Depression: Ein Stresstest für die Beziehung

Eine Depression stellt die Liebe auf eine harte Probe. Wie die Partnerschaft diese Belastung überstehen kann.

Thomas Gärtner

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Arolsen

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In unserer neuen Reihe „Depression und das Leben“ beschäftigen wir uns mit der Frage, wie eine Depression das gesamte Leben beeinflusst und wie Patienten und deren Angehörige damit umgehen können.

Den Auftakt bildet dieser Artikel, in dem Dr. Gärtner von der Schön Klink Bad Arolsen sich dem Thema Depression und Beziehung widmet.

Wenn ein Patient mit Depressionen nach der stationären Psychotherapie wieder nach Hause kommt, erwartet der Partner nicht selten das Ende aller Probleme und die Rückkehr zum Status vor Krankheitsbeginn. Das stellt viele Paare vor einige Herausforderungen. Denn zum einen kommen die wenigsten Patienten komplett geheilt zurück. Zum anderen haben sie  sich oft ein wenig verändert. Nicht selten kriselte es in Partnerschaften schon vor der Therapie, manchmal fangen die Probleme erst danach an.
Tatsächlich können Beziehungsprobleme und Depressionen Hand in Hand gehen. Das muss aber noch lange nicht das Aus für die Beziehung bedeuten – im Gegenteil. Patienten mit einer intakten Beziehung haben gute Chancen, ihre Depression zu überwinden

Was ist zuerst da, das Eheproblem oder die Depression?

Partnerschaftsprobleme bestehen häufig vor Ausbruch der Depression. Gleichzeitig kann eine Depression eine große Belastung für die Beziehung darstellen. Eheprobleme können Auslöser und Folge von Depressionen sein – das kann auch in einen Teufelskreis münden. Grundsätzlich spielen bei der Entstehung von depressiven Störungen immer mehrere Faktoren eine Rolle. Aber wer eine Veranlagung hat, erkrankt eher, wenn die Ehe nicht gut läuft.

Kann eine Depression eine Beziehung zerstören?

Depressionen können auch in einer intakten Partnerschaft Probleme machen. Zu Beginn der Erkrankung trifft der Betroffene meist erst einmal auf Verständnis und Rücksichtnahme. Das kann sich irgendwann erschöpfen, weil es schwer zu ertragen ist, wenn man als Partner aufgrund der Depression nie ein positives Feedback bekommt. Dieses Problem kann auch nach einer stationären Behandlung noch mehr oder weniger weiter bestehen oder später wieder erneut auftreten. Daher sollte der Partner in der Regel frühzeitig mit einbezogen werden.

Ist es ein Problem, wenn der Partner denkt: „Nach der Klinik, da muss doch alles wieder gut sein“?

Hier müssen wir als behandelnde Ärzte und Therapeuten entsprechend Aufklärung und Erwartungsmanagement auch mit dem Ehepartner betreiben. Häufig ist es schon so, dass sich der Zustand des Patienten in der Klinik enorm verbessert. Aber längst nicht alle werden gesund entlassen, sondern lediglich in einem Zustand, der ambulant weiterbehandelt werden kann. Und außerdem ist die Depression eine Erkrankung, die auch nach Genesung in der Mehrzahl der Fälle früher oder später wiederkommt.

Und wenn der Partner scheinbar gesund ist?

Auch dann ist nicht immer alles wie vorher. Eine Psychotherapie soll ja in der Regel nicht nur Symptomfreiheit sondern auch nachhaltige Veränderungen herbeiführen. Manchmal funktionieren dann eingeschliffene Beziehungen nicht mehr so wie vorher. Wer beispielsweise vorher einen stillen, ängstlichen Ehepartner hatte, für den ist es ungewohnt, wenn dieser plötzlich selbstbewusst eigene Bedürfnisse durchsetzt. Das kann Belastung oder Bereicherung sein. Auf jeden Fall muss sich der Partner auf Veränderungen einstellen.

Welche Rolle spielt die Beziehung für die Therapie?

Die Qualität der Paarbeziehung ist ein wichtiger prognostischer Faktor. Wenn die Partnerschaft grundsätzlich intakt ist, dann ist die Prognose für die Behandlung der Depression deutlich besser. Sie verläuft nicht so schwer und heilt schneller aus. Andersherum kann bei Patienten mit einer problematischen oder schwierigen Beziehung allein eine Paartherapie zu einer Verbesserung der Depression führen. Eine Einbeziehung des Partners in die Depressionsbehandlung sollte auf jeden Fall angestrebt werden. Leider lassen sich Angehörige nicht immer darauf ein.

Wie beurteilen Sie die Qualität einer Beziehung?

Da geht es im Kern um die subjektive Bewertung, wie zufrieden der Patient mit seiner Beziehung ist. Störungen treten häufig im Bereich der partnerschaftlichen Interaktion, insbesondere im Problemlöse- und Konfliktverhalten auf. Wenn diese identifiziert sind, können günstigere Kommunikationsformen und hilfreichere Verhaltensweisen eingeübt werden.

Wie sieht es mit Rückfällen aus?

Bei der Rückfallprophylaxe kann der Partner entscheidend mitwirken. Er sollte über die Erkrankung und ihre Behandlung informiert werden, damit er Unterstützung leisten kann und typische Fehler vermieden werden. Er kann Rücksicht nehmen und helfen, soll aber nicht zum ambulanten Betreuer werden, sondern der Partner bleiben. Es ist wichtig, dass er auch eigene Befindlichkeiten und Bedürfnisse artikuliert. Menschen, die mit einem depressiven Partner zus ammenleben, haben ein erhöhtes Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken. Daher ist es auch wichtig, dass sie auf ihr eigenes Wohlbefinden und die Grenzen ihrer Belastbarkeit achten. Bei schwierigen Beziehungen kann eine Paartherapie das Rückfallrisiko senken.

Fazit

Eine Depression kann die Beziehung belasten – ebenso wie eine schlechte Beziehungsqualität eine Depression begünstigen kann. Damit die Partnerschaft diese schwierige Phase übersteht, sind beide gefordert, sich gegenseitig zu unterstützen, aktiv an der Bewältigung mitarbeiten und sich bei Bedarf auch rechtzeitig Unterstützung zu holen.

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