Achtsamkeit – Wellness für die Seele oder wirksame Psychotherapie?

Im Hier und Jetzt leben, ohne zu werten und alles Leid verschwindet. Wirklich? Wann und wie Achtsamkeit in der Therapie helfen kann - und wann nicht.

Bernhard Osen

Chefarzt an der Schön Klinik Bad Bramstedt

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Im Internet zum findet man zum Thema Achtsamkeit meist schöne Bilder von Lotusblüten, Buddha Figuren und glücklichen Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Achtsamkeitscoaches, Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Managementtrainer zitieren tibetische Mönche und bieten unter dem Motto „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ Lösungen für den gestressten, Multitasking-Menschen an, der im Autopilotenmodus auf der Überholspur durch seinen Alltag rast. Und sind wir das nicht eigentlich alle?
In der Psychotherapie wurden schon vor 25 Jahren neue achtsamkeitsbasierte Verfahren entwickelt. In der Verhaltenstherapie spricht man von „Dritte-Welle-Verfahren“: Nach der ersten rein behavioralen Ausrichtung der Verhaltenstherapie („erste Welle“) folgte eine „zweite Welle“ der Integration von Kognition und Emotion, danach eine „dritte Welle“ mit der Erweiterung um achtsamkeitsbasierte Verfahren.
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man den Eindruck gewinnen, es gehe bei den neuen achtsamkeitsbasierten Verfahren im Wesentlichen darum, das generelle Wohlbefinden zu steigern und Glück und Zufriedenheit durch die Besinnung auf fernöstliche Weisheitslehren zu erreichen.

Exkurs: Achtsamkeit im religiösen Kontext

Der Ursprung wird meist dem Buddhismus zugeschrieben, wenn auch in vielen anderen mystischen Traditionen meditative Rituale mit achtsamkeitsbasierten Übungen praktiziert und gelehrt wurden. Die Lehre des Buddha soll den Menschen einen Weg aufzeigen, ein Leben in vollkommener Freiheit vom Leiden zu erlangen. Leiden und Schmerz entstehen demnach vor allem auch durch Verlangen und Anhaftung mit der Frustration, nicht zu bekommen, was man begehrt beziehungsweise zu erhalten, was man nicht möchte. Ist diese Erkenntnis erlangt, führt der Weg zur Auflösung des Leidens: der sogenannte Achte Pfad. Auf diesem Weg ist Achtsamkeit im Rahmen der Mediationspraxis ein zentraler Bestandteil. Durch sie soll die freudige Wertschätzung eines jeden Momentes sowie bedingungsloses Mitgefühl für sich selbst und andere gefunden werden. Achtsamkeit wird also als eine Teil einer lebenslangen spirituellen Praxis und Haltung aufgefasst, die in Kombination mit anderen Elementen am Ende zu einer vollständigen inneren Befreiung führt. (Rose u. Wallach 2009)

Achtsamkeit in der Psychotherapie

In die Psychotherapie spielte Achtsamkeit erstmals in den 1980iger Jahren im Konzept der Dialektisch Behavioralen Therapie eine bedeutende Rolle (DBT), welche Linehan zur Behandlung von Borderline-Störungen entwickelte (Linehan 1987). Ihre These: Borderline Patienten zeigen häufig aufgrund negativer biographischer Erfahrungen ein hohes Maß an Kampf und Wehrbereitschaft. Sie profitierten durch eine Haltung der „radikalen Akzeptanz“ gegenüber Tatsachen, die nicht zu ändern sind. Achtsamkeit wird in diesem Konzept in erster Linie als Strategie zur Emotionsregulation verstanden.

In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelten sich zahlreiche neuere Verfahren, in denen Achtsamkeit einen wichtigen Bestandteil darstellte. Allen voran das Konzept Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) von Kabat-Zinn, welches sich noch sehr an Yoga-Meditation orientiert und Achtsamkeit als Haltung versteht, (Kabat-Zinn 1990). Kabat-Zinn erwartet im Rahmen des Programmes eine regelmäßige formale Achtsamkeitspraxis von mindesten 30 Minuten Meditation täglich. Er formulierte die wohl bekannteste Definition von Achtsamkeit im psychotherapeutischen Kontext:

Achtsamkeit ist das Bewusstsein, das entsteht, indem man der sich entfaltenden Erfahrung von einem Moment zum anderen bewusst seine Aufmerksamkeit widmet, und zwar im gegenwärtigen Augenblick und ohne dabei ein Urteil zu fällen.

