Body-Mind-Unity

Körper und Seele Version 2.0: Das bio-psycho-soziale Modell erfährt derzeit ein Upgrade.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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In diesem Jahr sind zwei Bücher erschienen, die sich mit Body-Mind-Unity auseinandersetzen: „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari nähert sich diesem Thema vom Blickwinkel des Historikers. „Theorie und Praxis der psychosozialen Medizin“ von Josef Egger aus der Sicht des Psychologen.
Nachdem  ich unserer Redakteurin die erste Fassung dieses Beitrages geschickt hatte, wies sie mich darauf hin, dass sie zu diesem Thema auf google „ganz oben“ diverse Links zu esoterischen Bewegungen fand.  Ebenso auf youtube.  Ich bin ihr für diesen Hinweis sehr dankbar, denn genau das Gegenteil soll der Artikel zeigen.

Die „Theorie der Body-Mind Unity“ –  wie in diesem Beitrag dargestellt – ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. Sie ist ein wissenschaftliches Rahmenmodell: der wissenschaftliche Ansatz, unser duales Denken „Psyche vs. Soma“ zu überwinden. Diese Theorie kann auch als „bio-psycho-soziales Modell 2.0“ aufgefasst werden.

Was ist die Body-mind-unity?

Die Übersetzung ins Deutsche ist aus meiner Sicht zumindest schwierig. „Body“ ist einfach, aber „Mind“? „Geist“ trifft es vielleicht einigermaßen, wobei das auch „spirit“ impliziert, „„Seele“ legt einen religiösen Hintergrund nahe.  Lassen Sie uns daher beim englischen Begriff bleiben. Unity heisst übersetzt Einheit, Gesamtheit. Es besagt als, dass Body und Mind untrennbar miteinander verbunden sind: „Ohne body kein mind“. Das mag vielen religiösen Anschauungen widersprechen, aus rein naturwissenschaftlicher Sicht ist es jedoch empirisch nicht zu widerlegen. Niemand hat die „Seele“ bisher nachweisen können (Konzept und  „Sítz“ der Seele unterscheiden sich übrigens durchaus kulturspezifisch).

In diesem Kontext ist auch der Begriff der Emergenz zu klären.

Emergenz

Hintergrund: Das bio-psycho-soziale Modell geht von einer „hierarchischen Ordnung von Systemen“ aus. Diese Systeme sind dynamisch organisiert,  jedes System hat typische „Qualitäten und Beziehungen“ für das jeweilige Organisationsniveau, alle Systeme sind dynamisch verbunden. Die Änderung in einem Organisationsniveau zieht in der Folge auch Änderungen in einem angrenzenden System nach sich. Systeme sind der  Makrokosmos (z.B. vom Universum bis zur Familie), der Mesokosmos (z.B. der Mensch) und der Mikrokosmos (z.B. Moleküle, DNS).

Unter Emergenz versteht man die Tatsache, dass Phänomene einer übergeordneten Ebene des Organismus auf der darunterliegenden nicht nachzuweisen und auch nicht aufgeklärt werden können. Hier ein Beispiel:

Body: Auf der Systemebene der neuronalen Netzwerke sind zwar „feuernde Neuronen“ als Aktivität nachweisbar. Diese können durch spezielle Untersuchungen im Gehirn manchmal sogar lokalisiert werden.

Mind: Die neuronale Aktivität erklärt aber subjektive Vorgänge wie Gefühle oder Gedanken (auf der nächsthöheren Ebene) nicht. Sie liefern auch keine Erklärung für den „Bewußtseinsfluß“. 99 Prozent der Abläufe im Körper finden statt, ohne dass es z.B. bewusster Gefühle bedarf.

„Radikale“ Wissenschaftler gehen sogar soweit, manche Gefühle als „mentale Luftverschmutzung“ zu bezeichnen, ein Nebenprodukt der neuronalen Aktivität. Wozu sollen denn Wut oder Freude dienen?

