Antidepressiva in der Schwangerschaft

Was, wenn eine Psychotherapie während der Schwangerschaft nicht ausreicht? Über das vorsichtige Abwägen und die kluge Wahl der Medikation.

Tabea Bauman

Oberärztin an der Schön Klinik Roseneck

0

Kann die Einnahme von Antidepressiva meinem Kind schaden? Gibt es bestimmte Antidepressiva, die gefährlicher sind als andere? Oder gibt es Phasen in der Schwangerschaft, während denen die Einnahme von Antidepressiva besonders kritisch ist? Und gibt es Alternativen zu einer Behandlung mit Antidepressiva? Das sind häufige und relevante Fragen in der Behandlung psychisch erkrankter Frauen.
Nachdem Antidepressiva mittlerweile bei viel mehr Krankheitsbildern als nur der Depression eingesetzt werden, u.a. auch bei Angst- und Zwangsstörungen, hat auch die Zahl der jungen Frauen zugenommen, die Antidepressiva einnehmen. Bei Kinderwunsch oder Schwangerschaft werden wir oft gefragt, ob die Medikamente abgesetzt werden müssen.

Ob schwanger oder nicht: Die Symptome einer Depression sind dieselben

Eine Depression ist eine häufige psychische Erkrankung in der Schwangerschaft. Depressive Episoden sind insbesondere durch eine gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudverlust, sowie Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit geprägt. Sie werden nach drei Schweregraden in leichte, mittelgradige und schwere depressive Episoden differenziert und können einmalig oder auch wiederkehrend auftreten. Treten depressive Episoden wiederholt in der Lebensgeschichte auf, werden sie als rezidivierende depressive Störung bezeichnet. Die Schweregradeinteilung depressiver Episoden ist insbesondere auch für die Therapieempfehlung relevant.

Der Babyblues ist nicht automatisch der Beginn einer Depression.

Differentialdiagnostisch ist der Baby Blues von einer Depression zu unterscheiden. Der Baby Blues kann einige Tage nach Geburt auftreten, hält für einige Tage an und bildet sich auch ohne spezifische Therapie zurück. Für den Baby Blues können leichte Traurigkeit, häufiges Weinen und Erschöpfung typisch sein. Erst wenn die Symptome wie oben geschildert über zwei Wochen andauern, sollte unbedingt auch an eine depressive Episode gedacht werden, um auch frühzeitig eine Behandlung einzuleiten.

Die beste Therapie einer Depression in der Schwangerschaft und Stillzeit ist die Psychotherapie.

Die Therapieempfehlungen der Depression richten sich nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand, der in Leitlinien zusammengefasst und in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird. Die aktuelle S3 Leitlinie empfiehlt Psychotherapie als Alternativverfahren bei leichten und mittelschweren depressiven Episoden. Bei schweren depressiven Episoden ist eine Kombinationstherapie aus Psychopharmakotherapie und Psychotherapie angezeigt, so dass nicht notwendigerweise mit Antidepressiva behandelt werden muss.
Das hat eine besondere Relevanz in der Behandlung schwangerer Patientinnen, weil somit Psychotherapie eine effektive Alternative zu einer Antidepressivabehandlung darstellt. Die Behandlung einer Depression in Schwangerschaft und Stillzeit unterscheidet sich also grundsätzlich nicht von den sonst üblichen leitliniengerechten Behandlungsformen.

Aber wenn eine Behandlung mit Antidepressiva erforderlich ist – was dann?

Eine psychopharmakologische Behandlung in der Schwangerschaft ist prinzipiell möglich, muss aber in dem Spannungsfeld zwischen einer möglichen Schädigung des Kindes durch das Präparat einerseits und der Schädigung von Mutter oder Kind durch die unbehandelte Erkrankung andererseits gesehen werden. Die Indikation muss stets streng gestellt sein. Je nach Erkrankung und Erkrankungsschwere sollte jedoch auch zu einer medikamentösen Therapie bzw. Weiterführung einer bestehenden Psychopharmakotherapie geraten werden. Denn auch eine unbehandelte psychiatrische Erkrankungen kann negative Folgen für das ungeborene Kind haben.

Folgende Fragen sind für die Patientinnen und Behandler relevant:

  • Kann die Einnahme von Antidepressiva während einer Schwangerschaft Fehlbildungen verursachen (vs. allgemeine Fehlbildungsrate)?
  • Kann die Einnahme von Antidepressiva zu Geburtskomplikationen führen?
  • Hat die Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft Langzeitauswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes?´

Diese Fragen lassen sich am besten im Kontext der unterschiedlichen Schwangerschaftsstadien beantworten.

Das erste Drittel

Besonders das erste Drittel eine sensible Zeit, da sich in dieser Zeit die Organe des Embryos entwickeln. Hier gilt es, eine mögliche medikamentöse Therapie mit äußerster Vorsicht für Fehlbildungen auzugewählen. Vorausgehen muss daher immer eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung nach dem aktuellen Wissensstand.

 Linktipp: Embryotox
Aktualisierte, vertrauenswürdige Behandlungsempfehlungen finden sich zum Beispiel unter www.embryotox.de. Hierbei handelt es sich um ein Angebot des Pharmakovigilanzzentrums für Embryonaltoxikologie der Charité Berlin.