Laut Kabat-Zinn ist dies verknüpft mit Nicht-Werten, Geduld, Anfängergeist, Akzeptanz und Loslassen. Von Shapiro und Schwartz (1999) wurden die Qualitäten Sanftmut, Großzügigkeit, Empathie, Dankbarkeit und liebende Güte hinzugefügt.

Da die Auswahl der dazugehörigen Komponenten stark variierte, wurde auf einer Konsensuskonferenz in Toronto 2004 der Versuch einer wissenschaftlichen Operationalisierung von Achtsamkeit unternommen. Achtsamkeit wurde als eine Verbindung von zwei Prozessen aufgefasst:

  1. Der Prozess der Selbstregulation der Aufmerksamkeit. Er beschreibt das Bemühen, den Fokus der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten und dort zu halten.
  2. Der Prozess der Orientierung auf das gegenwärtigen Erleben. Er ist durch eine Haltung von Neugier, Offenheit und Akzeptanz charakterisiert.

Dritte-Welle-Verfahren

Es folgten weitere Verfahren, die Achtsamkeit in unterschiedlicher Weise integrierten und sich meist als transdiagnostische bzw. als stärker kontextuell ausgerichtete Verfahren verstehen. In diesen sogenannten „Dritte-Welle-Verfahren“ haben die einzelnen Komponenten sehr unterschiedliche Stellenwerte. Dies soll an drei Beispielen kurz umrissen werden:

  • Im Konzept der Metakognitiven Therapie (MKT) ist die Achtsamkeit sehr eng gefasst und klar umschrieben, nämlich als Strategie zur Defusion und Desidentifikation. Gedanken und Gefühle werden als mentale Ereignisse gesehen, deren Einfluss entkräftet werden kann, indem man sich nicht mit ihnen identifiziert, sie einfach beobachtet und kommen und gehen lässt, wie eine Wolke. Die dadurch erreichte Veränderung der Beziehung zu den Gefühlen und Gedanken soll eine, von automatischen Bewertungsprozessen unabhängige Entscheidung des Verhaltens ermöglichen.
  • In der Akzeptanz und Commitmenttherapie (ACT) sind Akzeptanz, Defusion und Gegenwärtigkeit drei von sechs Komponenten, durch welche psychische Flexibilität erreicht werden soll. Akzeptanz im Sinne des ACT besteht darin, eine „bewusste offene, aufgeschlossene, nichtwertende Haltung gegenüber verschiedenen Aspekten des Erlebens“ einzunehmen.
  • Bei der Compassion Focussed Therapie (CFT) wird Achtsamkeit als Voraussetzung dafür gesehen, dass der Mensch seine liebenden und gütigen Anteile entwickelt kann.

Evidenz

Die Vielfalt der Verfahren macht eine Bewertung hinsichtlich des zusätzlichen Nutzens einer Psychotherapie und der wissenschaftlichen Evidenz schwierig. Dementsprechend gehen die Meinungen in der Fachwelt weit auseinander. Es gibt eine ganze Reihe von Metaanalysen, die dritte Welle Verfahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf achtsamkeitsbasierte Interventionen an unterschiedlichsten Stichproben untersucht haben. Hochwertige Studien sind dabei aber eher selten. Es handelt sich häufig um nicht klinische Stichproben, bei denen nicht krankheitsspezifische Parameter untersucht wurden. Am besten belegt gilt der Effekt von MBCT auf die Rückfallraten bei chronischer Depression und die Effekte verschiedener achtsamkeitsbasierter Interventionen auf Angststörungen (Hofmann et al. 2010) sowie Erfolge des ACT (Öst 2008, 2014). In der Regel wurden dabei mittlere Effektstärken im Bereich von 0,5 bis 0,8 gefunden.
Ungeachtet der unklaren Evidenzlage ist Achtsamkeit heute aus dem therapeutischen Alltag kaum noch weg zu denken. Sie gehört sozusagen schon zur Standardausrüstung der Methodenkiste eines Psychotherapeuten. Bewährt hat sich Achtsamkeit dabei vor allem zur Verbesserung der Emotionsregulation, Grübelkontrolle, Stressbewältigung und Schmerzbewältigung. In manchen Fällen bewirkt eine intensivere Auseinandersetzung, aber auch eine innere Neuorientierung mit Veränderung des Wertesystems.

