Den eigenen Körper sehen, spüren, fühlen – und normal finden

Eine positive Körperwahrnehmung hilft Patienten, ihre Essstörung in den Griff zu bekommen. Die Körperbildtherapie leistet hier einen wertvollen Beitrag.

Alexander Heimbeck

Leiter Sport- und Bewegungstherapie & Physikalische Abteilung (ROS) Schön Klinik Roseneck

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Essverhalten und Körperwahrnehmung

Die Behandlung von Essstörungen fokussiert sich zumeist darauf, das Essverhalten zu normalisieren. Jedoch: „Körperbildstörungen sind ein Prädiktor für spätere Essstörungssymptome und sagen nach einer erfolgreichen Normalisierung des Essverhaltens die Aufrechterhaltung des Behandlungserfolges voraus“ (Quelle 1: Vossbeck-Elsebusch A et. Al.). Dies bedeutet, dass im Laufe der Behandlung eine Verbesserung des Körperbildes angestrebt werden muss.
Die Vorstellung vom Körperbild ist ein multimodales Konstrukt. Es beinhaltet perzeptive, kognitiv-affektive und verhaltensbezogene Komponenten. Wichtig ist anzumerken, dass es neben den rein statischen Sichtweisen auch ein dynamisches Körpergefühl gibt. So berichten vor allem Patientinnen mit Bulimia Nervosa immer wieder, dass sie ihren Körper in Bewegung als besonders eklig empfinden, weil sie dann sogenannte Problemzonen besonders intensiv spüren.

Perzeptive Komponente

Die perzeptive Komponente beschäftigt sich mit der Wahrnehmung des Körpers. Liegt eine Körperschemastörung vor, handelt es sich um eine verzerrte Wahrnehmung des Körpers.

Typische Übungen in der Bewegungstherapie sind:

  • Die Patienten rollen sich selbst mit dem Igelball ab.
  • Übungen aus dem Faszientraining.
  • Sanfte Körperübungen beispielsweise aus dem Yoga.
  • Die Hände auf den Körper legen und sich berühren usw.…

Die Übungsanweisung besteht meist darin, das konkrete Spüren des Körpers zu beschreiben und damit die perzeptive Komponente von der kognitiv-affektiven zu trennen.

Exkurs: Die Hirnstruktur von essgestörten Patienten ist an entscheidender Stelle verändert.

Suchan et al. 2012 konnten mit Hilfe bildgebender Verfahren nachweisen, dass bei Patienten mit Anorexia Nervosa Hirnareale, in denen körperbezogene Reize verarbeitet werden, kleiner sind. Darüber hinaus wurde bei Patienten mit Anorexia Nervosa, aber auch bei Patientinnen mit Bulimie eine verminderte Aktivität dieser Areale entdeckt. Je schwächer die gefundene Verbindung zwischen den entsprechende Arealen ist, desto dicker schätzen sich Probandinnen ein. (Quelle 2: Suchan, B. et Al.  Reduced connectivity between the left fusiform body area and the extrastriate body area in anorexia nervosa is associated with body image distortion)

Die klinische Bewegungstherapie orientiert sich am Salutogenesemodell Antonovsky und damit an einem ressourcenorientiertem Vorgehen. Das bedeutet, dass im Gruppensetting der Körperbildtherapie mit den genannten Übungen eine stärkere Fokussierung auf positiv bewertete Körperteile vorliegt. In zwei Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Aufmerksamkeitslenkung auf positiv bewertete Körperregionen die Körperzufriedenheit steigert, während die Fokussierung auf negativ bewertete Teile die Körperzufriedenheit herabgesetzt.  (Quelle 3: Smeets, E. et Al.)
Je nach Motivationslage der Gruppenteilnehmer, Ausbildung und Erfahrung des Therapeuten kann jedoch auch ein konfrontierenderes Vorgehen gewählt werden.

Kognitiv-affektive Komponente

Sowohl die kognitive als auch die affektive Komponente des Körperbildes lassen sich durch Körperbildtherapie positiv beeinflussen (Quelle 4: Vock, S. Lengbauer T, Troje N et al.) Die Auseinandersetzung mit dem Körper dient dann vor allem als Medium für  psychotherapeutische Interventionen. Dazu zählt vor allem: Erkennen von dysfunktionalen Grundannahmen, antreibenden Schemata, und das Erarbeiten und Erproben hilfreicher Schemata, Gedanken und Handlungsweisen.

Mögliche Übungen in der Bewegungstherapie sind:

  • Einschätzübung (Einschätzen des Umfangs verschiedener Körperteile) mit dem Seil.
  • Bewegen vor dem Spiegel.
  • Spiegelübung.
  • Körperumrisse mit Steinen legen.
  • Körper mit Unterlegdeckeln abdecken (Partnerübung).
  • Übungen zum Themenkreis berühren und berührt werden“.

Der Charakter dieser Übungen ist eher konfrontierend als die Übungen aus dem perzeptiven Bereich. Vor allem dann, wenn genannte Übungen im Sinne einer Exposition durchgeführt werden, sind Ausbildung und Erfahrung im Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie notwendig.

Patientinnen und Patienten mit einer Essstörung haben sich ihren Alltag mit subjektiven „Wahrheiten“ zurecht gelegt. Aussagen wie „ich muss jeden Tag eine Stunde laufen, weil Sport gesund ist“ oder „Sport ist für die Fettverbrennung nur gut, wenn ich mit leerem Magen trainiere“, sind Beispiele dafür. Ohne Kontext sind sie erst mal nicht falsch, aber im Hinblick auf eine Essstörung werden sie unhaltbar.

In den kognitiven Bereich fallen damit auch Informationsvermittlung über den Körper, über Bewegung und Sport sowie psychoedukative Themen.

Typische Themen psychoedukative Themen sind:

  • Was sind Knochen, Muskeln, Fett? Wie fühlt sich das jeweils an? Für was ist es gut und wofür wird es gebraucht?
  • Wie funktioniert die Energiebereitstellung im Körper?
  • Was und wie viel ist „gesunder“ Sport und welche Bewegung macht Freude? Dazu können sozial-kreative Komponenten des Sports oder entspannende Komponenten von Bewegung gehören.
  • Bedeutung von Pausen zwischen Sport- und Bewegungseinheiten.

Verhaltensbezogene Komponente

Patientinnen mit der Diagnose einer Essstörung vermeiden häufig bestimmte Verhaltensweisen Zum Beispiel ist es für viele Betroffene undenkbar, sich im Bikini im Schwimmbad zu zeigen. Auch Kontrollverhalten bezüglich des Gewichtes und/oder Aussehens ist Thema. So werden die Ausmaße des Körpers häufig kontrolliert und mit anderen verglichen. Eigene subjektiv empfundenen körperlichen Unzulänglichkeiten werden mittels weiter Kleidung kaschiert.

Mögliche Übungen in der Bewegungstherapie:

  • Besuch des Schwimmbades mit Zusatzaufgaben, wie zum Beispiel einzeln/zu zweit im Bikini um das Becken gehen.
  • Tragen körperbetonender Kleidung.
  • spielerische Kontaktübungen, Thema Aufrichten und aufrecht gehen.
  • Thema „sich zeigen“, beispielsweise beim Tanzen im Mittelpunkt zu stehen.

Fazit

Insgesamt bietet die Körperbildtherapie eine gute Möglichkeit, Themen und Inhalte der Gesamttherapie zu vernetzen. Des Weiteren ist es, wie Studien zeigen, eine notwendiger Inhalt, um den Therapieerfolg abzusichern.

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