Adipositas: Wenn Essen Symptom und Ursache zugleich ist.

Teil 1 unseres Beitrags zu Adipositas: Hintergründe, Ursachen und Komorbiditäten

Alexander Balling

Oberarzt für Psychosmatik an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Adipositas belastet Körper und Seele

Etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland ist adipös, wobei der Anteil der extrem Adipösen (BMI>40) zwischen 1,5 Prozent (Männer) und 2-3 Prozent (Frauen) am häufigsten mit körperlichen wie seelischen Erkrankungen verknüpft ist. Besonders zugenommen hat gerade die letzte Gruppe in den letzten Jahren.

Hinter Adipositas verbergen sich eine Vielzahl psychischer Belastungen bzw. Erkrankungen, die dazu beitragen, dass eine dauerhafte Gewichtsreduktion weder gelingt noch zu erwarten ist. Vielmehr kommt es im Lauf der Zeit meist zu weiterer Gewichtssteigerung. Hervorzuheben ist, dass Patienten mit einer Adipositas nicht nur durch das Aussehen selbst, sondern auch durch eine Vielzahl von körperlichen Begleiterkrankungen zusätzlich in ihrer Lebensqualität und oft auch – bei hohem BMI –  in ihrer Lebenserwartung eingeschränkt sind.

Der Leidensdruck wird zusätzlich durch diskriminierende Erfahrungen im Alltag verstärkt. Betroffene fallen auf, denn sie

  • entsprechen nicht dem Leistungs- und Schönheitsideal der Gesellschaft,
  • haben Schwierigkeiten, zum Beispiel in Bussen oder Flugzeugen einen Platz einzunehmen,
  • finden nur schwer einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

Je jünger die Betroffenen sind, desto häufiger gelingt die Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsprozess nicht. Jüngere Patienten leben meist isoliert und konzentrieren sich aufgrund der damit verknüpften Einschränkungen immer weiter auf das gestörte Essverhalten. Sie befinden sich in einem Teufelskreis. Hinzu kommt, dass die meisten Betroffenen mit einer Essstörung auch an einem sogenannten Selbststigma leiden: Das bedeutet, dass sie durch die chronische Erfahrung von Ausgrenzung selbst daran glauben, nicht vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu sein.

Je höher das Übergewicht, desto wahrscheinlicher die Komorbidität

Aufgrund negativer Erfahrungen auch im Gesundheitswesen berichten vielen Patienten ihr Leiden nicht, kommen oft erst durch die Folgen der Erkrankung wie z.B. Bewegungseinschränkungen, drohende Immobilität etc. dazu, sich Unterstützung zu holen. Dies ist meist schon recht spät. Mit zunehmendem Übergewicht steigt die Komorbidität mit weiteren seelischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen, Essstörung, Angststörung, Persönlichkeitsstörung, Impulskontrollstörungen und ADHS. So liegt die Komorbidität psychischer Erkrankungen bei Patienten, die sich wegen Adipositas-chirurgischer Maßnahmen in entsprechenden Zentren vorstellen, bei 50 bis 60 Prozent. Patienten mit einer Essstörung (meist Binge-Eating-Störung) selbst leiden in mehr als der Hälfte der Fälle unter weiteren seelischen Erkrankungen. Insofern kann man sagen, dass massives Übergewicht sehr häufig mit psychischen Faktoren verknüpft ist, ohne dass dies die einzige Ursache der Adipositas ist. 

Essverhalten stark übergewichtiger Menschen

Fragt man adipöse Patienten nach ihrem Essverhalten, so wird deutlich, dass das Essverhalten vom Umfang der Kalorien bzw. der Nahrungsmittelmenge deutlich unterschätzt wird. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass häufig ein sehr unregelmäßiger Mahlzeitenrhythmus besteht, oft mit Wechsel zwischen restriktiven und hyperkalorischen Phasen, häufigem Nebenher-Essen von Snacks oder Süßigkeiten, was dann wieder vergessen wird. Auch werden Fertigprodukte mit einem entsprechend hohen Anteil an Fetten und Süßigkeiten bevorzugt. Kennzeichnend für Patienten mit Adipositas und Essstörung ist die kaum vorhandene Wahrnehmung von Hunger und Sättigung. Ein Sättigungsgefühl wird oft erst nach sehr großen Portionen in Verbindung mit Erschöpfung oder Völlegefühl/Beschwerden im Abdomen wahrgenommen. Die eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit für Hunger und Sättigung ist oft auch verknüpft mit einer geringen Wahrnehmung von Anspannung, Stress sowie dem schwierigen Umgang mit Gefühlen, die oft als unangenehm erlebt werden:  Ärger, Traurigkeit oder Angst.

Patienten mit Essstörungen berichten häufig über Heißhungerattacken (Binge-Eating-Störung), in denen sie die Kontrolle verlieren, über das sogenannte „Grazing“, mit z.T. über Stunden, auch Tage anhaltendem ständigen Essen mit subjektivem Kontrollverlust, nächtliches Essen, suchtartiges Essen und eben auch „emotionales Essen“.

Gestörte Wahrnehmung von Hunger und Sättigung

Die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung ist vonseiten des Körpers und steuernder Hormone/Botenstoffe sehr komplex. Ein erreichtes Gewicht wird gewissermaßne vom Körper „verteidigt“. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Betroffenen mit Adipositas keine sichere Wahrnehmung von Hunger und Sättigung haben, so dass es entsprechend auch schwierig ist, das Essverhalten zu steuern. Ziel ist es daher, durch entsprechende Förderung der Selbstbeobachtung einschließlich Protokollierung sich einer entsprechenden Wahrnehmung anzunähern und dies längere Zeit einzuüben. In diesem Zusammenhang wird Betroffenen oft deutlich, in welchem Ausmaß seelische Faktoren oder Anspannung die Wahrnehmung von Sättigung stören bzw. unmöglich machen und wie Alternativen im Umgang mit diesen genannten Stressfaktoren entwickelt werden können. Viele Übergewichtige haben ein sehr eingeschränktes, wenig flexibles Essverhalten, so dass entsprechende ernährungstherapeutische Interventionen, wie Lehrküche, Kochkurse, etc. eine Erweiterung des Spektrums herbeiführen können. Gleiches gilt für das Heranführen an körperliche Aktivitäten, wobei auch dies sehr individuell erfolgen muss und an die Adipositas selbst und die damit verknüpften Einschränkungen angepasst werden muss.

Im zweiten Teil unseres Beitrags zur Adipositas erläutert unser Experte Dr. Alexander Balling, welche Therapien helfen und welche Voraussetzungen dafür nötig sind.

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