Unerwünschte Wirkungen von Achtsamkeit

Bei manchen Menschen hat die Beschäftigung mit Achtsamkeit aber auch unerwünschte Nebenwirkungen. So können Patienten durch Achtsamkeitsübungen eine kurzfristige Entlastung erfahren, die dazu führt, sich in eine Welt zu flüchten, in der alles gut werden wird. Die Beschäftigung mit den eigentlichen Problemen wird dadurch vermieden. Teilweise erfolgt eine Hinwendung an pseudotherapeutische Angebote aus dem esoterischen Bereich. Daneben kann es, wie in der Psychotherapie allgemein, durch die vermehrte Aufmerksamkeit auf innere Prozesse zu einer, zumindest vorübergehenden Verschlechterung von Symptomen bzw. auch einer dysfunktionale Selbstbezogenheit kommen. Psychotherapeuten sollten diese Aspekte im Auge behalten.

Fazit

Achtsamkeit ist ein zentraler Bestandteil der Buddhistischen Lehre zur Befreiung von innerem menschlichen Leid, spielt aber auch in vielen anderen mystischen Traditionen eine Rolle. Erste Ansätze, die Achtsamkeit im psychotherapeutischen Kontext anwenden, finden sich im Behandlungskonzept zur Therapie von Borderline-Störungen bei Linehan. In den Folgejahren entwickelten sich zahlreiche neuere achtsamkeitsbasierte Verfahren, die als „Dritte Welle“ in der Verhaltenstherapie bezeichnet werden und sich überwiegend als transdiagnostische Verfahren verstehen. Die Evidenzlage ist noch sehr begrenzt.
Bewährt hat sich Achtsamkeit vor allem zur Verbesserung der Emotionsregulation, Grübelkontrolle, Stressbewältigung und Schmerzbewältigung. Nebenwirkungen in Form von Vermeidung der Auseinandersetzung mit ursächlichen Problembereichen oder dysfunktionaler Selbstaufmerksamkeit können vorkommen.

2 Antworten zu “Achtsamkeit – Wellness für die Seele oder wirksame Psychotherapie?”

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Osen,
    ich bin als betroffene “ Grenzgängerin “ , welche sich seit Jahren mit dem Borderline Syndrom intensiv beschäftigt,
    begeistert von ihrem Beitrag.
    Besonders hervorheben möchte ich in dem von Ihnen verfassten Artikel :
    Der Prozess der Orientierung auf das gegenwärtigen Erleben. Er ist durch eine Haltung von Neugier, Offenheit und Akzeptanz charakterisiert.
    Dieses entspricht voll und ganz meiner Erfahrung bezüglich meiner Hilfe zur Selbsthilfe.
    Ich möchte noch hinzufügen , dass es mir anfänglich schwer viel , rein intellektueller Sprachgebrauch in den Zusammenhang mit meinem inneren Kind zu bringen.
    Ich verstand zwar die Worte , jedoch landeten sie leider nicht in meinem Gefühl zu mir ,
    konnte sie somit nicht auf mich beziehen.
    Mein Wunsch wäre es , diese von Ihnen grandios zusammengefassten Eigenschaften wie Neugier , Offenheit und Akzeptanz in ein etwas “ schlichteres “ Wortgewand zu kleiden ,
    um ein vielleicht etwas besseres Verständnis für Betroffene zu erreichen.
    Aus meiner Sicht , musste ich in Punkto Gefühlsausdruck , erst eine für mich neue Sprache lernen ,
    welches darauf beruht , dass zumindest mir , der Ausdruck und die Möglichkeit Gefühle äußern zu können als KIND genommen wurde.
    Herzlichen Dank für diesen sehr guten Beitrag .
    Mit freundlichen Grüßen Bettina Ruesch

    • Bernhard Osen sagt:

      Sehr geehrte Frau Ruesch,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar!
      Es freut mich sehr, dass Sie so gute Erfahrungen mit Achtsamkeitsstrategien machen konnten. Ich habe mir Ihren Kommentar zu Herzen genommen und möchte noch einen alternativen Vorschlag hinsichtlich der Formulierung einer achtsamen Haltung versuchen.
      Was halten Sie von folgender Formulierung?
      Eine achtsame Haltung ist gekennzeichnet durch den Wunsch oder auch die Lust Neues zu entdecken, mit der Bereitschaft sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Es geht dabei darum, die Dinge mit allen ihren Facetten so zu beobachten und zu erleben, als ob man sie zum ersten Mal wahrnimmt, ohne sie zu bewerten oder sie verändern zu wollen. (Die Buddhisten bezeichnen das als „Anfängergeist“.)

      Ich wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Freude beim Entdecken.
      Mit besten Grüßen
      Bernhard Osen

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