 

Näherungsversuche

Yuval Noah Harari

Er ist Historiker, er beschäftigt sich mit Weltgeschichte und Evolution. Dem Phänomen „body-mind-unity“ nähert er sich, weil einiges den Menschen von anderen Tieren unterscheidet, aus dem Blickwinkel von „Mind“:  Nur der Mensch sei der Selbstreflektion fähig, nur der Mensch könne weit in die Zukunft planen, nur der Mensch könne kurz- mittel- und langfristige Folgen „erahnen“ oder wissen. Dies gebe ihm einen immensen Vorteil gegenüber anderen Tieren und machte die Eroberung der Welt möglich. Aber da es ohne Body kein Mind geben könne, stelle dies die Grundlage einiger Religionen in Frage. Denn bisher habe kein Wissenschaftler die Existenz einer „Seele“ nachweisen können.

Diese Argumentation verunsichert, denn wenn Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat, sei dieser die Krone der Schöpfung und habe als einziges Lebewesen eine Seele. Diese lebe nach dem physischen Tod (des Body) weiter. Der Glaube geht in diesem Fall vor Naturwissenschaft! Ein Weltbild würde sonst „zusammenkrachen“.

Josef Egger

Er ist Psychologe und Verhaltenstherapeut. Er hat vor allem in der Verhaltensmedizin und Psychosomatik geforscht. Und obwohl er selbst seine Wurzeln in der Psychosomatik hat, stellt er diesen Begriff in Frage. Denn dieser impliziere, dass es Soma und Psyche als getrennte Entitäten gebe. Und die man deshalb getrennt und unabhängig behandeln könne: Es gebe psychische Erkrankungen, die eben keine somatischen Erkrankungen seien und vice versa. Und irgendwo dazwischen die Psychosomatik. Er argumentiert, dass aus rein naturwissenschaftlicher Sicht diese Trennung unsinnig sei. Und kommt zum Schluss, dass Erklärungsmodelle für Gesundheit und Krankheit nur unter dem Blickwinkel „Body-mind-unity“ Sinn machen. Erst dann kann zielführend therapiert werden. J. Egger führt als Beispiel an, dass sich im Verlauf einer psychotherapeutischen Behandlung elektrische Aktivitäten in bestimmten Gehirnregionen verändern (z.B. dass nach einer erfolgreichen Angsttherapie die Amygdalae weniger „feuern“). Ohne somatische Therapie ändert sich etwas in der Aktivität des neuronalen Netzwerkes. Warum diese Veränderung an neuronaler Aktivität in diesem Gehirnabschnitt aber ein „weniger an Angst“ bedeutet, kann nicht erklärt werden. Diese subjektive Veränderung sei wiederum ein „Mind“  – Phänomen.

Fazit

Zurück zur Eingangsfrage: Sowohl aus Sicht des Historikers als auch des Psychologen ist der Dualismus „Psyche vs. Soma“ als wissenschaftlich nicht mehr haltbar zu sehen. Die Wissenschaft ist sich einig, dass „Mind-body-Unity“ als weiterentwickeltes bio-psycho-sozialen Modell den derzeit besten  wissenschaftlichen Rahmen  u.a. für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten darstellt.

Der Begriff der „Psychosomatik“ ist zwar aus meiner Sicht keinesfalls obsolet, unterzieht sich aber einem Bedeutungswandel. Dies wäre nicht das erste Mal. War Psychosomatik zu Beginn die Domäne tiefenpsychologisch fundierter Erklärungsmodelle, hat Ende des 20. Jahrhunderts  die Verhaltensmedizin ihren Einzug in die Psychosomatik gehalten. Da sich die Verhaltensmedizin auf das bio-psycho-soziale Modell beruft, steht einem weiteren Bedeutungswandel, in dem auch die Body-Mind-Unity (als erweitertes bio-psycho-soziales Modell) ihren Platz hat, „eigentlich“ nichts im Wege.

Viel Spaß beim Nachlesen und Nachdenken!

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