Antidepressiva: Jahrelange Einnahme mit fraglichem Effekt

Eine aktuelle Studie zeigt: Immer mehr Menschen nehmen immer länger Antidepressiva ein.

Ulrich Voderholzer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck

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Die Verordnungszahlen von Antidepressiva sprechen eine klare Sprache: Sie haben in den letzten 30 Jahren um das ca. 7-fache in Deutschland zugenommen. Ein vergleichbarer Trend ist weltweit zu verzeichnen. Auch die Zahl derer, die Antidepressiva über viele Jahre einnehmen, steigt immer mehr an. Dabei ist die Wirksamkeit einer Langzeiteinnahme nicht belegt und der Nutzen eher fraglich.

Großangelegte Studie in den Niederlanden

Eine holländische Arbeitsgruppe hat Daten einer großen Kohorte von 156.620 Patienten aus der Gegend um Amsterdam anhand der Verschreibungsdaten zwischen den Jahren 2005 bis 2015 mit einem vergleichbaren Zeitraum von 1995 bis 2005 verglichen. Der Prozentsatz der Menschen, die ein Antidepressivum länger als 15 Monate einnehmen, lag bei 43,7 Prozent, verglichen mit 30,3 Prozent im Vergleichszeitraum 10 Jahre vorher.

Die Gründe

Meist waren es Patienten mit Angststörungen und/oder Depressionen und am häufigsten handelte es sich selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer oder sog. duale Substanzen wie selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer.
Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass Absetzphänomene, bzw. Entzugssymptome einer der Gründe für die Langzeiteinnahme darstellen und vergleichen die Situation der Antidepressiva mit der von Benzodiazepinen, bei denen auch infolge von Absetzschwierigkeiten ein Risiko einer Langzeiteinnahme besteht. Dabei

Fazit für die Praxis

  • Es ist stark zu vermuten, dass immer mehr Menschen Antidepressiva nur deshalb über Jahre einnehmen, weil sie die Substanzen wegen einer Entzugssymptomatik nicht mehr absetzen können, ohne dass die Langzeiteinnahme nach Leitlinien sinnvollist.
  • Die Zeitdauer der Einnahme von Antidepressiva sollte mit den Patienten besprochen werden, insbesondere auch nach Abklingen einer akuten Symptomatik.
  • Weisen Sie Ihre Patienten darauf hin, dass beim Absetzen von Antidepressiva Absetzeffekte auftreten können. Wenn das Absetzen im Rahmen des Krankheitsverlaufs und nach leitlinienorientierter Therapie indiziert ist, sollte dies immer vorsichtig und in Rücksprache mit dem Arzt über einen längeren Zeitraum erfolgen.

Eine Antwort zu “Antidepressiva: Jahrelange Einnahme mit fraglichem Effekt”

  1. Monika Pahnke sagt:

    Antidepressiva werden auch angewendet bei neurologischen Erkrankungen

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