf mit meiner Ehefrau fast nicht mehr möglich ist. Zudem ist mein Schamgefühl so gross, dass ich dies in meiner Therapie bis jetzt nicht ansprechen konnte. Meine Therapeutin ist zu dem noch wesentlich jünger wie ich (53 Jahre). Irgendwie fehlt mir auch die Kraft zum Urologen zugehen und über dieses Thema zu sprechen. Eine nicht funktionierende Sexualität mit Verbindung der Depression ist für mich ein sehr belastbare Situation. Leider wird dies in der Behandlung von einer schweren Depression so gut wie nie angesprochen.

    • Thomas Gärtner sagt:

      Hallo Herr Martl,
      ich weiß, dass sich viele Patienten nicht trauen, dieses sehr private Thema in der Therapie anzusprechen. Dass Sie meinen Blogbeitrag gefunden und gelesen haben, zeigt aber, wie sehr Sie sich damit beschäftigen. Ich hoffe sehr, dass Sie jetzt den Mut und das Vertrauen in Ihre Therapeutin haben, das Thema anzugehen. Ich wünsche Ihnen alles Gute,
      Thomas Gärtner

  2. Anke Munster sagt:

    Ich leide seit ein paar Jahren an Depressionen. Seit Beginn dieser Erkrankung habe ich auch keine Lust auf Sexualität. Mein Ehemann fand das nicht so witzig. Er hat mich immer wieder „überredet“ mitzumachen. Nach und nach wollte ich dann überhaupt keine Zärtlichkeiten und dann auch keine Nähe mehr. Ich wollte nicht und habe trotzdem mitgemacht. Ich war eh gar und konnte nicht nein sagen. Nach acht Jahren habe ich es in meiner ersten richtigen Psychotherapie geschafft darüber zu sprechen. Und dann zu sagen“Ich schlafe nicht mehr mit dir!“ .
    Mein Mann akzeptiert das nicht. Die erste Reaktion war: dann lass ich mich scheiden. Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Sexualtherapie..
    Auch wir haben Kinder, Haus, Autos…
    Und ich komme immer noch nicht da raus….

    • Psychosomatik Online Team sagt:

      Liebe Frau Munster,
      vielen Dank für die offene Schilderung Ihrer Situation. Es ist gut, dass Sie ehrlich mit Ihrem Mann über Ihre Bedürfnisse gesprochen haben, auch wenn er diese (noch) nicht akzeptiert. Ich hoffe, dass Sie beide einen Weg finden, damit umzugehen. Leider dürfen wir Sie nicht via Blog beraten. Wenn Sie Hilfe brauchen, möchte ich Ihnen die Telefonseelsorge (https://www.telefonseelsorge.de/) ans Herz legen. Sie können direkt anrufen unter 0800 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222, jederzeit!
      Alles Gute für Sie und Ihren Mann,
      Ihr Psychosomatik Online Team

  3. Kristina Cohrt sagt:

    Lieber Klaus,

    Depressionen sind wirklich eine kräftezehrende Krankheit. Ich habe das unterschätzt, als ich für meinen jetzigen Partner meinen Mann verlassen habe.
    Mein Partner hat auch Depressionen und kann mir seit fünf Jahren keine Nähe mehr geben.
    Dass Du nach so vielen Jahren selbst erkrankt bist,kann man nur nachvollziehen. Besonders, weil Dir anscheinend niemand zugehört ,oder geholfen hat. Hast Du nie versucht irgendwo Hilfe zu bekommen?
    Alleine schafft man das nicht!
    Ich gehe inzwischen auf Abstand,bin aber trotzdem noch für ihn da.Fühle mich dadurch besser . Fahre auch alleine in Urlaub.
    Du scheinst echt alleine mit dem Problem zu sein.
    Hast Du denn keinen Therapeuten, oder eine Selbsthilfegruppe?
    Falls nicht….suche Dir dringend Hilfe!

    Kann Dich aber gut verstehen und wünsche Dir sehr viel Kraft!!
    Glg Tina

  4. Strempel, Klaus sagt:

    Meine Frau leidet seit rund 30 Jahren an manischer Depression. Sie war in dieser Zeit in ständiger ärztlicher Behandlung und mehrere Male sehr lange in der Klinik. Leider wurde ich als Ehemann nur zu in zu wenigen (dreimal insgesamt) Gesprächen eingeladen. Das Thema Sexualität kam nie zur Sprache und meine Frau war in dieser Zeit darauf nicht ansprechbar.
    Von meiner Frau habe ich einmal gesagt bekommen, „ich schlafe nicht mehr mit dir“. Ich habe das so akzeptiert. Ich gehe davon aus, dass dies auch Thema in den Gesprächen in der Klinik behandelt wurde. Was ich in zwei Gesprächen gehört habe, war die Aufforderung an meine Frau die Scheidung einzureichen. Die Scheidung wurde – da drei Minderjährige Kinder zu meiner Familie gehören.
    Sexualität ist heute kein Thema mehr für mich. Aber trotz weiterer Behandlung und einigen Lebensbedrohlichen Situationen finden immer noch keine Gespräche statt.
    Mittlerweile bin ich selbst schwer erkrankt undDepressiv.

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