Soll eine Antidepressivabehandlung in der Frühschwangerschaft erfolgen, stellt sich besonders die Frage nach dem Risiko von Fehlbildungen. Alle Antidepressiva werden durch die Plazenta auch zum Baby transportiert und wirken somit auch im Körper des Ungeborenen. Für die Gruppe der Selektiven Serotonin Rückaufnahmeinhibitoren (SSRI) gibt es im Vergleich zu den Trizyklischen Antidepressiva (TZA) weniger umfassende Erfahrungen, jedoch aufgrund häufiger Anwendung eine gute Studienlage. Bislang ist für Paroxetin und auch Fluoxetin ein erhöhtes Risiko für kardiale Fehlbildungen beschrieben. Für andere Wirkstoffe aus der Gruppe der SSRI konnte in einer großen Studie keine signifikante Risikoerhöhung für kardiale Fehlbildungen gefunden werden [1]. Sertralin erwies sich als am geringsten plazentagängig. TZA stellen durch die höhere Nebenwirkungsraten auch für die Mutter eine höhere Belastung dar. Für Clomipramin gibt es ebenfalls Hinweise auf eine Risikoerhöhung für kardiale Defekte und Komplikationen nach der Geburt. Clomipramin gehört zur Gruppe der TZA und hat auch einen wesentlichen Stellenwert in der medikamentösen Behandlung von Zwangsstörungen. Die zu Johanniskraut veröffentlichten Daten ergeben keinen Hinweis auf erhöhte Fehlbildungsraten, wobei die Fallzahlen gering sind. Lithium, das mitunter in der Augmentationsbehandlung schwerer depressiver Störungen eingesetzt wird, zeigt eine Assoziation mit der Ebstein-Barr Anomalie, ebenfalls einer Herzfehlbildung.

Das zweite und dritte Drittel

Bei einer Antidepressiva Therapie in späteren Schwangerschaftsstadien sind etwaige Geburtskomplikationen zu beachten. In einer Metaanalyse fand sich diesbezüglich ein fünffach erhöhtes Risiko für Anpassungsstörungen bei den Neugeborenen bei allen gängigen Antidepressiva Gruppen [2]. Dazu gehören:

  • Übererregbarkeit,
  • Zittern,
  • erhöhter oder erniedrigter Muskeltonus,
  • Atemnotsyndrom,
  • Hypoglykämie,
  • Trinkstörungen und
  • auffälliges Schlafverhalten mit vermehrten Schreckreaktionen

Dieses sogenannte neonatale Anpassungssyndrom ist als Absetz- bzw. Entzugsreaktion zu bewerten, nachdem nach der Geburt der Übertritt der Substanz über die Plazenta von der Mutter auf das Kind ausbleibt. Frühgeburtlichkeit und niedriges Geburtsgewicht wiederrum können auch mit der Erkrankung der Mutter an sich in Verbindung stehen.
Schwerwiegende negative Einflüsse auf die spätere Entwicklung der Kinder wurden bei einer Antidepressivaeinnahme in der Schwangerschaft bisher nicht beschrieben. In einigen Studien wurde auf eine fragliche Assoziation mit Störungen aus dem Autismusspektrum hingewiesen. Die Datenlage dazu ist aber noch sehr uneinheitlich. In einer neuen Metaanalyse wird ein Zusammenhang wiederrum angezweifelt [3].

Fazit für die Praxis

Zusammenfassend empfehlen Rhode und Schaefer auf Basis der Daten von Embryotox [4] Sertralin und Citalopram als Mittel der Wahl, wenn eine Depression in der Schwangerschaft medikamentös behandelt werden muss. Eine bereits bestehende stabile Einstellung sollte bei nahezu allen Antidepressiva mit Ausnahme von Paroxetin und Fluoxetin beibehalten werden. Mit dem Problem eines neonatalen Anpassungssyndroms ist bei allen Antidepressiva zu rechnen. Die Entbindung sollte daher in einem spezialisierten Zentrum erfolgen. Generell wird bei Fortsetzung der Antidepressiva Therapie nach der Entbindung zum Abstillen geraten. Die Datenlage zu den langfristigen Auswirkungen einer Antidepressivatherapie während der Schwangerschaft auf die weitere Entwicklung des Kindes ist beschränkt. Hierzu lässt sich keine einheitliche und damit zufriedenstellende Aussage treffen. Insgesamt muss somit die Indikation für eine Antidepressivatherapie in der Schwangerschaft sehr streng gestellt sein und sollte vorrangig eine psychotherapeutische Behandlung erfolgen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nächster Artikel

Mit Intensivtherapie endlich weg vom Alkohol!



Anmelden und kommentieren

Wir möchten uns auch in der virtuellen Welt mit wirklichen Menschen austauschen. Daher bitten wir Sie, sich anzumelden beziehungsweise zu registrieren. Bitte beachten Sie, dass wir Ihre Kommentare mit Ihrem realen Namen veröffentlichen.

Registrieren

zurück

*Pflichtfeld

Passwort vergessen?

zurück

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an und Sie erhalten eine E-Mail, mit der Sie Ihr Passwort zurücksetzen können.

Sind Sie noch nicht bei uns registriert?
Das geht ganz einfach! Jetzt registrieren.

Newsletter

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.

*Pflichtfeld