Affektive Störungen bei Ärzten

Ärzte, die selbst psychotherapeutische Hilfe brauchen? Heikel! Aber warum eigentlich?

Gernot Langs

Chefarzt für Psychosomatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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In diesem Blogbeitrag soll es um psychisch kranke Kolleginnen und Kollegen gehen. Sich eine Depression einzugestehen, fällt jedem schwer, aber als Arzt? Wir „predigen“ immer gegen eine Stigmatisierung. Aber gerade darum stellt sich die Frage, warum Ärzte sich mit dieser Diagnose mindestens genauso schwer tun wie ihre Patienten. Vermutlich haben auch Ärzte tief in ihrem Inneren Angst vor dem Stigma.

Wird die Ärzteschaft eher depressiv als andere Berufsstände?

2015 machte die Veröffentlichung einer Studie Furore, der zufolge Assistenzärzte in den USA überdurchschnittlich häufig unter Depressionen leiden (Douglas, AM st al., 2015, Quelle 4). Auf der Homepage der „American Foundation for Suicide prevention“ finden wir die Ergebnisse einer Metanalyse zu Suiziden bei Ärzten: Demnach ist die Wahrscheinlichkeit bei Ärzten 1,41 mal höher als bei Männern in der Allgemeinbevölkerung, bei Ärztinnen sogar um das 2,27fache gegenüber Frauen in der Allgemeinbevölkerung. Bemerkenswert ist das Ergebnis  auch deshalb, weil entgegen dem üblichen Trend in unserer Berufsgruppe Frauen eine höhere Suizidrate haben als Männer.
Im Verlauf dieses Blogs werde ich unter „Genderaspekte“ darauf zurückkommen.
Es gibt bisher in der Literatur keine methodisch „einwandfreien“ Studien, die eine erhöhte Prävalenz von affektiven Störungen beweisen. Lediglich indirekt könnte man schlussfolgern: Einerseits aufgrund der erhöhten Odds ratio bei Suiziden, andererseits auf Grundlage der Studien zu Burnout bei Ärzten. Doch diese sind aus methodischen Gründen nur mit Vorsicht zu „interpretieren“.
Um Zahlen soll es auch nicht gehen. Vielmehr ist mir die Frage wichtig, ob es auslösende und aufrechterhaltende Faktoren gibt, die in der Therapie von Kolleginnen und Kollegen beachtet werden müssten.

Ursachen für Depressionen

Ärztinnen und Ärzte sehen sich prinzipiell mit keinen anderen Risikofaktoren für Depressionen als andere Berufsgruppen konfrontiert. Es gibt nicht die „Arztdepression“. Biologische/genetische Aspekte, familiäre Belastungen, Traumata in der Kindheit, berufliche Belastungen, genderspezifische Faktoren: Hier ist nichts Außergewöhnliches. Und dennoch gibt es aus meiner Sicht Spezifika, die zu beachten sind. Und diese betreffen sowohl die Belastungsfaktoren als auch das Rollenverständnis, wenn es in die Therapie geht.

Belastungsfaktoren

Illness does not belong to us. It belongs to them, the patients

Gratifikationskrise in der Ärzteschaft

Es gibt, sie die Gratifikationskrise, Siegrist hat sie 1996 (Quelle 7) erstmals beschrieben. Eine Imbalance zwischen dem, was wir in den Beruf investieren und dem, was wir dafür bekommen. Dabei sollte bei Ärzten der monetäre Aspekt gesichert sein, denn sehen wir uns die Durchschnittsverdienste anderer Berufsgruppen an, stehen wir weit oben auf der Liste. Aber wie sieht es mit der emotionalen Gratifikation aus: Götter in Weiß? Gibt es höchstens noch im dritten Re-Run der Schwarzwaldklinik. Und dieser Ruf ist auch nicht erstrebenswert.
Zwar sind Ärzte noch immer „angesehen“ als Berufsstand, aber durch diverse Entwicklungen sind wir mittlerweile in eine inneren Verteidigungshaltung gedrängt, die Kraft kostet:

