Verwandte Phänomene: Burnout-Syndrom und chronische Schmerzerkrankungen

Teil 2 unserer Burnout-Serie: Was haben Patienten mit Burnout-Syndrom und chronische Schmerz-Patienten gemeinsam? Die Ansprüche an sich selbst.

Die Suche nach Literatur zum Thema „Burnout und chronische Schmerzerkrankungen“ ist aktuell wenig ergiebig. Dabei sind im klinischen Alltag die Zusammenhänge und die gegenseitige Beeinflussung der beiden Phänomene sehr deutlich. Umso wichtiger, dieses hier im Blog zu thematisieren.

Schmerz als Folge von Dauerstress

Wir sehen beim Burnout-Syndrom sehr häufig unterschiedliche körperliche Phänomene, ausgelöst durch die hohe vegetative Anspannung. Bei entsprechender Veranlagung manifestiert sich dies unter anderem auch in unterschiedlichen Schmerzphänomenen. Diese können sich bei anhaltender Beeinträchtigung über eine Sensibilisierung zentraler Schmerzareale chronifizieren. Typischerweise berichten Patienten von multilokulären muskulären Beschwerden, aber auch von anhaltenden Spannungskopfschmerzen und von einer Zunahme von Migräneanfällen. Schmerz ist in diesem Kontext als Stressfolgeerkrankung zu verstehen.

Anhaltende Schmerzen tragen wiederum im Sinne eines Teufelskreises zur Verstärkung und zur Aufrechterhaltung von Insuffizienz bzw. Ohnmachtserleben bei.

Kreislauf aus Stress, Anspannung und Schmerz

Schmerz und Burnout – ähnliche Verhaltensmuster und Überzeugungen

Bei chronischen Schmerzerkrankungen sehen wir auf der einen Seiten das klassische fear-avoidance“ des eher ängstlich-besorgten Patienten mit entsprechendem Schonverhalten, das über einem Abbau von Muskelmasse, Kraft und Ausdauer zu einer verminderten Leistungsfähigkeit mit entsprechender Beeinträchtigung des Selbstwerterlebens führt. Genauso häufig – bei bestimmten Formen der Schmerzerkrankung wie z.B. dem Fibromyalgiesyndrom sogar deutlich häufiger – findet sich bei Schmerzpatienten aber auch der Typ des „fröhlichen Durchhalters“. Bei diesen Patienten sehen wir – ohne dass die Diagnose eines Burnout-Syndroms explizit gestellt werden kann – ähnliche dysfunktionale Grundannahmen und Leitsätze wie bei Burnout- Patienten. Entsprechend zeigen sich emotional bagatellisierende und sich chronisch überfordernde Muster. In den Patientenbiographien werden häufig langanhaltend überfordernde Lebenssituationen berichtet (z.B. Doppelrolle Erwerbstätigkeit – Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, anhaltende private Belastungen). Das Durchhalten über die eigene Leistungsgrenze hinaus führt dann in einen Teufelskreis der Schmerzverstärkung mit Wechsel zwischen Phasen der Überforderung und des erschöpften Rückzugs.

Zu identifizieren sind dann häufig dysfunktionale Leitsätze wie „Ich muss immer funktionieren“, „Niemand darf sehen, wie es mir geht“, „Ich bin für alles verantwortlich“, die den Leitsätzen von Burnout-Patienten sehr ähneln.

Die Grafik verdeutlicht den krankheitsaufrechterhaltenden Wechsel zwischen Überforderung und Rückzug.

Die rote Welle zeigt das Aktivitätsniveau eines klassischen fröhlichen Durchhalters. An guten, beschwerdefreien Tagen überfordern sich Patienten („Ich muss noch rasch alles erledigen, wer weiß, wie es mir morgen geht“) mit dem fast zwangsläufigen Ergebnis der Erschöpfung und Schmerzverstärkung am Folgetag. Langfristig führt dies zu einem Absinken des Leistungsniveaus.

Besonderheiten in der Therapie für Schmerzpatienten mit Überforderungsverhalten

Therapie bei chronischen Schmerzerkrankungen ist immer multimodal angelegt und kombiniert psychologische, medizinische und physiotherapeutische Behandlungsansätze. Wie bei allen anderen chronischen Schmerzpatienten auch, ist die körperliche und soziale Aktivierung auch bei Patienten mit Überforderungsmustern wichtig. Im Gegensatz zu Patienten mit eher ängstlich-schonendem Verhalten ist hier aber vor allem die Einübung von Regelmäßigkeit mit Vermeidung von Überforderungsspitzen wichtig.
Um dieses Ziel langfristig zu erreichen, ist begleitend die Identifizierung und Neuformulierung dysfunktionaler Leitsätze entscheidend – ähnlich wie bei Burnout-Patienten.

Oftmals sind es dabei die kleinen Veränderungen, wie zum Beispiel ein verbessertes Pausenmanagement, die für Patienten langfristig hilfreich sind. Ein Schmerzpatient, der aufgrund seiner Grundannahme „Ich muss immer durchhalten und den Erwartungen anderer entsprechen“, sich mit einem zweistündigen Spaziergang bereits massiv überfordert („Der Arzt hat gesagt, dass Bewegung wichtig ist…“), kann bereits davon profitieren, dass er während des Spazierganges geplant Pausen einlegt. In Selbstbeobachtungsprotokollen kann der Patient dann den Erfolg von Verhaltensänderungen (weniger Schmerzen am Folgetag) konkret überprüfen.

Dies lässt sich auf zahlreiche Alltagssituationen übertragen. Im Therapieverlauf geraten dadurch zwangsläufig und auch hier analog zur Therapie von Burnout-Patienten Fragen zur weiteren Lebensperspektive und zu den Säulen des Selbstwerts („Wie stelle ich mir mein Leben vor…?“ – Welchen Stellenwert haben Beruf, Familie, Freunde, Freizeit…?“) in den Fokus.

Fazit

Schmerzpatienten zeigen häufig Grundüberzeugungen und Leitsätze ähnlich denen von Burnout-Patienten. Übertriebene Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit und die damit einhergehenden Verhaltensmuster sind langfristig schädlich, können aber mit einer multimodalen Verhaltenstherapie positiv beeinflusst werden.

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