Bionik und Psychosomatik

Die Funktionale Gesundheit sollte auch Psychotherapeuten am Herzen liegen: Denn sie kann Patienten mit körperlichen Behinderung ganz neue Perspektiven eröffnen und seelische Belastungen mindern.

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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„Healthy citizens are the greatest asset any country can have“ (Winston Churchill; dt Übersetzung: „Gesunde Bürger sind die beste Anlage, die ein Land haben kann“). Die Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit fördert nicht nur die Lebensqualität des Einzelnen. Sie ist auch betriebs- und volkswirtschaftlich von großer Bedeutung. Gerade in Zeiten des demographischen Wandels. Um die Gesundheit wiederherzustellen, ist es an der Zeit, gewohnte Pfade zu verlassen. In der Bionik passieren gerade spannende Entwicklungen.
Zur Erinnerung:  Der Taschenrechner kam 1967 auf den Markt und wog 1,5 kg.  Heute ein Museumsstück.  Die Digitalisierung und die Entwicklung intelligenter Computer (Stichwort: Brain-Computer-Interface) sind nicht aufzuhalten. Wir sollten überlegen, wie wir uns diese digitale Welt zunutze machen können, gerade im Bereich der Gesundheit.

Wann ist man überhaupt gesund?

1946 definierte die WHO den Begriff Gesundheit wie folgt: „Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Diese Definition ist ebenso wünschenswert wie schwammig und daher schwer zu erfüllen. Im Gegensatz dazu kommt der Begriff der „funktionalen Gesundheit“ (2007) der Realität schon näher. Als funktional gesund wird eine Person angesehen, die trotz eines Gesundheitsproblems all das tut oder kann, was von einem gesunden Menschen erwartet wird oder sich in der Weise und dem Umfang entfalten kann, wie es von einem gesunden Menschen erwartet wird.

Beispiele für funktionale Gesundheit

Ein kurzsichtiger Mensch ist laut WHO Definition „krank“. Durch eine einfache Visuskorrektur mittels Brille ist er funktional gesund. Eine Hörminderung kann durch ein Hörgerät korrigiert werden. Diese Beispiele sind mittlerweile solche Selbstverständlichkeiten, dass wir mehr  oder weniger gar nicht mehr darüber nachdenken, ein Leben ohne diese einfachen Hilfsmittel zu führen. Für den Alltag sind sie aber von eminenter Bedeutung. Ohne Brille könnte ich diesen Blogbeitrag nur mit größter Anstrengung und nachfolgenden Kopfschmerz schreiben.  Und ich fühle mich nicht „krank“.

Bionic (wo)man

Schon jetzt gibt es einige Möglichkeiten, eine Verbindung zwischen dem Gehirn und intelligenten Computern herzustellen. Denken Sie nur an Cochleaimplantate oder Retinaimplantate (übrigens eine deutsche Entwicklung). Noch sind die Entwicklungen in den Anfängen, aber wie man am Beispiel des Taschenrechners sieht, gehen sie rasant voran. Silicon Valley und die Denkfabriken werden noch vieles möglich machen.
Lassen Sie mich zwei Beispiele anführen:

Jesse Sullivan verlor im Jahr 2001 beide Arme bei einem Unfall. Das Rehabilitation Institute of Chicago entwickelte bionische Arme, die alleine durch seine Gedanken zu steuern sind.  Das ist Biofeedback auf höchstem Niveau!

ARTE zeigt in seinem „Futuremag“ eine ganze Reihe weiterer bionischer Prothesen. Nach dem Schauen dieser Videos wird vieles möglich erscheinen, was vorher noch undenkbar war:

Link zum ARTE Futuremag-Beitrag über bionische Prothesen

Bahnbrechende Idee: Ein Sinn übernimmt den Dienst des anderen

Noch eindrucksvoller, da gänzlich von unserem derzeitigen Denken über das Funktionieren unsere Sinnesqualitäten  entfernt, sind die Überlegungen und Forschungsarbeiten von David Eagleman vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas. Übrigens: In diesem College arbeiteten auch Michael DeBakey und Denton Cooley, die als Herzchirurgen Weltruhm erlangten: Das erste Kunstherz wurde von den beiden entwickelt. Houston scheint ein guter Boden für Innovationen zu sein. Auch die NASA hat da ihr Space Center.
Eagleman geht davon aus, dass auch das Gehirn des Erwachsenen noch umlernen kann, er spricht von „sensory substitution“: Er entwickelt eine Weste, mit der „Taube“ mittels sensorischer Eindrücke „hören“ können. Dies hier einfach zu beschreiben, würde der Innovation nicht gerecht werden, daher nehmen Sie sich bitte die Zeit und sehen Sie sich dieses Video an. David begeistert!

Fazit

Sie werden sich fragen, was das Thema Bionik  mit Psychosomatik zu tun hat. Meiner Meinung nach darf Psychosomatik nicht stehen bleiben, indem wir in Sitzungen „nur“ sprechen. Schon jetzt sollte es selbstverständlich sein, dass wir Patienten und Patientinnen mit Hörstörungen bei der Adhärenz zu einer Hörhilfe aktiv unterstützen. Oder dass wir Patienten und Patientinnen mit einer (somatisch oder funktionell bedingten) Gangstörung zur regelmäßigen Physiotherapie ermutigen.
Wir als ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten sollten auch up-to-date bezüglich möglicher Hilfsmittel sein. Das befähigt uns, auch unter diesem Blickwinkel mit Patienten und Patientinnen „mit Behinderung“ einen Blick in eine positive Zukunft zu werfen. Und nichts Anderes ist die Aufgabe einer Psychotherapie: Eine Antwort auf die Frage zu finden „Wie können unsere Patienten und Patientinnen ihre funktionale Gesundheit wieder erlangen?“

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