Binge-Eating: Neue wissenschaftliche Studie zur Therapie

Wie kann man Betroffenen nachhaltig helfen? Eine neue Studie gibt Aufschluss.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Weltweit steigt die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas in der Gesellschaft, vor allem in den modernen Industriegesellschaften. Die Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten ist dramatisch. Insbesondere sind auch Kinder und Jugendliche bereits häufig betroffen. Übergewicht und Adipositas sind per Definitionem keine Essstörung, häufig liegt aber auch eine Essstörung zugrunde.
Bei der Binge-Eating-Störung leiden die Betroffenen unter regelmäßigen Essanfällen und haben eine deutlich verminderte Kontrolle über ihr Essverhalten. Im Gegensatz zu Betroffenen mit bulimischer Essstörung zeigen sie kein gegenregulatorisches Verhalten wie Erbrechen, Fasten oder exzessiven Sport. Die deutlich verminderte Kontrolle über das Essverhalten wird im englischen auch als „loss of control eating“ bezeichnet. Die Binge- Eating-Störung ist in unserem aktuell gültigen Klassifikationssystem DSM-5 nun als eigene Essstörungsdiagnose klassifiziert und stellt eine häufige Form der Essstörung dar.

Binge-Eating: Tübinger Modell trainiert Selbstbeherrschung

Kürzlich wurde eine neue kontrollierte Studie zur Behandlung der Binge-Eating-Störung von einer Arbeitsgruppe des Universitätsklinikums Tübingen veröffentlicht. Das Team, bestehend aus Ärzten und Psychologen, behandelte zwei Gruppen von Betroffenen mit Binge-Eating-Störung:
Eine Gruppe erhielt ein spezielles Therapieprogramm, das gezielt die Selbstbeherrschung, d.h. die Kontrolle über das Essen trainierte.
Eine Vergleichsgruppe von Patienten mit Binge-Eating-Störung nahm dagegen nicht an diesem Gruppentherapieprogramm teil und erhielt auch keine Therapie. Diese Gruppe nahm aber über acht Wochen an einer wöchentlichen Online-Selbstbeobachtung teil und erhielt Informationen zu den Behandlungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse der sogenannten „Impuls“-Studie wurden kürzlich in dem international renommierten Journal „Psychotherapy and Psychosomatics“ veröffentlicht.

Resultate nach zwei und nach drei Monaten im Vergleich

Nicht alle Ergebnisse entsprachen den Hoffnungen der Arbeitsgruppe, da zu Ende der Therapiephase zunächst kein Unterschied zwischen beiden Gruppen bezüglich der Anzahl der Essanfälle bestand. Umso erfreulicher ist der signifikante Unterschied drei Monate nach Ende der Therapie, der auf einen nachhaltigeren Lerneffekt bei den Patienten hinweist:
In der Therapiegruppe war die Kontrolle über das Essverhalten drei Monate nach der Gruppentherapie im Sinne einer verminderten Anzahl von Episoden mit Essanfällen signifikant im Vergleich mit der Kontrollgruppe verbessert – kurz: Die Teilnehmer dieser Gruppe hatten seltener Essanfälle.
Unterschiede bezüglich des Gewichts waren zwischen den beiden Gruppen nicht vorhanden. Aber in der Behandlungsgruppe mit dem Training war die Stimmung am Ende der Therapie besser als in der Kontrollgruppe.

Was waren die Inhalte der Gruppentherapie?

In 90-minütigen Sitzungen wurden Selbstkontrollfähigkeiten gestärkt und Expositionsübungen in der Gruppe sowie auch anschließend als Hausaufgabe durchgeführt. Dabei lernten die Betroffenen, sich den individuell besonders attraktiven Nahrungsmitteln auszusetzen und dem Drang zu essen zu widerstehen. Wahrscheinlich spielte der Vorteil des Gruppensettings, in dem sich die Teilnehmer gegenseitig in ihren Erfolgserlebnissen bestärken und eine Selbstwirksamkeitserfahrung machen, dabei eine wichtige Rolle.

Fazit

Die Binge-Eating-Störung ist eine häufige Störung, deren Folgen meist Übergewicht, Adipositas, sowie depressive Störungen sind, und die mit Hilfe von Psychotherapie behandelt werden kann. Das Tübinger Modell einer spezifischen Gruppentherapie ist ein interessanter Ansatz und scheint zu einer nachhaltigen Verbesserung der Kontrolle über das Essverhalten zu führen, wenngleich eine Gewichtsreduktion nicht zu erwarten ist.
Die Studie verweist darauf, dass sich allein dadurch jedoch schon die Stimmung verbessert, was auch klinischen Erfahrungen entspricht. Patienten, die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren haben, fühlen sich sehr schlecht und ständig schuldig, und allein das Wiedererlangen einer besseren Kontrolle über das Essverhalten bessert ihr Befinden auch ohne signifikante Gewichtsreduktion. Das Erlernen einer regelmäßigen Mahlzeitenstruktur und eines achtsameren Umgangs mit dem Essen mit besserer Kontrolle ist alleine schon ein wichtiges Therapieziel. Natürlich besteht dabei auch die Hoffnung, dass zumindest ein weiteres Ansteigen des Gewichtes verhindert werden kann.

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