  • Angekratzter Ruf: Korruptionsskandale einzelner (ehemaliger) Kollegen haben und spektakuläre Behandlungsfehler haben das positive Bild der Ärzteschaft zumindest angekratzt. Gleiches gilt für Berichte über (angeblich oder tatsächliche) unnötige Untersuchungen und Operationen, die nur dazu dienen, dass Geld in die Kassen der Krankenhausträger gespült wird usw.
  • Mehr Arbeitsstress: Ärztemangel und Arbeitsverdichtung tragen dazu bei, dass die Belastungen steigen. Das gilt insbesondere für alle, die in der Notaufnahme oder der Palliativstation arbeiten. Sie haben beispielsweiseeine deutlich höhere Stressbelastung als Psychosomatiker.
  • Öffentliche Bewertungen: Dazu kommt die Unsicherheit hinsichtlich einer Negativbewertung in einem Internetforum.

Gleichzeitig gibt es Studien, dass Ärzte auch krank zur Arbeit gehen (Präsentismus). Die Gründe dafür sind mannigfaltig, meist steckt aber das ärztliche Ethos dahinter: Das beruhigt mich einerseits, macht mich aber auch nachdenklich. Sind kranke Ärzte ihren Patienten zumutbar? Steigt nicht das Risiko für Fehler dadurch an? Wenn Ärzte Infektionskrankheiten haben: Wie steht es mit dem  Übertragungsrisiko auf Patienten und Kollegen? Freilich: Der Beruf macht unheimlich viel Freude, aber die Unsicherheit gegenüber Patienten und Kostenträgern ist gestiegen. Und Unsicherheit ist auch ein wichtiger Stressor.

Genderaspekte

Wie eine Untersuchung von Thomas Kötter von der MUL (Quelle 3) zeigte, ist Präsentismus im Studium bei Studentinnen häufiger anzutreffen als bei männlichen Studierenden. Erhebungen unter Ärztinnen zeigten, dass Kolleginnen psychisch stärker belastet sind als Kollegen. Das „Warum“ ist nicht endgültig geklärt. Sicher spielen die noch immer bestehenden geringeren Aufstiegschancen und Doppelbelastungen eine Rolle.  Dies ist bei grober Betrachtung aber kein „arztspezifisches“ Thema. Berücksichtigt man allerdings, dass mittlerweile die Mehrzahl der Studierenden Frauen sind, und wirft man einen Blick auf die Suizidrate, wird es das sehr wohl!

Psychosomatiker und Psychiater als Therapeuten eines Arztes

Liebe Kollegen, auch für uns ist die Situation nicht immer leicht. Denn wir wissen im ersten  Kontakt nicht, wie viel „Psycho-Fachwissen“ Sie haben. Vor allem, wenn der Altersunterschied zwischen Behandler und  Patienten „größer“ ist – ein häufiges Problem, denn im stationären Setting: ältere Kollegen lassen sich meist nieder. Dann kann es zu Unsicherheiten kommen, von beiden Seiten. Da hilft dann nur das offene Gespräch darüber. Meist lässt sich das schnell klären. Und wir müssen uns darüber einig sein, dass wir Ihre Behandler und nicht die des Systems sind. Wenn es um gesundheitspolitische Aspekte geht, sitzen wir im gleichen Boot. Und da ist halt die Gefahr des gemeinsamen „Abjammerns“ groß. Die Therapie könnte dann auf der Strecke bleiben.

Fazit

Ärzte schienen tendenziell ein höheres Risiko für die Entwicklung affektiver Störungen und für Suizide zu haben. Es soll aber nicht um einen „Wettbewerb“ um die kränkeste Berufsgruppe gehen. Viel wichtiger ist es aus meiner Sicht, spezifische Risikofaktoren in dieser Berufsgruppe zu identifizieren und in der Therapie zu berücksichtigen. Insofern halte ich „ärztespezifische“ Behandlungsangebote für richtig.
Auch von Seiten der Therapeuten von Ärzten kann es Unsicherheiten geben. Diese müssen frühzeitig angesprochen werden, um den Erfolg der Therapie nicht zu gefährden.

Eine Antwort zu “Affektive Störungen bei Ärzten”

  1. Sil sagt:

    Ein ganz wichtiges und gut verdrängtes Thema.
    Danke dafür

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